Marx wird von Ökonomen unterschiedlich beurteilt. Unter Angelsachsen genießt er eine nur geringe Wertschätzung, weil sie seine Arbeitswertlehre im Mittelpunkt seiner Analyse sehen. In der Tat kann man als Ökonom der Vorstellung wenig abgewinnen, dass der Wert einer Ware sich speziell nur durch den Gehalt an Arbeit, der darin steckt, erklärt, während die Kosten des Kapitaleinsatzes nichts als ein Mehrwert seien, den die Kapitalisten den Arbeitern stehlen. Was Marx hierzu aufschreibt, ist mehr Ideologie als Erkenntnis.

Marx’ wahre Leistung liegt in der makroökonomischen Theorie, also in seinen Erkenntnissen über die gesamte Volkswirtschaft. Die wichtigsten Beiträge zur volkswirtschaftlichen Erkenntnis liefern seine Krisentheorien. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Theorie vom tendenziellen Fall der Profitrate zu, die im dritten Band des Kapitals entwickelt wird. Die Profitrate nennen wir heute Ertragsrate oder Rendite. Es geht um den Gewinn der Unternehmen im Verhältnis zu ihrem Einsatz von Kapital. Nach Meinung von Marx fällt diese Profitrate im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung auf ein immer niedrigeres Niveau. Das liege daran, dass das Kapital schneller vermehrt werden könne, als die Zahl der Arbeitskräfte wachse. Es werde also immer mehr Kapital pro Arbeiter angehäuft, aber nicht proportional mehr verdient.

Marx vermutete, dass die fallende Profitrate irgendwann den Punkt erreichen werde, an dem die Rendite für die Unternehmer zu gering sei, um noch Investitionen zu wagen. An diesem Punkt komme es zu einem Investitionsstreik, der die Wirtschaft in eine Krise stürze. Denn wenn Investitionsgüter nicht gekauft würden, dann veranlasse dies die Hersteller dieser Güter, weniger Vorprodukte zu kaufen. Deren Hersteller kauften ebenfalls weniger Vorprodukte. Es komme zu einer viele Wirtschaftsbereiche umfassenden Kettenreaktion, der Krise.

Diese Marxsche Krisentheorie ist hochaktuell. Sie wird in ähnlicher Form heute wieder von führenden Volkswirten vertreten, so von Carl Christian von Weizsäcker aus Bonn oder auch von Lawrence Summers, dem ehemaligen Finanzminister der USA. Beide argumentieren, dass die Menschheit schon zu viel investiert habe, sodass die rentablen Investitionsprojekte zur Neige gingen. Es werde nicht genug verdient, um mit dem sicheren Zins von null, den die Bargeldhaltung bietet, Schritt halten zu können. Deswegen drohe der Investitionsstreik und die Krise. Nach Alvin Hansen, einem Zeitgenossen von Keynes, nennen sie dieses Szenarium Säkulare Stagnation. Sie fordern, dass der Staat in die Bresche springt, indem er sich immer mehr verschuldet. Der Staat soll die gesamtwirtschaftliche Nachfrage so weit erhöhen, dass die fehlenden Investitionen kompensiert werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017.

Weizsäcker argumentiert, dass auch eine nach dem Umlagesystem konstruierte Rentenversicherung, die eine versteckte Staatsverschuldung ist, und weitere Schattenhaushalte dabei nützlich sein könnten. Andere Ökonomen wie zum Beispiel Kenneth Rogoff von der Harvard-Universität wollen stattdessen das Bargeld abschaffen. Dann könnte man nämlich den Zins so stark negativ machen, dass die Investitionen im Vergleich dazu wieder rentabel würden. Solange es Bargeld gibt, kann der Zins freilich nicht stark negativ werden. Denn welche Bank würde ihr Geld zu negativen Zinsen – also mit Kosten für die Bank – an jemand anderen verleihen, wenn sie es einfach als Bargeld halten könnte und dann kaum Kosten hätte?

Die Theorie der Säkularen Stagnation hat insbesondere bei der Europäischen Zentralbank (EZB) viel Anklang gefunden. Sie liefert ihr eine willkommene Begründung für eine Negativzinspolitik, die in Wahrheit der Rettung überschuldeter Firmen und Staaten in Südeuropa dient. Der EZB-Rat hat den Zins auf Einlagen, die die Banken bei ihren nationalen Notenbanken unterhalten, schon vor einiger Zeit negativ gemacht und erlaubt den nationalen Notenbanken, Geld zu negativen Zinsen von bis zu minus 0,4 Prozent an die Banken zu verleihen. Das Problem des EZB-Rates ist, dass er die Zinsen wegen der Existenz des Bargeldes nur bis zur Höhe der Tresorkosten in den negativen Bereich drücken kann. Geht er weiter, behalten die Sparer lieber ihr Geld als Barbestand.

Insbesondere große Anleger wie Banken und Versicherungen haben die Möglichkeit, Bargeld zu relativ niedrigen Tresorkosten zu halten. Sie wählen deshalb schon heute in gewaltigem Umfang genau diesen Weg, um den negativen Zinsen zu entkommen. Es gibt einzelne Banken, die Banknoten von deutlich mehr als zehn Milliarden Euro lagern. In der Schweiz werden Bergwerksstollen für die Lagerung von Bargeld verwendet.