Warme Socken, Sessel, lesen: hyggelig © Patrick Ohligschläger

Es ist also meine Schuld, dass bislang kaum hygge aufkommt. Ich finde Kerzen in Ordnung, aber nicht unbedingt nötig. Ich lege keinen Wert auf schwere Polstermöbel, Kaminfeuer finde ich nur als Bildschirmschoner praktisch, gemeinsames Kochen mit mir endet meistens im Streit, Hausmäntel hebe ich mir für die Rente auf, wenn ich morgens dem Postboten cognacschwenkend die Tür öffnen werde, und Brettspiele halte ich für eine Form von geriatrischem Hedonismus. Und wenn ich abends doch einmal versuche, mit einer Tasse Tee auf dem Sofa zu sitzen, komme ich mir vor wie in einer Romantikkomödie, in der Jennifer Aniston erschöpft im Flanellpyjama durchs Fenster auf die Stadt guckt, in der sie schon wieder niemand heiraten wollte. Dann werde ich entsetzlich traurig, also vollkommen un hyggelig, wie der Däne sagt, besonders einer: Meik Wiking. Meik Wiking, ein Glücksforscher aus Kopenhagen, hat das erfolgreichste Buch zum Thema hygge geschrieben. Zuletzt stand es wochenlang auf der Bestsellerliste der britischen Times. Seine Kernbotschaft lautet: Zusammensein! Aus dem Ich wird ein Wir! Meine Begleitung und ich haben das Buch nach Dänemark mitgebracht. Wir blättern während des Frühstücks darin und sehen auf den Fotos bedenklich gut angezogene Menschen mit bedenklich reiner Haut. Sie sitzen um einen Tisch, und man möchte alle sofort kennenlernen. Wahrscheinlich läuft im Hintergrund ein Klavierdelikt eines modernen Komponisten, jemand serviert Salat mit Kräutern aus der Region, alle auf diesen Bildern lachen und reden. Worüber sprechen Menschen auf solchen Fotos? Darüber, dass man vorhin noch Strickwaren für zweieinhalbtausend Euro gekauft hat oder nach dem Kuchen noch mit Aneta, Hanne und Kristian zum Schlittschuhlaufen geht, da vorne auf dem kleinen See? Man solle in Erlebnissen schwelgen, rät Wiking, im "Wollen wir?" und "Weißt du noch?". Deshalb:

– Wollen wir gleich zu den Gänsen fahren?

– Weißt du noch, wo die Autoschlüssel liegen?

Die Fähre von Fanø zum Festland braucht etwa zehn Minuten. Im Winter landen dort europaweit die meisten Nonnengänse, machen Zwischenstopp auf ihrem Weg nach Süden. Auch das sei hygge, sagen die Bücher: ein Ausflug in die Natur. Und überhaupt sei hygge das, was man daraus mache, sagt Iver, der mit uns im Auto sitzt und Safaris in der Gegend ausrichtet; er erläutert die Felder, das Fachwerk, die Kieswege, die flache, grüne, schilfige Landschaft.

Am Horizont rotieren Windräder, sie stehen überall, nur Gänse sind keine da, und Iver ist untröstlich. "Schwarze Sonne" heiße das Naturschauspiel zu dieser Jahreszeit, wenn fliegende Gänseschwärme den Himmel verdunkelten, die Leute kämen deswegen aus Kopenhagen, aus Hamburg und manche sogar aus Stockholm. Iver deutet verzweifelt auf die Felder, wo ein paar Schafe mokant gucken und kauen, vielleicht verwandeln sie sich ja noch in Gänse, wenn er nur lange genug auf sie zeigt. Und von oben scheint nur die normale Sonne, die langweilige, die blöde. Wir stehen in der Landschaft wie erfrorene Lemuren, sehen unseren Atem und wollen schnell ins Warme.

Wir parken vor Schloss Schackenborg im Örtchen Møgeltønder, ein weißes Barockgemäuer, in dem Prinz Joachim und seine Frau Marie nur wenige Tage im Jahr wohnen. Zurzeit wird es umgebaut zum Konferenzcenter, das passiert gelegentlich sogar den schönsten Häusern. Wir steigen krumme, müde seufzende Holzstufen hoch, von den Wänden blickt uns die vollständige Erbfolge der dänischen Monarchie an, Friedrich, Christian, Friedrich, Christian, Friedrich, Christian ...

Auch das Prinzenpaar liebt hygge, sagt Iver und begleitet uns durch den Salon, durch die Gemächer und Billardzimmer, vorbei an Sesseln mit goldenen Gestellen, Flipperautomaten, Büchern aus dem 17. Jahrhundert, Hirschgeweihen und Aschenbechern, vermutlich für Dänemarks stark rauchende Königin, obwohl zum Rauchen im Allgemeinen die hygge- Ratgeber vorwurfsvoll schweigen, Monarchie hin oder her.

In Dänemark legt man Wert darauf, dass hygge für jedermann ist. Für Könige und Knechte, für Reiche und Arme. Der Glücksforscher Meik Wiking schreibt: Es geht nicht ums Geld, sondern um den Moment. Und wenn der ein anständiges Stück Kuchen beinhaltet, knirschenden Schnee unter den Sohlen, smartphonelose Zeit und Wein und Essen, bis einem die Wolldecke auf den Kopf fällt, dann hat Wiking sicherlich recht.

Dass es sich bei hygge, so wie es die Ratgeber dem Rest der Welt verkaufen, aber vielleicht doch um ein exklusives Gefühl handeln muss, das lässt sich bei den Ratschlägen zur Beleuchtung erahnen: Design-Klassiker von Poul Henningsen oder die Klint-Leuchte, dieses berühmte leuchtende Wollknäuel. Andererseits: Sie hängen ja tatsächlich in vielen dänischen Wohnzimmern. Wer in die Fenster schaut, sieht sie überall.