Es beginnt, wo so vieles in Dänemark endet: im Ferienhaus. Wobei, nichts gegen die Nordsee. Nichts gegen Sand, nichts gegen den Purpur des Heidegrases, nichts gegen diesen Küstenniesel und schon gar nichts gegen den Wind. Und auch gegen Dänemark kann man ja grundsätzlich nichts einwenden, selbst im Winter nicht, wenn die Straßen der Insel Fanø voll mit Raureif sind und die Ferienhäuser dastehen wie verlassene, voll möblierte Menschheitsträume. Nur in einem, kurz vor der Düne, brennt Licht. Darin wohne ich, und so beginnt nun das Problem: Ich will lernen, es mir gemütlich zu machen. Darum bin ich hier, auf dieser Insel, in Süddänemark.

Allein bin ich damit nicht. Recht besehen will zurzeit die halbe Welt von Dänemark lernen, wie man es sich gemütlich macht. Wie das geht: das Echte, das Wahre und Gute und Schöne; wie man das Licht richtig dimmt und die Außenwelt dämpft. Die Dänen nennen es hygge. Erst kürzlich haben sie hygge in ihren offiziellen Kulturkanon gewählt, in einem Atemzug mit der dänischen Sprache, mit Freiheit und Gleichheit und christlichem Erbe. Das amerikanische Magazin New Yorker sprach von 2016 als dem "Year of hygge", der britische Guardian vermutete sogar eine hygge- Verschwörung. Denn in den vergangenen Monaten haben etliche Bücher hygge zu einem Geisteszustand erklärt, zu einer Art geheimnisvollen Daseinsform des handfesten Glücks, erfunden im Land, das laut World Happiness Index als eines der glücklichsten auf Erden gilt. Wo man trotz des höchsten Steuersatzes nicht pausenlos über die Allüren von denen da oben motzt und sogar die Steckdosen so fröhlich gucken, als könnten sie es kaum erwarten, dass man etwas in sie hineinsteckt. Dänemark, ein Bootcamp des guten Lebens.

Fanø ist Anfang Januar beinahe eine Geisterferieninsel, nur ab und zu biegt ein Geländewagen aus Osnabrück aus einer Einfahrt, steht ein Kleinfamilienbus aus Nordfriesland einsam auf einem Parkplatz. Ansonsten sind nur die 3.000 Einwohner hier. Die meisten nehmen morgens die Fähre rüber nach Esbjerg, wo das Heizkraftwerk in den Himmel qualmt, und abends, üblicherweise um kurz nach fünf, kommen sie wieder, spazieren vielleicht noch zum Strand, öffnen danach einen schwer atmenden Rotwein und tun fürderhin das, worum Briten, Amerikaner und Deutsche sie dann beneiden: Sie machen es sich hyggelig.

Hygge-Schild: natürlich auch hyggelig © Patrick Ohligschläger

Und ist das nicht auch verständlich? Das in Panik umgeschlagene Verlangen, es sich, wenn der Wind unserer Moderne draußen schon so unerbittlich pfeift, wenigstens zu Hause bequem zu machen? Darum gibt es Aufräumfibeln aus Japan und Gelassenheitsratgeber aus Kalifornien, und vielleicht war im Manufactum-Katalog der Seele ja einfach noch Platz für den Buchstaben H. Deshalb: Heißer Kakao – hygge! Zimtschnecken – hygge! Fleisch im Tontopf – hygge! Dicke Socken – hygge! Marmelade einwecken – hygge! Holzfußboden – hygge! Schurwollpullover – hygge! Kerzen – hyggehygge. Hardcore-hygge!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017.

Aber hat die Menschheit außerhalb Dänemarks wirklich vergessen, dass Wollsocken für warme Füße sorgen und dass heißer Kakao im Winter glücklich macht? So was weiß doch eigentlich jeder, der einmal Kind war, denke ich und trinke ein Bier auf der Düne wie in dieser einen Werbung, weil ich selbst noch üben muss. Ich besitze nämlich kein Talent zur Gemütlichkeit.

Im Ferienhaus wäre ja alles da. Die Kerzen stecken unschuldig und weiß in ihren Ständern. In der Ecke stehen der Ofen und das schwere Schürgerät, der Kühlschrank ist voll, der Hausmantel hängt im Bad neben dem Whirlpool, von Sauna stand auch etwas im Katalog. Und im Regal unterm Fernseher liegt die Spielesammlung, möglicherweise sogar vollständig. Das Ferienhaus bemüht sich. Das Ferienhaus kann nichts dafür.

