Dass mit Hitler ein fanatischer Antisemit an die Macht gekommen war, hätte die in Deutschland lebenden Juden am stärksten beunruhigen müssen. Das war aber keineswegs der Fall. "Im übrigen gilt heute ganz besonders die Parole: Ruhig abwarten!" So schloss der Vorstand des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens seine Erklärung vom 30. Januar. Zwar begegne man der neuen Regierung "selbstverständlich mit größtem Mißtrauen", doch sehe man in Reichspräsident Hindenburg "den ruhenden Pol". An dessen "Gerechtigkeitssinn" und "Verfassungstreue" habe man keine Zweifel. So sei man überzeugt, dass "niemand es wagen" werde, "unsere verfassungsmäßigen Rechte anzutasten". In einem Leitartikel in der Jüdischen Rundschau vom 31. Januar wurde überdies die Erwartung ausgesprochen, "daß auch im deutschen Volk die Kräfte noch wach sind, die sich gegen eine barbarische antijüdische Politik wenden würden". Es sollte nur wenige Wochen dauern, bis sich all diese Annahmen als trügerisch erwiesen.

Falsche Vorstellungen über die Natur des Machtwechsels machten sich nicht zuletzt die ausländischen Diplomaten. Der amerikanische Generalkonsul in Berlin, George S. Messersmith, meinte zwar, es sei schwierig, eine klare Vorhersage über die Zukunft der Hitler-Regierung zu machen, sprach aber die Vermutung aus, dass sie nur eine Übergangserscheinung hin zu stabileren politischen Verhältnissen darstelle. Für den englischen Botschafter Horace Rumbold sah es so aus, als sei es den Konservativen gelungen, die Nationalsozialisten erfolgreich einzuhegen. Allerdings prophezeite er, dass schon bald Konflikte zwischen den ungleichen Bündnispartnern ausbrechen könnten, weil Papens und Hugenbergs Ziel einer monarchischen Restauration sich mit Hitlers Plänen nicht vereinbaren lasse. Dem Foreign Office empfahl er, eine abwartende Haltung gegenüber der neuen Regierung einzunehmen.

Der französische Botschafter André François-Poncet nannte das Kabinett Hitler/Papen/Hugenberg ein "gewagtes Experiment", riet seiner Regierung aber ebenfalls, Ruhe zu bewahren und die weitere Entwicklung abzuwarten. Als er am Abend des 8. Februar bei einem Empfang des Reichspräsidenten für das diplomatische Korps zum ersten Mal Hitler begegnete, war er erleichtert. Ihm erschien der neue Reichskanzler "matt und mittelmäßig", eine Art Miniaturausgabe Mussolinis.

Den Schweizer Gesandten, Paul Dinichert, erreichte die Nachricht von der Ernennung Hitlers, als er mit "hochgestellten deutschen Persönlichkeiten" zu Mittag aß. "Kopfschütteln. 'Wie lange mag das wohl dauern?' – 'Na, es hätte ja schlimmer ausfallen können'", schilderte er die Reaktion in seinem Bericht nach Bern. Dinichert erkannte richtig, dass Papen der Strippenzieher bei der Installierung des neuen Kabinetts gewesen war. Aber er irrte wie die meisten anderen Kommentatoren, wenn er das Ergebnis so beschrieb: "Hitler, der langjährige Anwärter auf die unbeschränkte Alleinherrschaft, mit zwei seiner Jünger, eingespannt, eingekeilt oder eingeklemmt – wie man das illustrieren will – zwischen den Kollegen von Papen und Hugenberg."

Selten ist ein politisches Projekt so rasch als Chimäre enthüllt worden wie das Konzept der Konservativen zur "Zähmung" der Nationalsozialisten. Was machttaktische Gerissenheit betraf, war Hitler seinen Mit- und Gegenspielern im Kabinett turmhoch überlegen. Binnen Kurzem hatte er sie an die Wand gespielt, Papen aus der Vorzugsstellung bei Hindenburg verdrängt und Hugenberg zum Rücktritt gezwungen.

Nur fünf Monate brauchte Hitler, um seine Macht zu etablieren. Bis Sommer 1933 waren Grundrechte und Verfassung außer Kraft gesetzt, die Länder gleichgeschaltet, die Gewerkschaften zerschlagen, die Parteien verboten oder aufgelöst, Presse und Rundfunk auf Linie gebracht; die rechtliche Gleichstellung der Juden war beseitigt. "Alles, was in Deutschland außerhalb der nationalsozialistischen Partei existierte", sei "zerstört, zerstreut, aufgelöst, angegliedert oder aufgesaugt", zog François-Poncet Anfang Juli Bilanz. Hitler habe "die Partie mit geringem Aufwand gewonnen": "Er musste nur pusten – das Gebäude der deutschen Politik stürzte zusammen wie ein Kartenhaus."