Der Roman Ein wenig Leben hat die amerikanische Literaturkritik schier um den Verstand gebracht, so ekstatisch sind die Lektürezeugnisse der Rezensenten ausgefallen. Auch Hanya Yanagiharas deutscher Verlag, Hanser Berlin, wirkt wie auf Drogen: erschüttert und beglückt zugleich ob der emotionalen Wucht des Buchs; eine Wiedergeburt ist nichts dagegen. Auf dass kein Kritiker diese Erfahrung verpasse, hat der Verlag gar zu einem Lese-Retreat in ein Ferienhaus in Brandenburg eingeladen: voller Kühlschrank und die Garantie, sich ohne Ablenkung in die 1.000 Seiten des Romans fallen lassen zu können. Für ein Buch, das laut New Yorker "dich verrückt machen, verschlingen und von deinem Leben Besitz ergreifen kann", darf man schon mal in Klausur gehen. Wir haben uns trotzdem für die Lektüre am heimischen Herd entschieden.

Auf zu viel Marketing reagiert man ja bockig: Wollen wir doch mal sehen! Was hat Hanya Yanagihara, 1975 in Los Angeles geboren und Redakteurin beim Stilmagazin der New York Times, zu erzählen, das die Leute so verwandelt? Das erste Kapitel, gute hundert Seiten lang, stellt uns vier junge Männer vor: Jude, JB, Willem und Malcolm. Sie waren room mates auf dem College, seither sind sie unzertrennlich. Jetzt leben sie in New York und stehen in den Startlöchern zu ihren Karrieren: Willem will Schauspieler werden, aber noch muss er für seinen Lebensunterhalt kellnern. JB ist überzeugt, ein bedeutender Künstler zu sein, aber noch sitzt er bei einer Kunstzeitschrift am Empfang. Malcolm, der Architekt, wird als Arbeitssklave von seinen glamourösen Chefs ausgenutzt, während Jude, schon an der Hochschule von seinem Professor Harold als juristisches Wunderkind erkannt, bereits durchstartet. Doch noch wird improvisiert, noch ist alles nur Hoffnung, Ehrgeiz und Spielfreude.

Dieses erste Kapitel folgt Erzählmustern, wie man sie aus Serien kennt: vier Freunde, jeder mit klar markierten Eigensinnigkeiten ausgestattet, um unterscheidbar zu sein, als Gruppe aber unwiderstehlich. Ethnische, sexuelle und soziale Identitäten sind effektvoll verteilt, aber auch ausreichend ambivalent, um fließen zu können. Schwul oder schwarz sind fast schon Charaktereigenschaften wie narzisstisch oder fürsorglich. Aber eines sind sie alle: Hipster. Anspruchsvolle Zeitgenossen. Von erlesenem Geschmack und erlesener Moral. Siegertypen, aber auch Sensibelchen. Vor allem sind sie sehr stolz darauf, beste Freunde zu sein. Wie zart sie miteinander umgehen, "Ich liebe dich!", flöten sie sich ständig zu, Metrosexualität ist noch ein viel zu grober Begriff für so viel Gefühlsweichheit. Wenn sie zu viert auf eine Party gehen, werden sie von allen bewundert.

Das ist alles ordentlich erzählt, doch konventionell und berechenbar – vertraute New Yorker Kulissen, wohlfeiler Spott über das Posertum der Kunstszene, zeitgemäße Identitätsdiskurse. Doch dann kommt das zweite Kapitel, und schlagartig wird klar, über welchen Abgrund dies Leben gebaut ist. Die Freunde sind moderne Männer, sie reden über alles. Nur Jude ist anders. Den umgibt ein Geheimnis, ein Charisma, das sich nicht greifen lässt. Der Leser hingegen erfährt in diesem zweiten Kapitel etwas von Judes Vorgeschichte – noch nicht den ganzen Horror, aber schon einen ziemlichen Vorgeschmack der Hölle: Jude wurde als Säugling neben einer Mülltonne ausgesetzt. Mönche eines Klosters nahmen ihn auf – doch die Brüder waren nicht gut zu ihm. Sie haben ihn geschlagen, gedemütigt und sexuell missbraucht. Nur zu Bruder Luke fasste Jude Vertrauen. Irgendwann, er ist zehn, brennt er mit Luke durch. Luke liebt ihn – aber leider zu sehr. Sie leben jahrelang in Motels, Luke führt dem Knaben Kunden zu, und in der Nacht legt er sich selbst zu ihm. Dass Luke es Liebe nennt, macht es für Jude nicht besser.

Wie das Böse und das Hilflose aufeinandertreffen, das zu lesen ist kaum auszuhalten. Und wir sind erst auf Seite 200. Man beginne mit einem Erdbeben und steigere sich dann langsam – diese Actionfilm-Devise überträgt Hanya Yanagihara auf ihr Seelendrama, und das ist nicht ganz unproblematisch. Luke wird sich umbringen, nachdem die Polizei ihm auf die Schliche gekommen ist, und Jude kommt in ein Heim. Doch dort geht der Horror nur noch schlimmer weiter, die Betreuer erkennen in Jude sofort das Opfer. Die Autorin ist so in der Eskalationslogik ihres Romans gefangen, dass wir noch lange nicht am Ende von Judes Via Dolorosa angelangt sind. Für dieses Buch gilt: Schlimmer geht immer.

Hanya Yanagiharas Erbarmungslosigkeit treibt uns Tränen der Wut, der Ohnmacht, des Mitleids und der Verzweiflung in die Augen. Aber zur gleichen Zeit misstrauen wir auch unseren Tränen. Denn dieser Roman ist wie ein SUV: groß und leistungsstark, doch maßlos im Spritverbrauch. Der Treibstoff sind hier die Gefühle – weshalb man auf Seite 500 Sorge hat, ob Gefühle wirklich zu den erneuerbaren Energien zählen. Also versucht man, auf Distanz zu den eigenen Gefühlen zu gehen, um nicht so manipulierbar zu sein. Man hadert aus ästhetisch-moralischem Vorsatz mit dem Roman: Woher, fragt man kritisch nach, kommt eigentlich das Böse, das Jude widerfährt? Es wird weder motiviert noch hergeleitet. Es kommt über ihn wie die Nacht. Mit dem Glück, das ihn dann in der zweiten Hälfte seines Lebens ereilt (nach einer letzten Sadismus-Kulmination landet er im College, und alles wendet sich), verhält es sich nicht viel anders. Der Leser leidet mit Jude, wie man es mit einer realistischen Romanfigur zu tun pflegt, aber die Art, wie Hanya Yanagihara die Mächte des Guten und des Bösen anzapft, entspricht mehr einer Heiligenlegende.