Im Dezember vergangenen Jahres wurden die neuesten Pisa-Ergebnisse publiziert. Da die Resultate in Deutschland aber fast dieselben waren wie im Jahr 2012, hielt sich das Medienecho in Grenzen. Dabei enthält die neue Pisa-Studie durchaus interessante Ergebnisse.

Schwerpunktthema waren diesmal die Naturwissenschaften. Dort werden die Leistungen der Schüler als besonders wichtig erachtet, denn "in einer Welt massiver Informationsströme und rapider Veränderungen muss jeder in der Lage sein, wie ein Naturwissenschaftler zu denken". So steht das zumindest im Vorwort zur neuen Pisa-Studie. Doch leider interessieren sich immer weniger Schüler und noch weniger Schülerinnen für Naturwissenschaften, und es herrscht ein Mangel an Studierenden in vielen Ingenieurfächern. Also wird seit Jahren versucht, vor allem die Mädchen für naturwissenschaftliche Fächer zu begeistern und so auch ihre Leistung zu verbessern.

Klappt das wirklich? Die Pisa-Studie gibt auf diese Frage eine wohl eher ungewollte Antwort: Nein!

Um herauszufinden, wie es um die Motivation von Jungen und Mädchen bestellt ist, hat die Studie die "Freude am naturwissenschaftlichen Lernen" abgefragt. Die Ergebnisse zeigen, dass diese für die bei Pisa gemessenen Leistungen keine große Bedeutung besitzt. Stark ausgeprägt ist die Freude zwar in Singapur, dem Land mit den besten Ergebnissen. Doch in Japan, das hinter Singapur an zweiter Stelle liegt, ist es umgekehrt. Dort ist die Lust am Besuch des naturwissenschaftlichen Unterrichts ausgesprochen gering, trotz ausgezeichneter Leistungen. Ähnlich ist es in Deutschland und den Niederlanden.

Generell wird die Leistung durch ganz andere Faktoren beeinflusst. Wichtig sind vor allem die sozioökonomische Herkunft und das Geschlecht. Wer aus einem begüterten oder gebildeten Elternhaus kommt, erzielt im Durchschnitt deutlich bessere Leistungen als jemand aus einem ärmeren oder bildungsfernen Haushalt. Das war schon immer so.

Hier offenbart sich ein fundamentales Dilemma der Bildungspolitik: Dort, wo der Staat einen Einfluss hat, nämlich bei der Organisation und Gestaltung der Schulen, ist die Wirkung auf die Schulleistungen gering. Auch die neueste Pisa-Studie zeigt, dass weder der Schultyp (privat oder öffentlich, Gesamtschule oder nicht) noch das Ausmaß an vorschulischen Angeboten einen Einfluss hat. Die größte Wirkung lässt sich über Schuldisziplin (Schwänzen nicht erlaubt!) und gute Lehrer erzielen, die auf Bedürfnisse und Fähigkeiten der Schüler eingehen.

Wirklich groß wäre der Einfluss des Staates, wenn er "Bildungsnähe" innerhalb der Familien selbst vermitteln könnte. Deren Privatsphäre ist aber weitgehend unantastbar, die Erziehung in den eigenen vier Wänden den Eltern überlassen – zum Glück. Die Alternative wäre nämlich nichts anderes als ein modernes Sparta, wo der Staat die Kinder konfisziert, um sie "richtig" und "leistungsgerecht" zu sozialisieren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017.

Hartnäckig hält sich auch der Unterschied zwischen Mädchen und Jungen, was die Leistung in Mathematik und in abgeschwächter Form in den Naturwissenschaften betrifft. Was hat man nicht schon alles versucht, um Mädchen dafür zu begeistern, ohne dass diesen Kampagnen der geringste Erfolg beschieden war. Also, so mutmaßt der Koordinator der Pisa-Erhebungen Andreas Schleicher in der ZEIT (Nr. 51/16) vom 8. Dezember, trauten sich Mädchen in den Naturwissenschaften noch immer nicht genug zu. Als ob man geringe Leistungen einfach auf mangelndes Selbstvertrauen zurückführen könnte und nur das Vertrauen der Mädchen in ihre Leistungsfähigkeit fördern müsste, damit sie die gleichen Leistungen wie die Jungen erzielen.

Doch die Pisa-Studien selbst zeigen, dass das ein Ammenmärchen ist. Mädchen haben einfach weniger Lust auf Mathematik und Naturwissenschaften, und das ist ihr gutes Recht. Seit seiner Einführung im Jahr 2000 hat der Pisa-Test die Unterschiede in Leistung und Interessen zwischen Mädchen und Jungen jedes Mal wieder aufs Neue bewiesen. Er zeigt: Freude an Naturwissenschaften und Technik lässt sich nicht künstlich herbeizüchten. Entsprechende Kampagnen kann man sich sparen.