Wäre Karl Marx ein Mann von heute, er müsste nicht viel an sich ändern. Sein Haar und sein Bart könnten so bleiben. Noch ein Jutebeutel am Handgelenk, und er würde in Berlin-Mitte gar nicht auffallen. Seine Familienverhältnisse – verheiratet erst nach siebenjähriger Beziehung, zu mehreren ehelichen Kindern kam noch ein uneheliches dazu – gehen als modernes Patchwork-Modell durch. Und der Satz, mit dem er seine Anhänger verspottete, ist sogar sehr aktuell: "Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein ›Marxist‹ bin!" Damit liegt er im Trend – wer ist heute schon noch Marxist?

Vergesst die Marxisten, lest Marx! Denn der ist modern. Studenten der Wirtschaft und der Politik debattieren über ihn, eingefleischte Liberale bewundern seine Prognose-Fähigkeiten. Das liegt an den Problemen der Gegenwart, die 150 Jahre nach Erscheinen seines Buchs Das Kapital genau seine Themen sind. Es ging ihm um die Ungleichheit, die der Kapitalismus erzeugen kann, um die Ausbeutung ganz unten in der Gesellschaft und die Exzesse ganz oben.

Marx erkannte aber auch das Potenzial unseres Wirtschaftssystems, alte Machtstrukturen aufzubrechen. Dessen Siegeszug in der ganzen Welt sah er vorher. Der Kapitalismus war für Marx eine gigantische Kraft, eine Möglichkeit, die Welt insgesamt reicher zu machen. Die Globalisierung war die Methode, um diese Entwicklung noch zu beschleunigen. Die Bourgeoisie, so schrieb Marx im Kommunistischen Manifest, habe eine scharfe Waffe: die günstigen Preise ihrer Waren. Sie seien "die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt".

Die kriegerischen Metaphern zeigen, dass Marx diese Entwicklung nicht begrüßte. Er freute sich zwar über die Zerstörung alter Machtstrukturen. Doch er sah auch die Härten des Kapitalismus. Der erzeuge zwar wahnsinnige Reichtümer, verteile diese aber ungerecht. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Die Ungleichheit steigt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017.

Ganz so ist es nicht gekommen. Kapitalismus und Globalisierung haben im Verlaufe der vergangenen 150 Jahre viele Menschen reicher gemacht, nicht nur Kapitalisten, sondern auch Arbeiter. Trotzdem ist die Marxsche Kritik hochaktuell. Was der Westen heute als die Nachteile seines Wirtschaftssystems erkennt, sind die von Marx genannten Folgen: wachsende Ungleichheit (vor allem in den angelsächsischen Ländern, weniger in Deutschland), Lohndruck auf die einfachen Arbeiter durch die Globalisierung (vor allem im Westen), Konzentration der Gewinne bei den Reichen und Effizienzdruck auf alle Beschäftigten.

Wie es dazu kam, erklärt Marx viel besser als die Politiker der Neurechten, die sich heute als Helden der Arbeiterklasse aufspielen. Die Behauptung des amerikanischen Präsidenten, sein Land sei über Jahre von anderen Ländern systematisch ausgebeutet worden, würde Marx ganz sicher nicht teilen. Mit etwas Glück würde er Donald Trump einen "breitmäuligen Faselhans" nennen – eines der vielen Schimpfwörter, mit denen er in den Fußnoten seines Werks seine Kritiker bedachte. Und Trumps Lösung, nun Handelsabkommen zu kündigen und Strafzölle zu erheben, würde Marx belächeln. Schließlich hat er die Zeit der hohen Schutzzölle noch selbst miterlebt und wusste, dass sie vor allem die Industriellen im Land schützen. Zum Schutz der Arbeiter waren sie hingegen kaum geeignet.