Die Aufregung im Januar 2016 war groß: Sollen Schüler Hitlers Mein Kampf im Geschichtsunterricht lesen? Muss das sein? Darf das sein? Bildungsminister, Lehrerverbände, Geschichtsprofessoren, der Zentralrat der Juden – alle brachten sich in Stellung, als das Institut für Zeitgeschichte in München vor einem Jahr die erste Neuauflage von Mein Kampf seit 1945 veröffentlichte: zwei Bände, 1966 Seiten und gut 3.500 Kommentare schwer. 70 Jahre lang war der Nachdruck verboten gewesen, nun war das Urheberrecht erloschen. Sollte diese Neuauflage von Mein Kampf Schulstoff sein? Bundesbildungsministerin Johanna Wanka und Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, hielten einen Einsatz des Buchs im Unterricht für unbedingt notwendig. Um es zu entmythologisieren, um Hitlers Aussagen zu entlarven, um Präventionsarbeit zu leisten.

Der Jüdische Weltkongress bezeichnete den Einsatz von Mein Kampf als unverantwortlich, weil das Buch rechtsradikales Gedankengut befeuere und Schüler für Hitlers Ideologie empfänglich mache. Mein Kampf gehöre in den "Giftschrank der Geschichte". Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, kritisierte die zu starke Fokussierung auf die Person Adolf Hitler.

Am Ende beschieden einige Bildungsministerien – etwa in Niedersachsen, Bremen oder Bayern –, dass die Arbeit mit der kommentierten Ausgabe wünschenswert, aber keine Pflicht sei. Andere, wie Hamburg oder Thüringen, betonten, dass keine Notwendigkeit bestehe, die Neuauflage zu verwenden.

Wie sieht es nun, ein Jahr danach, an den Schulen aus? Für das Institut für Zeitgeschichte ist die kritische Edition ein Erfolg. Mein Kampf ist ein Bestseller, 85.000 Exemplare sind verkauft, in diesen Tagen erscheint die sechste Auflage. Unklar ist jedoch, wie viele Exemplare es in die Klassenräume geschafft haben. Das Institut für Zeitgeschichte sagt, die Frage könne man nicht beantworten: Die meisten Exemplare seien nicht direkt bestellt, sondern über den Buchhandel verkauft worden. Politik- und geschichtsinteressiert seien die Käufer in der Regel, sicher waren auch Lehrer dabei. Großflächige Klassensatz-Bestellungen aber habe es nicht gegeben. Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Philologenverbandes, schätzt, dass der Prozentsatz an Schulen, die in Deutschland Mein Kampf angeschafft haben, "im einstelligen Prozentbereich" liege. Viel Aufregung um wenig Hitler?

Peter Johannes Droste, 57, unterrichtet an einem Aachener Gymnasium. Er ist einer von vielen Geschichtslehrern Deutschlands, die für die Neuauflage von Hitlers Hassschrift keine Verwendung haben. Wenn er mit seinen Schülern über die NS-Zeit spreche, dann nehme er Schulbücher oder Quellensammlungen zur Hand – und da gehörten auch Auszüge aus Mein Kampf dazu. "Die sind doch nicht neu für uns! In Schulbüchern finden wir immer wieder abgedruckte Passagen", sagt Droste. Um Hitlers Weltanschauung und die Gräueltaten der Nazis begreifbar zu machen, brauche es nicht die Neuauflage mit 1.966 Seiten. Droste schaut sich mit den Schülern die Propaganda Joseph Goebbels’ an oder besichtigt Konzentrationslager: "Dort lässt sich viel besser verdeutlichen, welche Folgen die Ideologie hatte."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017.

Das sieht auch Johannes Heinßen so. Der Vorsitzende des Niedersächsischen Geschichtslehrerverbandes sagt, ein Blick in Mein Kampf mache den Unterricht nicht automatisch besser und die deutsche Geschichte nicht unbedingt verständlicher. "Dafür ist Mein Kampf einfach zu schlecht und zu wirr geschrieben." Mehrere Seiten am Stück zu lesen sei für Schüler anstrengend und dazu wenig erhellend. Den Nutzen dieser Edition für den Unterricht hätten die Ministerien überschätzt.

Drei Jahre lang hatten die Historiker am Institut für Zeitgeschichte an der kritischen Edition gearbeitet, biografische Angaben überprüft, falsche Behauptungen widerlegt, ideologische Begriffe erklärt und das Werk in den Kontext eingeordnet. Ist das für Schüler wirklich ohne Wert?

Die Mehrheit der Lehrer ist offenbar dieser Meinung. "Für die Universitäten und die Studierenden ist es eine große Chance, sich kritischer mit dem Werk zu befassen. Für den Geschichtsunterricht ist es aber zu komplex", sagt Ralph Erbar, der Referendare für Geschichte ausbildet und Vorsitzender des rheinland-pfälzischen Geschichtslehrerverbandes ist. Die Wissenschaft freue sich über fast 2.000 Seiten, die Schüler nicht.

