Womit wird er nicht alles strapaziert und konterkariert: der Begriff des Lehrers. "Verstaubt" sei er, "unangemessen" und "unzeitgemäß". Vor allem verkenne er aber den Kern des Lernens, der in der Selbstständigkeit und Eigenverantwortung des Lernenden zu sehen sei. Stattdessen manifestiere er ein überholtes, traditionelles Machtgefüge. Und damit wird der Begriff des Lehrers bei so manchen Schulexperten sogar ungerecht und inhuman.

Alternativen sind schnell gefunden: Lernbegleiter, Lerncoach, Lernberater und vieles andere mehr wird propagiert. Bis heute sind diese Worthülsen Kampfbegriffe im bildungspolitischen Diskurs.

Hinter diesem geforderten Wandel stehen "neuere" Erkenntnisse aus einer weltanschaulich geprägten Erziehungswissenschaft, die nahelegen, den Begriff des Lehrers endlich aufzugeben und ihn durch einen "neuen" Begriff zu ersetzen. So wirkmächtig Sprache auch ist, so ehrlich muss sie bleiben. Mit Blick auf Ergebnisse der empirischen Erziehungswissenschaft zeigt sich, dass nicht alles, was als "neu" gehandelt wird, besser ist als das, was als "alt" angesehen wird.

Besonders eindringlich macht dies der Dumm-und-dümmer-Effekt, der zurückgeht auf ein Experiment von David Dunning und Justin Kruger: Studierende wurden gebeten, nach dem Verlassen des Prüfungsraumes ihre erbrachte Leistung einzuschätzen. Dabei zeigte sich, dass sich die Leistungsschwächeren um bis zu 20 Prozent überschätzten, wohingegen sich die Stärkeren um bis zu fünf Prozent unterschätzten. Auf den Punkt gebracht: Inkompetente Menschen können ihre Inkompetenz nicht einschätzen.

Mittlerweile wurde dieser Effekt in Schulen mehrfach repliziert. Nehmen wir das Beispiel einer offenen Lernumgebung, die mit Stationen auf unterschiedlichen Leistungsniveaus gestaltet ist. Für gewöhnlich ergeht nach Erklärung der Stationen der Auftrag an die Lernenden, sich jene Aufgaben herauszusuchen, von denen sie glauben, dass diese die richtigen für sie sind und ihrem Leistungsvermögen entsprechen – ein Szenario, das an Schulen tagtäglich stattfindet. Der Dumm-und-dümmer-Effekt macht darauf aufmerksam, dass dieses Vorgehen nicht ohne Schwierigkeiten bleiben wird. Denn Leistungsschwächere werden häufig zu schwierige Aufgaben auswählen, wohingegen Leistungsstärkere nicht davor gefeit sind, zu leichte Aufgaben zu machen. Es obliegt folglich auch in einer offenen Lernumgebung besonders der Kompetenz und Haltung des Lehrers, ob Lernen gelingt oder nicht.

Vor diesem Hintergrund mein Plädoyer: Wir sind Lehrer! Als solche ist es unser Verständnis, dass Lernen von den Schülerinnen und Schülern zunehmend selbst reguliert wird, dass Lernen nicht machbar ist, dass Lernen auf differenzierte Angebote angewiesen ist. Kein Didaktiker in den letzten 30, 40 Jahren hat daran wirklich gezweifelt! Wer an dieser Stelle aber stehen bleibt, verkennt, dass es für das Gesagte auch notwendig werden kann, einzugreifen, wenn Über- oder Unterforderung zutage tritt, einzugreifen, wenn Irrwege nicht erkannt werden und Umwege nötig sind, einzugreifen, um der Selbstwahrnehmung eine Fremdwahrnehmung gegenüberzustellen.

Wer sich als Lehrer nur auf das Lernen besinnt, unterschätzt seinen Einfluss, der natürlich mit einem Machtgefüge verbunden ist – wie sollte es anders sein? Was aber noch viel wichtiger ist: Er verkennt die Verantwortung des Lehrens – nämlich Lernen so gut es geht zu ermöglichen.

Dabei ist es genau diese Verantwortung des Lehrers, die entscheidend ist für den Bildungserfolg: mit dem Machtgefüge so umzugehen, dass Unterricht ein Dialog ist, eine Interaktion zwischen Menschen. Kompetenz und Haltung ist dafür notwendig. Und all das steckt im Begriff des Lehrers wie in keinem anderen.