Elke Kahr gönnt sich wenig. Keine Pause, kein Verschnaufen. Die Kommunistin und Vizebürgermeisterin von Graz nimmt einen Schluck von dem in Wasser aufgelösten Schmerzmittel und verzieht das Gesicht: "Es nützt nichts, manchmal geht es nicht anders", sagt sie, fischt eine Smart aus der Packung, zündet sie an und bläst den Rauch quer durch ihr Büro. Kahr ist krank und trotzdem seit dem frühen Morgen auf den Beinen. Die Stadträtin für Wohnungsangelegenheiten hat Sprechstunde. Wer ein Anliegen hat, der kommt vorbei – sei es die Suche nach einer Gemeindewohnung, seien es finanzielle Sorgen oder Probleme mit Nachbarn. Zugleich steckt die 55-Jährige mitten im Wahlkampf. Nächste Woche wird in Graz gewählt, der Ausgang ist offen, doch den Sitz im Stadtrat dürfte Kahr behalten.

Die steirische KPÖ ist ein Unikum in Österreich. Kommunisten spielen seit Jahrzehnten keine Rolle mehr. In der Steiermark konnten sie sich zwar in einigen Gemeinderäten halten, wichtig waren sie aber nicht. In den achtziger Jahren schließlich gab Ernest Kaltenegger, ein früherer Funktionär der Sozialistischen Jugend, dem Kommunismus an der Mur ein neues, ein nettes Gesicht. Er spendete einen Großteil seines Gehaltes, gab sich fürsorglich und hemdsärmelig. Gerne werden Geschichten erzählt, wie er mit der Rohrzange losradelte, um selbst Hand anzulegen, wenn sich jemand keinen Handwerker leisten konnte. Die KPÖ wurde zur mitfühlenden Servicepartei und schrieb sich die Wohnungsfrage auf die roten Fahnen. "Sie haben alles getan, um ihren Kommunismus klein zu halten, und verbergen ihn unter pseudochristlichen Nächstenliebenparolen", sagt der Soziologe Christian Fleck von der Uni Graz.

Der Erfolg gab der Strategie recht, der Stimmenanteil stieg von Wahl zu Wahl, und plötzlich saß Kaltenegger als Stadtrat im Rathaus. Im Jahr 2003 schließlich die Sensation: Die Kommunisten erreichten bei der Gemeinderatswahl 20,8 Prozent.

Elke Kahr war Teil des Aufstiegs, blieb aber lange in der zweiten Reihe. In ihrem Büro erinnert viel an die politische Frühzeit. An der Wand hängen Gedichte von Brecht und Plakate aus dem Berliner Ensemble, am Tisch steht eine Kaffeetasse mit dem Bild eines sowjetischen Kampffliegers aus dem Zweiten Weltkrieg, und im Regal reihen sich Bücher von Autoren wie Maxim Gorki aneinander.

Im Jahr 1985 begann die Handelsschulabsolventin als Sekretärin in der Partei und wurde später Gemeinderätin. Als Kaltenegger 2005 in den Landtag wechselte, übernahm sie den Posten im Stadtrat. Neun Jahre später wurde die KPÖ unter Kahr zweitstärkste Partei in Graz hinter der ÖVP. Die Sozialdemokratie war endgültig gedemütigt. Kommunismus in der Steiermark steht nicht für Revolution, sondern für soziales Gewissen. "Die KPÖ in Graz ist das, was die Sozialdemokratie sein sollte", sagt eine Beamtin im Rathaus.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Elke Kahr steht nur widerwillig in der ersten Reihe. Die Kommunistin gilt als uneitel, auch für offizielle Anlässe putzt sie sich nicht heraus. Während andere regionale Politikgranden bei diversen Festlichkeiten möglichst wichtig mit Entourage über den roten Teppich schreiten, schlüpft Kahr durch die Seitentür hinein und diskutiert dann meist schon bald mit Bürgern über Mietrechtsfragen.

Elke Kahr wuchs mit ihren Adoptiveltern in der Triestersiedlung auf, einer Wohnanlage im Bezirk Gries, die bis heute als sozialer Brennpunkt gilt. Das Bad war am Gang, die Toilette ein Plumpsklo mit Sickergrube. Nebenan lebten verarmte Familien in Baracken, in denen einst russische Zwangsarbeiter hausten. Als Kinder seien alle gleich gewesen, doch in der Schule gab es plötzlich Unterschiede. "Die aus den Baracken wurden anders behandelt, und wenn ich erzählt habe, woher ich komme, war das plötzlich nicht mehr wurscht", sagt Kahr. "Mir ist schon als Kind aufgefallen, dass es nicht egal ist, aus welcher sozialen Schicht man kommt." Sie wurde Klassensprecherin, setzte sich für andere ein, und noch bevor sie jemals mit der KPÖ in Berührung kam, meinten Lehrer zu ihr, sie rede wie eine Kommunistin.