Ein Mann befragt eine Frau; er will wissen, welche Arten der Liebe sie erlebt hat. Die Frau ist seine Kundschafterin im Reich der Erotik, und ob es, jenseits des Dialogs, eine Intimität zwischen ihm und ihr gab oder je geben wird, bleibt offen. Alle Sinnlichkeit, zu welcher der Mann fähig ist, legt er in das Verhör, das er führt. Als Peter Handkes Schauspiel Die schönen Tage von Aranjuez im Jahr 2012 in Wien uraufgeführt wurde, kam es hinter den Kulissen zum Streit: Die einsame Lust, der Mangel an Berührungen, an szenischen "Lösungen" im Stück – all das ließ sich auf der Bühne schwer gestalten, die Frustrationen entluden sich zwischen den Künstlern. Auch Handke und sein Regisseur und Freund Luc Bondy gerieten aneinander. Die beiden, die so oft miteinander gearbeitet hatten, taten es danach nie mehr; Bondy starb im November 2015.

Nun hat ein anderer lebenslanger Freund Peter Handkes, Wim Wenders, das Stück auf seine Weise weiterentwickelt. Wo es bei der Wiener Uraufführung zwischen den Schauspielern Jens Harzer und Dörte Lyssewski auf der Bühne immer wieder aufrührerische Handgreiflichkeiten gab, mit denen Bondy die Askese von Handkes Figuren unterlief (Harzer hob Lyssewski rüde an den Gesäßbacken in die Höhe; später griff er ihr in den Mund wie einem Pferd), beharrt Wenders auf der Würde und dem unüberwindbaren Abstand zwischen den beiden.

Zwei Menschen im Blick einer 3-D-Kamera: Der Mann (Reda Kateb) wirkt wie ein Verhörspezialist, der aus den Geheimnissen, die er erfährt, keinen Vorteil ziehen wird – der Wunsch nach Erkenntnis treibt ihn an. Er will noch einmal hören, wie es ist, "fleischlich" zu sein, ohne diese Erfahrung für sich in Betracht zu ziehen. Er will es sich nur vorstellen. Und die Frau (Sophie Semin) erstattet Bericht: So bin ich berührt worden. Wenders umkreist den Gesprächsplatz mit seinem 3-D-Blick, als betrachte er eine Quelle, aus der ein von keinem Gift getrübtes Wasser steigt: das absichtslose Gespräch über die Liebe.

Angetrieben wurde Wenders von der Idee, "so genau wie möglich mit zwei Kameras zu imitieren, was (und wie) zwei Augen sehen". Nichts von dem, was die beiden in sommerlicher Beschaulichkeit sprechen, hat szenische Folgen. Dieser Film ist ein Gegenstück zum Blockbusterkino, in dem Rhetorik nur retardierendes Element ist, ehe zur Jagd geblasen wird, zur großen Scooterfahrt durch die Loopings der Special Effects, am besten in 3-D. Bei Wenders wird der Dialog nicht abgelöst durch eine fette, zwingende Eskalation, für die sich dann das Eintrittsgeld gelohnt haben wird. Hier bekommt man keine "Handlung", von der man einem Dritten im Lift erzählen kann, man bekommt nur ein Gespräch auf einer Gartenterrasse und das Rauschen der Bäume im Wind, der manchmal alarmierend auffrischt und dann klingt wie ein Appell zum Aufbruch.

Kino - "Die schönen Tage von Aranjuez" (Trailer)

Jens Harzer, der in Bondys Wiener Uraufführung den namenlosen Mann gespielt hatte, ist auch hier dabei. Im Film hat er die Rolle eines Schriftstellers, der den Dialog der beiden namenlosen Hauptfiguren aus dem Inneren des Hauses belauscht. Es ist eine Rolle, die Wenders erfunden hat, wohl um die Einsamkeit des Mannes und der Frau zu lindern. (Außerdem tauchen Nick Cave und Handke selbst kurz im Film auf.)

Das Begehren des Schriftstellers

Der Schriftsteller hat ein Bühnenbildmodell vor sich stehen, welches ihm die reale Verandaszene verkleinert zeigt: Stühle und einen Gartentisch, handspannenhoch. Er schaut darauf hinab wie Jack Nicholson in Shining, der, vom Wahnsinn ergriffen, im Modell eines Irrgartens seine echte Familie dahineilen sieht. Auch der Schriftsteller bei Wenders ist eher mit der eigenen Vorstellungswelt als mit den Geschehnissen in seinem Garten beschäftigt. Mimetisches Begehren, hat René Girard gesagt, sei die Urkraft aller Dramen Shakespeares: Einer sieht, was ein anderer begehrt, und begehrt es deshalb auch; einer erkennt die Intimität zweier anderer und will das, was sie erleben, auch haben. Etwas von diesem Schmerz ist auch im Gesicht des Schriftstellers zu sehen, der dem redenden Paar im Garten zusieht, wobei nicht ganz klar ist, wem sein Begehren gilt: der Frau, die ihn anzieht, oder dem Mann, an dessen Stelle er gern wäre?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017.

Womöglich erinnert sich der Schriftsteller auch nur an das Gespräch der beiden – oder er denkt es sich gerade aus? Bei Handke heißt es: "Ich habe diese Geschichte noch niemandem erzählt, nicht einmal mir selbst" – und das trifft die Dynamik dieses Films. Und an anderer Stelle: "Ohne Frage komme ich nicht weiter. Ohne Fragen bin ich blind und stumm." Ein Schriftsteller befragt sich selbst – indem er sich aufspaltet in ein unmögliches Paar.

Er hat aber, bevor er sich hinter sein Bühnenbildmodell zurückgezogen hat, dem Leben genau zugesehen. So beschreibt der Mann (vielleicht also der Schriftsteller, gewiss aber Handke) einmal ausführlich das Staubbad von Spatzen an einem heißen Tag, einen wirbligen Vorgang, der im Sand nach Abflug der Tiere ein paar Kuhlen zurücklässt: "Muster, Spiel und Rhythmus bleiben sichtbar für den, der weiß. Für den, der zugeschaut hat."

So begleitet dieser Film die Zeremonie eines Abschieds. Es ist der Versuch, durch Sprache den Akt der Liebe zu verstehen, zu verlängern – und am Ende zu ersetzen. Für den, der zugeschaut hat.