Man kann ihn besonders feige nennen oder ausgesprochen mutig; einen Angsthasen oder den ersten Politiker seit Langem, der auf Macht verzichtet, weil ganz oben zu sein eben doch nicht alles ist. Sigmar Gabriel wird nicht Kanzlerkandidat der SPD, und auf einmal wirkt sein monatelanges Schweigen in der K-Frage nicht wie das Zaudern eines Mannes, den man gern wankelmütig nennt. Nein, da hat es sich einer schwer gemacht, hat abgewogen zwischen dem, was er kann und für seine Partei noch tun könnte – und dem, was die Bürger von ihm halten. Sigmar Gabriel geht politisch ungeschlagen vom Feld. Er hat die SPD gegen parteiinterne Widerstände in die große Koalition geführt. Und er hat dazu beigetragen, dass vieles, was im letzten Wahlkampf als unmöglich galt (Mindestlohn!), heute ganz selbstverständlich ist. Aber Gabriel weiß eben auch um die Meinung der Wähler über sich, er kennt die Ergebnisse einer Umfrage, die er vor Monaten nur für sich hat in Auftrag geben lassen. Dabei kam heraus, dass selbst Gabriels Anhänger in der SPD der Ansicht sind, dass Martin Schulz die besseren Chancen hätte.

Ein Kanzlerkandidat Schulz muss nur konfrontierten, kooperieren muss er nicht

Man kann sich schon vorstellen, dass es Politiker (und Wirtschaftsbosse und Kulturgrößen) gibt, die sich nicht im Geringsten darum scheren würden, was andere von ihnen halten – weil sie davon überzeugt sind, die Besten zu sein. Und in der SPD war es in den vergangenen Monaten auch nicht so, dass alle wichtigen Parteileute Gabriel gedrängt hätten, zu verzichten. Es war vielmehr umgekehrt: Gabriel verzichtet, obwohl ihn alle drängten, doch bitte anzutreten. Auch das widerspricht den gängigen Klischees von Macht und Politik.

Nun also Schulz. Mit ihm kommt das Flirrende, das Internationale in den Wahlkampf. Wer sich im Europaparlament einst mit Silvio Berlusconi anlegte, wird auch die richtigen Worte für Donald Trump finden. Dazu kommt: Schulz wird zwar SPD-Vorsitzender, rückt aber nicht an den Kabinettstisch der Kanzlerin. Das macht ihn im Wahlkampf freier – und den Wahlkampf interessanter. Für die Kanzlerin bedeutet die Kandidatur von Martin Schulz erst einmal: nichts. Ihr eigentlicher Gegner ist viel größer und unberechenbarer – es ist das Volk. Aber gerade weil Schulz so viel freier sprechen und auftreten kann, erscheint die Kanzlerin nun angreifbar. Merkels mitunter lähmende Rhetorik; ihr Unvermögen, die Menschen mitzureißen; ihre Unfähigkeit, so etwas wie gesellschaftliche Ziele zu formulieren: All dies sind Einladungen zur Konfrontation. Und Schulz muss nur konfrontieren, braucht nicht zu kooperieren. Er wird sich – obwohl ein Mann des Establishments – als politischer Außenseiter geben, etwa so wie Bernie Sanders in den USA oder Emmanuel Macron in Frankreich.

Martin Schulz ist kein Linker. Genauso wenig wie das neue Führungsduo der Grünen links ist. Das minimiert die ohnehin kleine Machtoption Rot-Rot-Grün. Aber wenn die SPD sich nun stärker um die innere Sicherheit kümmert, um zusätzliche Polizisten und schärfere Gesetze; wenn die Grünen das liberale Korrektiv bilden und die Linken einfach links sind, dann könnten sich diese drei im Wahlkampf ergänzen, statt sich gegenseitig Stimmen wegzunehmen.

Ist Martin Schulz der richtige Kandidat? Dass nun so viel Hoffnung mitschwingt, hat auch damit zu tun, dass sich auf ihn fast alle Erwartungen projizieren lassen. Aber wie Schulz unter enormem Druck und extremer Beobachtung wirklich agiert, weiß heute noch niemand. Erinnern wir uns an Peer Steinbrück, der vor dem Wahlkampf 2013 als bestmöglicher Kandidat galt, aber im Wahlkampf nie einzulösen vermochte, was sich so viele Sozialdemokraten von ihm versprochen hatten.

Womöglich hilft es da, dass Gabriels Verzicht der SPD nun ein Gefühl beschert, das sie se3r lange – und gerade im letzten Wahlkampf – nicht kannte. Monatelang haben die Sozis dem Druck standgehalten. Sie haben sich den gängigen Mechanismen widersetzt, wonach Zeitpläne nicht mehr zu halten sind, wenn die Medien schreiben oder senden, es sei nun Zeit für eine Entscheidung.

Jetzt also ist Martin Schulz der Kanzlerkandidat, und in zwei Wochen wird Frank-Walter Steinmeier der nächste Bundespräsident sein. Dazu kommt das ganz neue Gefühl von Souveränität und Selbstdisziplin. Es ist kein schlechter Start ins Wahljahr für die SPD.

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