Frage: Herr Wolf, Sie haben ein Buch über die Tradition des Konklaves geschrieben. Darin kommen Sie zu dem Schluss, dass eigentlich nichts an der Papstwahl, wie wir sie heute kennen, früher auch schon so war. Was ist das überhaupt, "die Tradition"?

Hubert Wolf: Katholischsein ist nichts fundamentalistisch Enges, sondern das griechische "katholon" bedeutet "allumfassend". Und Reform funktioniert am besten im Sinne von "reformare", das bedeutet "zurückformen". Wir können Traditionen, die es schon gab, anschauen und überlegen, ob sie uns in der heutigen Kirchenkrise helfen können. Zum Beispiel waren es nicht immer nur Kardinäle, die den Papst gewählt haben.

Frage: Wer außer den Kardinälen sollte den Papst wählen?

Wolf: Ursprünglich wählten Klerus und Volk den Bischof von Rom, später ernannte ihn der Kaiser, ab 1059 wählen die Kardinäle. In der alten Kirche galt: Wer allen vorsteht, wird von allen gewählt.

Frage: Wie könnte man das alte Modell in die heutige Zeit übertragen?

Wolf: Entweder muss man das Kardinalskollegium so umstrukturieren, dass es die Weltkirche repräsentiert …

Frage: … muss man ?

Wolf: Ich finde Ja. Entweder es wird internationalisiert, dann mit weniger Europäern, oder wir ändern den Wahlmodus. Wenn Bischöfe früher von Volk und Klerus gewählt wurden und es sich beim Bischof von Rom um den Papst der Weltkirche handelt, dann kann man ein zweites Wahlgremium schaffen. Es sollte aus Laien bestehen, die diese Weltkirche repräsentieren. Sie und das Kardinalskollegium müssten jeweils mit Zweidrittelmehrheit den Papst wählen. Das ist ein hohes Quorum.

Frage: Es hört sich utopisch an, dass das Kardinalskollegium die Macht zur Papstwahl aus den Händen gibt.

Wolf: Meine Vorschläge sind keine Utopien, sondern Zukunftsszenarien. Die jetzige Wahl hinter verschlossenen Türen entstand erst aus einer Art Beugehaft der Kardinäle. Die wählten um 1270 nämlich ganze drei Jahre lang einen Papst, kamen aber zu keinem Ergebnis.

Frage: Wie kam es dazu?

Wolf: Die Kardinäle erhielten während der Sedisvakanz die Einkünfte des Heiligen Stuhls und hatten deshalb kein Interesse, schnell einen neuen Papst zu wählen. Zudem waren sie politischen Einflüssen von außen ausgesetzt. Den Stadtvätern von Viterbo – wo diese Wahl stattfand – wurde es zu bunt: Sie sperrten die Kardinäle in den Palast, entzogen ihnen die Einkünfte, sie gaben ihnen weniger zu essen, schließlich gab es auch kein Wasser mehr. Auf einmal wurde rasch ein neuer Papst gewählt. Heute schaut es so aus, als wäre das schon immer so gewesen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Frage: Warum hat sich das abgeschottete Konklave durchgesetzt?

Wolf: Es zeigte sich, dass die Abschottung der Wähler von Vorteil ist. Das Konklave wird aber im Lauf der Zeit spiritualisiert. Früher war es nur nach außen eine Geheimwahl, nicht nach innen. Jetzt ist es so, dass der einzelne Kardinal in der Sixtina beim Wählen vor Michelangelos "Jüngstem Gericht" allein ist – mit Gott und seinem Gewissen.

Frage: Warum kommt es zu dieser Spiritualisierung?

Wolf: Das ist ein Jahrhunderte dauernder Prozess, der durch die Konklavereform von Johannes Paul II. zu einem vorläufigen Abschluss kam. Für den Papst ist das Konklave eine Art Gottesdienst. Es wird der Stellvertreter Christi auf Erden bestimmt; dazu braucht es eine besondere Wahl mit transzendentalem Charakter.

Frage: Dass es je anders gewesen sein könnte, kommt einem nicht in den Sinn, wenn man vor dem Fernseher sitzt, während Konklave-Zeit ist.

Wolf: Wenn Sie auf dem Petersplatz sind bei einer Papstwahl, haben Sie den Eindruck, es wäre ein ewiges Ritual, das abläuft. Sie sind hineingenommen in den Hauch der Ewigkeit. Wenn man historisch hinschaut, merkt man, dass da gar nichts ewig ist.