Es gibt solche schlafenden Klassiker: Bücher, die zuerst wenig Aufmerksamkeit erfahren, aber über die Jahre einen Ruf ansammeln. Raunend fällt ihr Titel in manch aufregendem Zusammenhang, wobei es nicht schadet, wenn er zweideutig lautet: I Love Dick. Ein Buchrücken mit dieser Aufschrift wirkt in jedem Regal gut, selbst wenn es sich bei Dick um den Vornamen eines mittelalten Akademikers handelt. Es sieht trotzdem aus wie ein unübersetzbar offenherziges Bekenntnis zum Sex mit Männern. Was den feministischen Nimbus des 1997 erschienenen ersten Buches der amerikanischen Künstlerin, Kritikerin, Filmemacherin und Autorin Chris Kraus nur gefestigt hat.

In einem späteren Roman schrieb Kraus über eine Figur, die ihr selbst gleicht (wie alle ihre Hauptfiguren), deren Texte würden "fast ausschließlich in der Kunstwelt gelesen, wo sie einen harten Kern ergebener Fans anzog: Asperger-Jungs, Mädchen, die wegen psychischer Störungen in Behandlung waren, Akademiker im Mittelbau, die nie befördert wurden, Stripper, Ritzer und Huren". Als I Love Dick 2006 in den USA neu aufgelegt wurde, zog dieses subkulturelle Charisma eine neue Generation an, diesmal eine erfolgreicher Künstlerinnen: Die gefeierte Essayistin Leslie Jamison (Die Empathie-Tests) schrieb, sie habe über das Buch immer kluge Frauen reden hören, die gerne über ihre Gefühle sprechen. Die Sängerin Lorde postete ein Foto des Exemplars ins Netz, das ihr Serienstar Lena Dunham (Girls) geschenkt hatte, und Jill Soloway, die Showrunnerin von Transparent, der berührendsten Familienserie der letzten Jahre, hat I Love Dick jetzt als Serie für Amazon adaptiert. Deshalb könnte sich demnächst endlich ein breiteres Publikum dafür interessieren.

Und es erscheint unter unverändertem Titel jetzt auch auf Deutsch. Der Schriftsteller Kevin Vennemann hat es kongenial übersetzt. Auch ihn kann man zu Kraus’ Schülern zählen: In seinem zuletzt bei Suhrkamp erschienenen Essay Sunset Boulevard. Vom Filmen, Bauen und Sterben in Los Angeles tritt die ältere Schriftstellerin als seine Reisegefährtin und Förderin auf.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017.

I Love Dick heute zu lesen, nachträglich zu allem, was in den letzten zwanzig Jahren unter seinem Einfluss entstanden ist, wirkt, als entdecke man die klassische Version mittlerweile etwas abgenutzter Formeln wieder. Da wäre etwa das Motiv der peinlichen Frau, die ihre Gefühle und ihr Begehren so offensiv zeigt, dass man aus den Reaktionen ihrer Umgebung vieles lernen kann über das sozial erwünschte Verhalten von Frauen. Es geht nämlich um eine gewisse Chris, die sich in ihrer Ehe mit dem älteren Geisteswissenschaftler Sylvère langweilt. Bei einem Abendessen zu dritt verknallt sie sich in dessen Kollegen Dick. Der Gatte gibt sich verständnisvoll, und aus Spaß am Experiment beginnt das Paar, Briefe an Dick zu schreiben. Über die Bande des Dritten arbeiten sie ihre Ehe auf. Als sich aber herausstellt, dass ihr Mann durch dieses gemeinsame Schreiben nur ihren Betrug an ihm unter Kontrolle zu halten versucht, verlässt ihn Chris und zieht von der Ostküste nach L.A.