Hygge muss man lernen

Warme Socken, Sessel, lesen: hyggelig © Patrick Ohligschläger

Es ist also meine Schuld, dass bislang kaum hygge aufkommt. Ich finde Kerzen in Ordnung, aber nicht unbedingt nötig. Ich lege keinen Wert auf schwere Polstermöbel, Kaminfeuer finde ich nur als Bildschirmschoner praktisch, gemeinsames Kochen mit mir endet meistens im Streit, Hausmäntel hebe ich mir für die Rente auf, wenn ich morgens dem Postboten cognacschwenkend die Tür öffnen werde, und Brettspiele halte ich für eine Form von geriatrischem Hedonismus. Und wenn ich abends doch einmal versuche, mit einer Tasse Tee auf dem Sofa zu sitzen, komme ich mir vor wie in einer Romantikkomödie, in der Jennifer Aniston erschöpft im Flanellpyjama durchs Fenster auf die Stadt guckt, in der sie schon wieder niemand heiraten wollte. Dann werde ich entsetzlich traurig, also vollkommen un hyggelig, wie der Däne sagt, besonders einer: Meik Wiking. Meik Wiking, ein Glücksforscher aus Kopenhagen, hat das erfolgreichste Buch zum Thema hygge geschrieben. Zuletzt stand es wochenlang auf der Bestsellerliste der britischen Times. Seine Kernbotschaft lautet: Zusammensein! Aus dem Ich wird ein Wir! Meine Begleitung und ich haben das Buch nach Dänemark mitgebracht. Wir blättern während des Frühstücks darin und sehen auf den Fotos bedenklich gut angezogene Menschen mit bedenklich reiner Haut. Sie sitzen um einen Tisch, und man möchte alle sofort kennenlernen. Wahrscheinlich läuft im Hintergrund ein Klavierdelikt eines modernen Komponisten, jemand serviert Salat mit Kräutern aus der Region, alle auf diesen Bildern lachen und reden. Worüber sprechen Menschen auf solchen Fotos? Darüber, dass man vorhin noch Strickwaren für zweieinhalbtausend Euro gekauft hat oder nach dem Kuchen noch mit Aneta, Hanne und Kristian zum Schlittschuhlaufen geht, da vorne auf dem kleinen See? Man solle in Erlebnissen schwelgen, rät Wiking, im "Wollen wir?" und "Weißt du noch?". Deshalb:

– Wollen wir gleich zu den Gänsen fahren?

– Weißt du noch, wo die Autoschlüssel liegen?

Die Fähre von Fanø zum Festland braucht etwa zehn Minuten. Im Winter landen dort europaweit die meisten Nonnengänse, machen Zwischenstopp auf ihrem Weg nach Süden. Auch das sei hygge, sagen die Bücher: ein Ausflug in die Natur. Und überhaupt sei hygge das, was man daraus mache, sagt Iver, der mit uns im Auto sitzt und Safaris in der Gegend ausrichtet; er erläutert die Felder, das Fachwerk, die Kieswege, die flache, grüne, schilfige Landschaft.

Am Horizont rotieren Windräder, sie stehen überall, nur Gänse sind keine da, und Iver ist untröstlich. "Schwarze Sonne" heiße das Naturschauspiel zu dieser Jahreszeit, wenn fliegende Gänseschwärme den Himmel verdunkelten, die Leute kämen deswegen aus Kopenhagen, aus Hamburg und manche sogar aus Stockholm. Iver deutet verzweifelt auf die Felder, wo ein paar Schafe mokant gucken und kauen, vielleicht verwandeln sie sich ja noch in Gänse, wenn er nur lange genug auf sie zeigt. Und von oben scheint nur die normale Sonne, die langweilige, die blöde. Wir stehen in der Landschaft wie erfrorene Lemuren, sehen unseren Atem und wollen schnell ins Warme.

Wir parken vor Schloss Schackenborg im Örtchen Møgeltønder, ein weißes Barockgemäuer, in dem Prinz Joachim und seine Frau Marie nur wenige Tage im Jahr wohnen. Zurzeit wird es umgebaut zum Konferenzcenter, das passiert gelegentlich sogar den schönsten Häusern. Wir steigen krumme, müde seufzende Holzstufen hoch, von den Wänden blickt uns die vollständige Erbfolge der dänischen Monarchie an, Friedrich, Christian, Friedrich, Christian, Friedrich, Christian ...

Auch das Prinzenpaar liebt hygge, sagt Iver und begleitet uns durch den Salon, durch die Gemächer und Billardzimmer, vorbei an Sesseln mit goldenen Gestellen, Flipperautomaten, Büchern aus dem 17. Jahrhundert, Hirschgeweihen und Aschenbechern, vermutlich für Dänemarks stark rauchende Königin, obwohl zum Rauchen im Allgemeinen die hygge- Ratgeber vorwurfsvoll schweigen, Monarchie hin oder her.

In Dänemark legt man Wert darauf, dass hygge für jedermann ist. Für Könige und Knechte, für Reiche und Arme. Der Glücksforscher Meik Wiking schreibt: Es geht nicht ums Geld, sondern um den Moment. Und wenn der ein anständiges Stück Kuchen beinhaltet, knirschenden Schnee unter den Sohlen, smartphonelose Zeit und Wein und Essen, bis einem die Wolldecke auf den Kopf fällt, dann hat Wiking sicherlich recht.

