Am Ende hat es die "Bibliotheksmaus" dieser Theorie-Groteske geschafft: Simon Herzog, der schmalbrüstige Uni-Dozent, wird ein richtiger Mann, der gut geschnittene Anzüge trägt und sich erfolgreich mit italienischen Mafiabossen und französischen Chefintellektuellen anlegt. Die Semiotik erstrahlt im Glanz einer Wissenschaft, die den Schlüssel zur Weltmacht bereithält – oder zumindest einen Wahlausgang bestimmt. So sehen Träume von Bibliotheksmäusen aus.

Historisch verbürgt ist, dass Semiologen und Dekonstruktivisten im Frankreich der achtziger Jahre den Ton angaben. Und es stimmt, dass Roland Barthes, der Erste unter den Zeichenlesern, im Februar 1980 von einem Lieferwagen angefahren wurde, ein Unfall, an dessen Folgen er einen Monat später starb. Mord! Behauptet Laurent Binet in seinem Roman Die siebte Sprachfunktion: Barthes sei im Besitz eines Dokuments gewesen, ebenjener "siebten Sprachfunktion", nach der dunkle Mächte gieren: von den Konservativen um Valéry Giscard d’Estaing (der die Präsidentschaftswahl des Jahres 1981 verliert) über die Sozialisten um François Mitterrand bis hin zu den Intellektuellen um Julia Kristeva, Philippe Sollers und Bernard-Henri Lévy. In weiteren Rollen: Michel Foucault, Jacques Derrida, John Searle, arabische Stricher und bulgarische Geheimdienstler.

Auf der Jagd nach dem geheimnisvollen Dokument entsendet der Staat einen knarzigen Klischeepolizisten und Intellektuellenhasser: Hauptkommissar Bayard hat von Semiotik keine Ahnung und holt sich deshalb Hilfe bei Simon Herzog, dem schlauen Bürschchen von der Linken-Uni Vincennes. Fortan pilgert das ungleiche Paar zu den Theorie-Hochburgen von Bologna bis zur amerikanischen Cornell University. Zudem folgen sie der Fährte des "Logos-Clubs", einer Geheimloge, die Rednerduelle veranstaltet, deren Verlierer einen Finger oder auch gleich die Hoden lassen müssen. Simon hat schnell begriffen, was die siebte Sprachfunktion ist: eine Art Zauberformel, die den Redner mit unwiderstehlicher Verführungskraft ausstattet. Bei Roman Jakobson, dem russischen Strukturalisten, finden sich nur sechs Sprachfunktionen; die siebte aber muss von einer performativen Macht handeln, die das bloß Behauptete in reine Wahrheit verwandelt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017.

Laurent Binet, Jahrgang 1972, hat schon in seinem Debütroman HHhH – Himmlers Hirn heißt Heydrich historisch Verbürgtes als Kulisse für ein fiktionales Re-Enactment benutzt. Sein zweiter Roman hat zudem ein erfolgreiches literarisches Vorbild: Umberto Ecos Zeichenleser-Epos Der Name der Rose, in dem eine verlorene Schrift, ein Sherlock-Holmes-hafter Mönch und sein Gehilfe die Hauptrollen spielen. Auch Patricia Dunckers Campusroman Hallucinating Foucault von 1996 hat Spuren hinterlassen: Dort ist es der Verfasser von Wahnsinn und Gesellschaft, der als Objekt studentischer Anbetung in einen Krimi verwickelt wird und an einem Verkehrsunfall stirbt. Ganz ähnlich versucht auch Binet, die großen Denkschulen und ihre Schlüsselgestalten in eine lebenspralle Erzählung zu übersetzen, die zwischen Verehrung und Verhohnepipelung oszilliert.

Ständig laufen die Diskursstars als Karikaturen ihrer eigenen Geltungssucht durchs Bild. Über Bernard-Henri Lévy heißt es: "Da kommt BHL. Man weist ihm höflich die Tür. Natürlich kommt er durchs Fenster wieder rein." Julia Kristeva? Lässt den bulgarischen Geheimdienst für sich arbeiten und benimmt sich wie eine Natter. Philippe Sollers? Gibt sich lautstark als Freund von Roland Barthes aus und bewundert sich exzessiv ("Meine Begabung sind die Feinheiten"). Louis Althusser? Bringt seine Frau um, weil sie eine Kopie der siebten Sprachfunktion weggeworfen hat. Michel Foucault? Sitzt in der Schwulensauna, mit einem Araber zwischen den Knien. Der Drops, dass auch Theoretiker ein Leben haben, ist nur So sehen Träume von Bibliotheksmäusen aus.ziemlich schnell gelutscht. Man hätte dem Roman zugutehalten können, dass er ein Porträt der französischen Campus-Schickeria zeichnet; aber dafür schwingt zu viel feixende Hofberichterstattung mit. Letztlich entlarvt das Anekdotische den Theorie-Paparazzo.

Vor allem übertreibt es Die siebte Sprachfunktion mit der Gelehrsamkeit: Der Roman strotzt vor Binnenreferaten über Illokution und Perlokution, über die "French Theory" und über Björn Borg und John McEnroe, deren Match vom schlaumeiernden Semiotiker Simon "gelesen" wird. Nach 500 Seiten hat man großes Verständnis für Bayard, den Intellektuellenhasser. Und muss sich erst mal daran erinnern, dass Theorien deutlich wichtiger sind als das Leben der Theoretiker. Oder das, was Romanautoren ihnen so andichten.

Laurent Binet: Die siebte Sprachfunktion. Aus dem Französischen von Kristian Wachinger; Rowohlt Verlag, Reinbek 2015; 524 S., 22,95 €, als E-Book 19,99 €