Kraus erhebt Anspruch auf eine Erkenntnis, die aus körperlichen Erfahrungen entsteht

All das hat, wie Chris Kraus in Interviews freimütig erzählt, wirklich stattgefunden. Man weiß daher auch, dass der britische Kulturtheoretiker Dick Hebdige mit seiner Rolle in dieser Geschichte nie etwas zu tun haben wollte. Souveräner ging Kraus’ langjähriger Ehemann Sylvère Lothringer damit um, ein Literaturwissenschaftler, Verleger, Holocaust-Überlebender, der dafür bekannt ist, dass er mit seinem Verlag Semiotext(e) die poststrukturalistische Theorie aus Frankreich in die USA importierte. Deshalb galt er Mitte der siebziger Jahre als charismatische Autorität der Subkultur um das St. Mark’s Poetry Project in New York, die zur selben Zeit die amerikanische Punk-Bewegung und Künstlerinnen wie Laurie Anderson und Patti Smith hervorbrachte. Chris Kraus beschreibt sich selbst als Randfigur dieser Szene, ihr "blasses anämisches Äußeres" habe niemandem gefallen, als Künstlerin und Filmemacherin sah sie sich gescheitert. Ihre Rolle als Ehefrau schildert sie auf der ersten Seite von I Love Dick nüchtern: "Während des Essens besprechen die Männer die jüngsten Entwicklungen postmoderner Theorie, und Chris, die keine Intellektuelle ist, bemerkt, dass Dick ihr wiederholt Blicke zuwirft."

Diese Blicke werden zu Chris’ fixer Idee, und die Pointe des Buches ist, dass sie gerade durch ihre Fantasien von Dick und das Schreiben darüber Souveränität gewinnt und ihr Coming-out als Intellektuelle erlebt. Ob Chris Kraus hier authentisch von sich erzählt oder sich den Wunsch erfüllt, "das Leben ein wenig zu fiktionalisieren", ist am Ende unmöglich zu beurteilen. Sicher ist, dass Kraus mit I Love Dick zu einer originellen Form fand, die sich nicht um Genregrenzen schert und zwischen fiktionalem und autobiografischem Schreiben, zwischen Komödie und Theorie, authentischem Erleben und Kunstkritik changiert. Sie entwickelte eine Art performatives Schreiben, das Gefühle und Erfahrungen inszeniert und zu denen der Leser werden lässt, zum Beispiel indem sie sie zu Voyeuren ihrer "masturbatorischen Passion" für den Mann namens Dick macht. Zugleich ist aber die Erzählerin selbst die erste Kritikerin des Geschehens: "Glaubst du nicht auch", schreibt sie an Dick, "dass es durchaus möglich ist, etwas zu tun und es zugleich zu erforschen?" Es geschieht also nichts um der Saftigkeit der Intimität willen, wie ein männlicher Kritiker der Erstausgabe unterstellte, der in charakteristisch misogyner Wortwahl schrieb, Kraus habe I Love Dick "weniger geschrieben als ausgeschieden". Dabei ist der zweite, viel längere Teil dieses Buches tatsächlich eine Art kunstgeschichtlicher Essay über exakt dieses Vorurteil gegen Kunst von Frauen: "Warum ist die weibliche Verletzlichkeit nach wie vor allein dann akzeptabel, wenn sie neurotisiert und persönlich ist, wenn sie auf sich selbst zurückweist? Warum begreifen die Leute es immer noch nicht, wenn wir mit der Verletzlichkeit wie mit der Philosophie umgehen, nämlich mit einigem Abstand?"

Kraus erhebt Anspruch auf eine alternative Epistemologie, eine Erkenntnisweise, die aus körperlichen und emotionalen Erfahrungen entsteht – anders als die körperlose, vermeintlich männliche Rationalität. "Auf eine Art ist also die Liebe genau wie das Schreiben: in einem dermaßen erhöhten Zustand zu leben, dass Genauigkeit und Bewusstsein unverzichtbar werden", schreibt Kraus, "das Risiko besteht darin, dass solche Gefühle veralbert oder zurückgewiesen werden könnten." Indem sie Dick ohne erkennbaren Grund "stalkt", wie er ihr vorwirft, setzt sich Chris seiner Ablehnung mutwillig aus. Und so wird I Love Dick schließlich zu einer teilnehmenden Beobachtung der alten Kulturtechnik, das Begehren und das Denken von Frauen als unerwidert und unerwünscht zu verschmähen. Kraus’ Freundin, die Schriftstellerin Eileen Myles, nannte das Buch deshalb eine "Studie der weiblichen Erniedrigung".

