Dass der Wert des Menschen abhängig ist von seiner Arbeitsleistung gegen Geld ist keine anthropologische Konstante. Es ist ein englisches Konzept des 17. Jahrhunderts. Über Jahrtausende kannten Gesellschaften andere Tugenden und soziale Distinktionen. Warum sollten wir nicht auch zu neuen Tugendbegriffen finden?

All das schafft Freiräume, die Kreativität und soziale Verantwortung ermöglichen. Wirtschaftlicher Fortschritt und Erfolg mit einem positiven Lebensentwurf fallen heute oft genug auseinander. Doch dieses "und" muss sie in Zukunft vielleicht kaum noch trennen. Schon jetzt sprießen neue Lebensformen aus dem gut gedüngten Boden der alten Mittelschicht. Digital Natives, die ihr Auto teilen und ihren Dachgarten als Urban Farmer bewirtschaften: Folklore für Wohlhabende – oder die gesellschaftliche Zukunft? Die Frage entscheidet sich politisch. Denn der Umbau zum Guten wird nicht von allein geschehen. Keine ökonomische Logik produziert aus sich heraus ein menschenwürdiges Leben. Die Demokratisierung von Lebenschancen ist eine politische Aufgabe. Geschieht nichts, könnten auch jene Szenarien Wirklichkeit werden, die nur noch Daten-Monopolisten und ausgebeutete Auktionäre der eigenen Arbeitskraft kennen.

Eben deshalb braucht die Gesellschaft ein positives Zukunftsbild. Nur konkrete Visionen geben der Politik eine Agenda an die Hand, was sie fordern und fördern soll – in der Wirtschaft, in der Bildungs- und in der Arbeitsmarktpolitik. Noch scheinen die Parteien nicht zu erkennen, dass es an ihnen liegt, ob die Digitalisierung die Welt besser macht oder schlechter.

Wir wollen, dass eine Diskussion in Gang kommt, die über eine aus berechtigter Sorge geborene Charta hinausgeht. Eine Diskussion, in der Menschen wieder Hoffnung gewinnen. Wir fordern eine Politik, die sich wieder auf ihre eigentliche Aufgabe besinnt, die Zukunft der Menschen zu gestalten.

Im Kern sind folgende Fragen zu beantworten:

1.) Wie können die Veränderungen in Folge der digitalen Transformation in der Arbeitswelt so genutzt werden, dass sich stabile und menschliche Bedingungen ergeben?

2.) Wie kann das enorme Potenzial digitaler Technik gebändigt werden, sodass es einer Weiterentwicklung intellektueller Fähigkeiten dient?

3.) Wie können – im Sinne der Digital-Charta – die neuen Möglichkeiten in Hinblick auf das Sammeln und Auswerten von Daten so gestaltet werden, dass zentrale Werte der Menschenwürde erhalten bleiben?

Die Zukunft in einer digitalisierten Welt muss mehr sein als nur Effizienzgewinn und Monopolisierung um jeden Preis. Bislang hat das ökonomische Effizienzdenken immer nur die Voraussetzungen geschaffen für ein besseres Leben vieler. Umgesetzt hat es die Politik, oft nur auf massiven Druck hin. Doch ist das Ergebnis für Hunderte Millionen Menschen – inzwischen nicht nur in der westlichen Welt – nicht äußerst beachtlich? Im vorindustrialisierten frühen 19. Jahrhundert verhungerten in Mitteleuropa noch Hunderttausende Bauern. Eine bessere Zeit? Und wer wird in hundert Jahren den langweiligen Bürojobs hinterhertrauern, die jetzt verloren gehen? Oder dem stinkenden Straßenverkehr?

Die Digitalisierung wird sich fortsetzen, in rasendem Tempo. Man kann sie nicht aufhalten, nur gestalten. Sie wird unser Leben nicht einfacher machen. Aber sie könnte die Zukunft lebenswert werden lassen. Scheitern oder Gelingen – das ist keine technische, sondern eine politische Frage. Es liegt an uns.