Was geschieht, wenn man Wirklichkeit gewinnt und Traum verliert? Wenn die Mathematik all jene Leute ruiniert, "die von der Seele etwas verstehen müssen, weil sie als Geistliche, Historiker und Künstler gute Einkünfte daraus beziehen?" Wenn die Mathematik den "Menschen zum Herren der Erde, aber zum Sklaven der Maschine macht"?

Es ist ein Ingenieur, der diese Fragen stellt, ein aufrichtiger Bewunderer der Mathematik. Der österreichische Schriftsteller Robert Musil bringt mehrere Tausend Seiten zu Papier, um zu beschreiben, was die Revolution der Technik mit dem Seelenleben der Menschen macht. Verwandelt sie uns, wie der Titel seines Romans nahelegt, in Männer (und Frauen) "ohne Eigenschaften"?

Musils Zeit ist geprägt von einer Revolution, die man die "zweite industrielle Revolution" nennt. Heute, neunzig Jahre später, stehen wir am Anfang der vierten industriellen Revolution. Die Digitalisierung ist die tiefgreifendste Veränderung aller Lebensbereiche in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Und wieder ist es Technik, die sie auslöst. Was wird sie mit unserem Seelenleben machen? Und was mit unserem Zusammenleben?

In den Tiefen des Netzes, in sogenannten Zukunftsinstituten, in den Internet-Start-ups, selten an Universitäten, entstehen Zukunftsbilder, genauer: Schnipsel von Zukunftsbildern. Ausschnitte, Aufrisse – keine Gemälde. Es gibt kein positives Zukunftsszenario für die Digitalisierung unserer Gesellschaft. Gewiss, die Großstädte könnten grüner werden. Die Medizin gewinnt an Präzision. Ältere Menschen bekommen einen Roboter als Haushaltshilfe und Haustier in einem – aber all das ist keine gesellschaftliche Vision.

Eine verbreitete große Sorge um die Grundrechte hat inzwischen ihren Ausdruck im Bürgerprojekt der "Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union" gefunden. Über Grundrechte nachzudenken ist sicher richtig. Ebenso richtig ist, dass der Kampf um Rechte nur noch zweitrangig zwischen Staat und Bürgern ausgefochten werden muss. Zwar gibt die Digitalisierung autoritären Staaten Mittel der Überwachung an die Hand, die über Orwells Visionen weit hinausgehen. Gegenwärtig sind Grundrechte aber weniger durch den Staat als durch die Internetwirtschaft gefährdet. Ja, inzwischen ist auch die Rolle des Staates selbst nicht mehr ungefährdet. Wie setzen Staaten sich gegen multinationale Großkonzerne durch, deren Forschungs- und Investitionsbudgets die Etats kleinerer Nationen übertreffen? Worum es jetzt vor allem geht, ist eine ökonomisch geprägte Machtfrage: Wer setzt seine Zukunftsvorstellungen durch? Und damit geht es um die Antwort auf die Frage: Wie wollen wir leben?"

Um sie zu beantworten, muss man überhaupt erst eine positive Zukunftsvorstellung haben. In dieser Hinsicht treibt uns, einen Informatiker und einen Philosophen, große Sorge um. Jede technische Revolution hat in den Ländern des Westens langfristig den Lebensstandard der meisten erhöht und ihr Leben komfortabler gemacht. Doch auf dem Weg dorthin gab es verheerende Nebenfolgen – die Kinder, die in den Kohleschächten Englands ihre Kindheit und oft ihr Leben verloren; die lichtlosen Berliner Hinterhofwohnungen des 19. Jahrhunderts voller tuberkulosekranker Menschen; das Fehlen von Unfall- und Krankenversicherungen für in der Großstadt Gestrandete, deren Eltern noch Bauern waren. Nicht weniger dramatisch die Folgen der zweiten industriellen Revolution: Hochhäuser, Elektrifizierung und motorisierter Straßenverkehr mochten der Moderne ihren atemlosen Takt vorgeben. Aber sie befeuerten zugleich Abwehrbewegungen und nationalistischen Hass, die in zwei Weltkriegen eskalierten.

Einzig die dritte, die mikroelektronische Revolution der 1970er und 1980er Jahre ging vergleichsweise glimpflich über die Bühne. Doch die vierte wird, so viel scheint gewiss, erhebliche Ausschläge auf der Richterskala verzeichnen. Denn letztlich geht die digitale Revolution weit über die Industrie hinaus. Bislang redeten wir von der Revolution der Produktionsmaschinen. Die digitale Revolution aber ist die Revolution der Informationsmaschinen. Durchaus möglich, dass man sie einst vor allem mit der ersten industriellen Revolution vergleichen wird. Wie diese, so wird auch die Digitalisierung heute primär von wirtschaftlichen Interessen getrieben. Doch wird sie automatisch allen zugutekommen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017.

Sicher, man kann auf den US-amerikanischen Nobelpreisträger Robert Solow verweisen, dem zufolge der technische Fortschritt stets Produktivitätssteigerung ermöglicht und mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet hat. Doch das Solow-Modell ist kein Naturgesetz. Kein Zweifel, dass die Digitalisierung die Produktivität gewaltig beflügeln wird. Doch was ist, wenn sie dafür immer weniger Menschen braucht, wie eine große Studie der Universität Oxford zur Zukunft der Arbeit nahelegt? Etwa die Hälfte aller heutigen Arbeitsplätze in der westlichen Welt könnten schon 2030 nicht mehr existieren.