Über nichts wird heute so viel geschwafelt wie über Frauen und ihr Begehren

Im Medium der Literatur hat Chris Kraus damit wiederholt, was sie an den bildenden Künstlerinnen bewunderte, über die sie in I Love Dick schrieb: eine Generation von Frauen, die durch ihre Kunst alle Probleme und Passionen verstärkten, denen sie sich durch die Gesellschaft (vertreten durch Mütter, Lehrer, Ehemänner, you name it) ausgesetzt sahen. Ihr gemartertes Leben stellten sie ins Scheinwerferlicht. In langen Passagen diskutiert Kraus zum Beispiel die Werke von Hannah Wilke, die auf ikonischen Fotos nackt zu sehen ist, beklebt mit winzigen Vaginen, die sie aus Kaugummi formte oder aus Fusseln aus der Waschmaschine des Pop-Art-Künstlers Claes Oldenburg. Dessen Wäsche hatte sie jahrelang gewaschen, während sie mit ihm zusammen war. Kraus interpretiert ihre Kunst als paradoxe Intervention: "Wenn es Frauen bislang nicht gelungen ist, 'universelle' Kunst zu machen, weil wir im 'Persönlichen‘ gefangen sind, warum universalisieren wir dann nicht das 'Persönliche' und machen es zum Thema unserer Kunst?"

Dieser Ansatz ist allerdings in letzter Zeit so erfolgreich gewesen, dass man I Love Dick inzwischen mit anderen Augen liest. Denn manche Voraussetzungen dieses Essay-Romans sind heute nicht mehr gegeben. Chris Kraus schreibt da zum Beispiel, "dass Weiblichkeit und Begehren etwas inhärent Groteskes, Unaussprechliches an sich haben", und sie erklärt: "Was heutzutage unter Frauen geschieht, ist das Interessanteste auf der Welt, weil es am wenigsten beschrieben wird." Zwanzig Jahre später wird allerdings über kaum etwas so viel geschrieben, diskutiert und geschwafelt wie über Frauen und ihr Begehren, dessen Feuchtgebiete bis in den letzten Winkel kartografiert sind. Und bedauerlicherweise ist im Zuge dessen der Gestus der Selbstoffenbarung bis zur Unkenntlichkeit trivialisiert worden. Unter dem Etikett der kreativen Selbstverwirklichung blieb davon nur noch die Geständnisliteratur der Memoirs, die Selbstversuche von Journalisten und Schreibschülern, das ganze Alltagsgeschäft mit dem Seelenstriptease. Denn es stellte sich heraus, dass gnadenlos mit sich selbst beschäftigte Menschen im kapitalistischen Verwertungsprozess wunderbar funktionieren. Sie schnüffeln nicht in den Verhältnissen der Mächtigen herum, klagen nicht über "die Gesellschaft", sondern beschäftigen sich mit ihren eigenen Fähigkeiten, das macht leistungsbereit. Und weil sie ihre Bedürfnisse kennen und gerne preisgeben, sind sie ideale Konsumenten.

Was ist nur schiefgelaufen, fragt man sich also und sucht I Love Dick unwillkürlich nach Argumenten ab, um die Fehlentwicklung zu korrigieren. "Lieber Dick", schreibt Chris, "ich will eine Welt gestalten, die interessanter ist als meine eigenen Probleme. Deshalb muss ich meine Probleme gesellschaftlich darstellen." Und genau dieser zweite Teil der Aufgabe wirkt heute noch ziemlich brisant. Er ist wohl etwas in Vergessenheit geraten und hört sich ja auch unsexy und anspruchsvoll an. So wie sich die kulturkritische zweite Hälfte von I Love Dick wesentlich zäher liest als die süffige Liebesgeschichte am Anfang. Aber mit der Parole "Das Private ist politisch" war eben nie gemeint, dass das Herumpopeln in persönlichen Geschichten ausreiche, um sich als politisch verstehen zu können. Es bedarf solider Taktiken und Methoden, um das empfindliche Selbst intelligent in einen größeren Kontext stellen zu können. In I Love Dick findet sich das Werkzeug dazu. Und genau deshalb ist es eine Erleichterung, dass dieses Buch durch die Übersetzung jetzt auch hier vom Geheimtipp zum Klassiker wird.

Chris Kraus: I Love Dick. Roman; aus dem Englischen von Kevin Vennemann; Matthes & Seitz, Berlin 2017; 292 S., 22,– €