Dass es sich bei hygge, so wie es die Ratgeber dem Rest der Welt verkaufen, aber vielleicht doch um ein exklusives Gefühl handeln muss, das lässt sich bei den Ratschlägen zur Beleuchtung erahnen: Design-Klassiker von Poul Henningsen oder die Klint-Leuchte, dieses berühmte leuchtende Wollknäuel. Andererseits: Sie hängen ja tatsächlich in vielen dänischen Wohnzimmern. Wer in die Fenster schaut, sieht sie überall.

Müßiggang statt Langeweile

Reetdächer: hyggelig, ohne Frage © Patrick Ohligschläger

Nicht weit vom Schloss, in Ribe, der ältesten Stadt des Landes, blicken wir in die gardinenlosen Stuben von Backsteinhäusern, etwas schief ins Leben gebaut und von den Jahrhunderten voll Wind und Wetter zerbeult. Die Bewohner winken, schüchtern winken wir zurück. Wir trauen uns nicht, zu klingeln. Also spazieren wir in die Fußgängerzone, wo neben Restaurants mit Plüschseehunden, Standuhren, Tafelsilber, selbst gebrautem Bier und 20 Sorten Aquavit vor einigen Monaten Timothy Ibbitson seine Schokoladenmanufaktur eröffnet hat. Sein Geschäft ist so applestoreweiß, wie man heute eben Läden einrichtet, einzig seine Produkte schimmern in satten Farben. Schokolade: auch hygge.

Timothy ist in Kanada aufgewachsen, und dort gibt es ein ähnliches Konzept wie hygge: hominess. Vielleicht, sagt er, sehnten sich viele Menschen heute nach Stille, nach Momenten, in denen sie niemand stört. Vielleicht nach einem Buch im Schein einer Kerosinlampe. Hygge, sagt er, das bedeute für ihn aber vor allem: Essen. Er reicht uns seine Schokolade, kleine Halbkugeln mit Aromen von Lavendel, von Anis, von Rhabarber und, huch, was ist denn das? Timothy lebt hier seit sechs Jahren. Beim Bäcker schräg gegenüber hat er hospitiert. Der sei Weltklasse, sagt Timothy, aber leider wegen Umbaus geschlossen.

Über selbst gebackenes Brot weiß natürlich auch der Glücksforscher Meik Wiking eine Menge zu sagen, weil sein Buch ja nicht nur erzählt, wie man ein Gefühl hindekoriert, sondern auch, wie man es sich erkocht: Rosinen in Portwein legen, Holundersirup in Flaschen füllen, Suppe mit Crème fraîche.

Worüber die Bücher allerdings schweigen: Langeweile. Und wie sich gereizte Langeweile anfühlt, weiß jeder, der einmal zu lange in einem Ferienhaus gesessen hat. Ich sehe aus dem Fenster, und die Dünen schrumpfen zu Sandhügeln. Ebbe und Flut nehme ich der Nordsee einen Augenblick lang sogar übel. Und habe ich den Osnabrücker SUV eben wirklich schon genauso angebrüllt wie zu Hause? Da helfen schöne Lampen nicht. Aus Langeweile kommt das Böse, hat Søren Kierkegaard einmal geschrieben. Müßiggang allerdings, das sei das wahre Gute. Und vielleicht hat der Däne Kierkegaard die erste Theorie von hygge verfasst, die obendrein viel simpler ist als alle Bücher mit drapierten Kissen und unbehandeltem Kiefernholz zusammen: "Ich nehme an, dass es des Menschen Bestimmung ist, sich zu unterhalten", schrieb er und meinte die Momente, in denen Augenblicke sich wieder zu Zeit zusammensetzen und alles dahinfließt wie ein ewiger Pfingstsonntag auf dem Lande.

Und deswegen gucken wir am letzten Abend zu, wie aus Kerze Kerz wird, dann Ker, dann K, dann wächserner Matsch. Wir essen ein Steak vom Schlachter der Insel. Wir legen Holz im Kamin nach, nicht ohne vorher darüberzustreichen und genau zu hören, wie es knistert. Wir trinken Rotwein, bis uns übel ist. Wir nehmen in drei Stunden 17 bis 29 Kilo zu. Wir schalten den Whirlpool an und versuchen, nicht an Donald Trump zu denken, der sich in einem Penthousejacuzzi aufsprudeln lässt und dabei Zigarre raucht und twittert; denn Politik ist nicht hygge, so viel haben wir gelernt. Wir schauen aus dem Panoramafenster hinaus, wo der Himmel gerade mit der ganzen RAL-Palette angibt. Und draußen liegt die Insel bald so still, dass man Angst hat, sie zu wecken. Es ist Ebbe, und die Möwen stochern in den Muscheln. Und schöner wäre die Welt ja ohnehin, wenn man Möwen Wollsocken anzöge.

Am nächsten Morgen steigen wir ins Auto. Es sind noch knapp zweihundert Kilometer bis zur Grenze, hinter der hygge wieder "Gemütlichkeit" heißt und man dabei an Eichenschrankwände denkt, an Kupferteller, den röhrenden Hirsch an der Wand und den Tatort mit Jan Josef Liefers. Hinter Flensburg drehe ich die Sitzheizung auf. Hygge ist ja das, was man draus macht.