DIE ZEIT: Frau Göring-Eckardt, erinnert Sie die AfD an die Anfänge der Grünen?

Katrin Göring-Eckardt: Es gibt einen entscheidenden Unterschied: Die Grünen wollten damals nicht das Land spalten, sondern haben auf drängende, reale Probleme hingewiesen – Atomkraft, Gleichberechtigung, Bürgerrechte, Frieden, Umwelt. Wir wollten das Land zusammenbringen. Es ging darum, die Welt ein bisschen besser zu machen.

ZEIT: Frau Petry, denken Sie Ihrerseits, Sie können von den Grünen oder vielleicht sogar von Frau Göring-Eckardt persönlich etwas lernen?

Frauke Petry: Auch die Grünen wurden als Anti-Establishment-Partei gegründet, die sie heute nicht mehr sind. Ihrer Unterscheidung, Frau Göring-Eckardt, widerspreche ich zutiefst: Es geht auch uns um die Korrektur realer Probleme – einer Währung, die nicht funktioniert, einer EU, die perspektivlos geworden ist. Wer das nicht für real hält, lebt nicht in der Realität. Wie geht es mit unserer Wirtschaft, unserem Sozialsystem weiter? Diese Probleme haben uns angetrieben. Einen fundamentalen Unterschied gibt es dennoch: Die Anfänge der Grünen wurden von einer wesentlich größeren Sympathie der Medien begleitet.

ZEIT: Grüne und AfD treten als Antipoden der politischen Auseinandersetzung auf. Was macht diese Gegnerschaft aus?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017.

Petry: Wenn Frau Göring-Eckardt sagt, die Grünen wollten die Welt besser machen, ist das nicht nur ziemlich überheblich, es zeigt auch den Unterschied: Wir wollen Realpolitik machen. Die Grünen dagegen versuchen, Utopien zu verkaufen, wenn auch zunehmend weniger erfolgreich. Sie schreiben die Vision vom neuen Menschen fort. Aber der Mensch ist, wie er ist. Eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft sollte ihn nicht umerziehen, sondern mit all seinen Facetten abbilden, ihn begrenzen, wo es nötig ist, und ihm Freiheiten lassen, wo es möglich ist. Hobbes und Rousseau. Ein Staat braucht Grenzen und Regeln, die Freiheit des einen Menschen endet da, wo die des anderen anfängt.

Wir wollen Realpolitik machen. Die Grünen dagegen wollen Utopien verkaufen
Frauke Petry

Göring-Eckardt: Wir sind seit über 30 Jahren deshalb erfolgreich, weil wir aus Visionen reale Veränderungen gemacht haben. Sorry, aber wir regieren gerade in elf Bundesländern mit. Ich kann Ihnen sagen, da kommt man mit Utopien nicht besonders weit.

Petry: In der DDR wurde unter dem Primat der sozialistischen Ideologie ...

Göring-Eckardt: ... wollen Sie eine unserer Landesregierungen mit der DDR vergleichen?

Petry: Ich sage, dass das Regieren kein Beweis für unideologische Politik ist.

Göring-Eckardt: Ich finde es naiv, wenn Sie behaupten, dass die Menschen frei leben können, wenn der Staat sich nur genug zurückhält. Beim Thema Familie ist es interessanterweise gerade die AfD, die den Menschen vorschreiben will, wie sie zu lieben und leben haben. Sie wollen die Mutter-Vater-Kind-Familie und am liebsten die Drei-Kind-Familie.

Petry: Widerspricht die Drei-Kind-Familie dem Grundgesetz?

Göring-Eckardt: Nein, aber es zeigt Ihren Widerspruch. Sie wollen doch auch die Gesellschaft verändern. Es gibt immer mehr Alleinerziehende, aber die kommen in Ihrem Weltbild gar nicht vor. Uns geht es um Gleichstellung und darum, dass auch Menschen in anderen Lebenssituationen als der der traditionellen Familie gut leben können. Uns hier Ideologie vorzuwerfen, finde ich zum Lachen.

Petry: Wenn Sie Gleichstellung sagen, sind Sie schon ideologisch, weil Mann und Frau nicht gleich sind.

Göring-Eckardt: Unser Grundgesetz, auf das Sie sich gerade bezogen haben, sagt genau das.

Petry: Es spricht von Gleichberechtigung. Es ist ein großer Fehler der Grünen, ständig Gleichberechtigung und Gleichstellung in einen Topf zu werfen. Damit sind sie bei dieser aberwitzigen Gender-Ideologie, der Sie anhängen.

Göring-Eckardt: Das ist nicht aberwitzig, das ist notwendig. Ich trete für die Gleichberechtigung von Frau und Mann ein.

ZEIT: Die Grünen beanspruchen für sich, das Land ökologisch und gesellschaftspolitisch vorangebracht zu haben. Die AfD möchte genau das zurückdrehen. Haben die Grünen es zu weit getrieben mit der moralischen Gängelung? Und will die AfD zurück in die fünfziger Jahre?