Einer der wenigen, die das anders sehen, ist Christian Müller. Der 34-Jährige ist Geschichtslehrer an einer Gesamtschule in Osthofen bei Worms. Vor vier Jahren, noch als Referendar, hat er sich zum ersten Mal mit Mein Kampf beschäftigt. Schon damals war bekannt, dass das Institut für Zeitgeschichte eine Neuauflage auf den Markt bringen wollte. Müller machte dieses Thema zu seiner Examensarbeit. Er wollte herausfinden, wie nützlich das Werk für den Unterricht sein kann.

"Dürfen wir das überhaupt lesen?" sei die erste Frage seiner Schüler gewesen. Natürlich, habe er ihnen geantwortet. Nicht die Lektüre des Buches, sondern der Nachdruck sei verboten. "Es geht von diesem Werk ein Reiz des Verbotenen aus. Das macht es für die Schüler spannend", stellte Müller fest. Seine Hoffnung: Mit dem Interesse an der Hassschrift lasse sich vielleicht auch das Interesse für deutsche Geschichte steigern. Bevor er seine Schüler einen Blick in das Buch – damals noch nicht die kommentierte Neuauflage – werfen ließ, diskutierten sie: Warum ist die Debatte um dieses Buch so brisant? Ist eine Neuauflage rechtlich in Ordnung? Ist sie ethisch vertretbar, oder sollte man gegen die Veröffentlichung vorgehen? Dann wählte Christian Müller Auszüge aus drei Kapiteln aus und legte sie den Schülern vor: ein Kapitel zum Volks- und Rassebegriff, eines zur Ostpolitik und ein weiteres zu autobiografischen Angaben Hitlers. "Daran lassen sich sehr gut die Ideologie, aber auch die Kriegspläne verdeutlichen. Und wir haben eine Grundlage, um über Rassismus, Antisemitismus oder Sozialdarwinismus zu sprechen."

Bald wird Müller erneut Mein Kampf im Unterricht einsetzen. Für seinen Kurs in der Jahrgangsstufe 12 kann er dieses Mal auf die kritische Edition zurückgreifen. Das sei nicht nur eine Erleichterung für ihn als Lehrer. "Sie zeigt den Schülern auch, wie ein kritischer Umgang mit Quellen aussehen kann. Einen Text hinterfragen – das ist mehr Arbeit, als nur fünf Wörter anzustreichen."

Im November hat Müller eine Fortbildung angeboten, um anderen Lehrern aufzuzeigen, wie sich das Buch in den Unterricht integrieren lässt. Mit Passagen aus Mein Kampf in Geschichtsbüchern hatten einige bereits gearbeitet. "Sie schreckten aber davor zurück, das Buch mit in den Unterricht zu nehmen." Dabei sei das doch nichts anderes, als Reden oder Parteiprogramme mit den Schülern zu besprechen. "Und das haben alle schon gemacht."

Verunsichert, eingeschüchtert – so nimmt auch Heinz-Peter Meidinger vom Philologenverband die Geschichtslehrer in Deutschland aktuell wahr. Politisch brenzlig! Besser die Finger davon lassen! Zu dieser Reaktion habe die wochenlange Diskussion um Mein Kampf geführt: "Was den Umgang mit Quellen aus dem 'Dritten Reich' angeht, ist unter Lehrern die Angst größer geworden, etwas Falsches zu unterrichten und sich angreifbar zu machen."

Auch Josef Kraus, Präsident des Lehrerverbandes, bedauert die Zurückhaltung der Geschichtslehrer. "Es ist großer Quatsch, dieses Buch unter Verschluss zu halten. Man kann unseren Lehrern zutrauen, dass sie es sensibel einsetzen", sagt er. Andererseits hält er es zeitlich für nicht zumutbar, dass ein Lehrer ein fast 2.000 Seiten umfassendes Werk allein komplett durcharbeitet. Zwar enthalte die kritische Edition viele Anmerkungen, aber keine Unterrichtsmaterialien für Schüler. "Das dürfte sich mit dem Reader langsam ändern."

Kraus meint damit Themenhefte zur kritischen Edition, die der Stark-Verlag und die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit nun herausgeben. Statt 1.966 Seiten befassen sie sich auf gut 70 Seiten mit Mein Kampf – die Hoffnung ist, damit die Hemmschwelle für Lehrer zu senken. In den Heften stehen Texte zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Erstausgabe und der Neuauflage sowie Vorschläge zur Unterrichtsgestaltung. So sollen die Schüler zum Beispiel drei verschiedene Mein Kampf- Cover vergleichen und die Absichten der Verleger herausarbeiten. Andere Aufgaben bestehen etwa darin, anhand des Originaltextes und kritischer Anmerkungen zu erörtern, in welche Widersprüche sich Hitler verstrickt. Wie viele Lehrer das Heft bisher nachgefragt haben, kann der Stark-Verlag nicht sagen. Alle Geschichtsmaterialien – nicht nur das Heft zu Mein Kampf – würden im Abo an Schulen oder an einzelne Lehrer vertrieben.

Ob sie dann tatsächlich im Geschichtsunterricht benutzt werden – man weiß es nicht.

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