Der diesjährige Reformationstag am 31. Oktober wird einmalig als nationaler Feiertag begangen. Dennoch ist weithin unklar, was daraus wird und was das soll. Ist es vielleicht schon zu spät, dem einen Sinn zu geben? Sollte man besser stillschweigend hinnehmen, dass es so ist, auch wenn jeder Feiertag der ökonomischen Wachstumsbilanz schadet? Sollten wir die Gretchenfrage: "Wie hältst du’s denn mit diesem Tag?" nicht einfach übergehen? Wie soll es bei einem einmaligen, irgendwie "schrägen" Feiertag – "Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder!" – möglich sein, ihn mit Sinn zu erfüllen? Immerhin: Der 31. Oktober 2017 fällt auf einen Dienstag; mit nur einem Brückentag ergeben sich in evangelisch geprägten Bundesländern vier, in katholischen Gebieten, unter Einschluss des Allerheiligenfestes am 1. November, fünf freie Tage. Mit nur zwei weiteren Urlaubstagen kann man neun Tage freihaben. Deutschland, einig Ferienland! Die Tourismusbranche wird boomen. Wer Urlaub macht, hat’s gut; Gretchenfragen lässt man daheim.

Gedreht, gewendet, wie man will: Der Reformationstag macht’s uns nicht leicht. Obwohl er das älteste historische Jubiläum ist und bereits 1617 inauguriert wurde, haftet ihm erstaunlich wenig an verbindlicher kulturell-ritueller Praxis an. Auch in der Wolle gefärbten Protestanten höheren Semesters fällt kaum mehr ein als der pflichtmäßige Schulgottesdienst gedungener Pennälerkohorten, denen – aller Sola-gratia-Theologie zum Trotz – die einstündige Ableistung liturgischer Trübsal mit der Gnadengabe eines schulfreien Resttages vergolten wurde. Was aber soll der Katholik oder Nichtchrist mit dem Reformationstag anfangen? Kann man hier vielleicht von den nicht mehr ganz so "neuen" Bundesländern, für die der 31. Oktober seit mehr als zwei Jahrzehnten mehrheitlich wieder ein regulärer und regelmäßiger Feiertag ist, lernen? Kaum mehr als die Allerweltsweisheit, dass die Hoffnung zuletzt stirbt, oder auch, dass der Überbau über die Basis triumphiert! Denn einen Feiertag zu begehen, den der religiös homogene lutherische Territorialstaat Sachsen einstmals ersann, um seine Untertanen in konfessionellem Gehorsam und antikatholischer Kampfbereitschaft zu üben, den Nationalismus und Wilhelminismus chauvinistisch überhöhten und den die DDR bis 1966 pflegte, nimmt sich in weithin entchristianisierten ostdeutschen Landschaften aus wie der einsame Ruf eines Muezzins in Mecklenburg, wie ein trotziger Appell zu religiöser Erweckung, wie eine – freilich dunkle – Zeichenhandlung, wie ein Menetekel des postfaktischen Äons.

Gewiss: Einige evangelische Christen in Ost und West werden am Reformationstag in die Kirche gehen. In den letzten Jahrzehnten ist das zwar immer schwieriger geworden an den Reformationstagen. In der Regel fanden solche nämlich kaum noch statt; an dem nachfolgenden Sonntag nahm dann die evangelische Geistlichkeit bisweilen pflichtschuldig, häufig schamhaft, seltener freudig auf die Reformation oder Luther Bezug. Für 2017 ist es kaum vorstellbar, dass die evangelische Christenheit den einmaligen arbeitsfreien 500. Reformationstag ohne Gottesdienste verstreichen ließe, oder? Wenn freilich der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, kraft welcher autoritativen Eingebung auch immer, ankündigt, dass der Reformationstag fortan nur noch mit den Katholiken gemeinsam gefeiert werden könne, heißt das nichts anderes, als ihn definitiv aufzugeben. Wer das Kreuzerhöhungsfest ökumenisch zelebriert, wird auch Allerheiligen lieb gewinnen. Sein bayerischer Bischofskompagnon Kardinal Marx prophezeit denn auch bereits, dass die Vereinigung beider Kirchen in den nächsten 100 Jahren über die Bühne gegangen sein werde. So viel charismatisch-visionäre Kraft im Amt war selten. Der Protestantismus – ein verdorrender Ast am Stamm des lateinischen Christentums. Vieles spricht dafür, dass der 31. Oktober 2017 der letzte Reformationstag gewesen sein wird.

Doch evangelisch, katholisch, gehupft wie gesprungen: Die nächsten Verwandten dieses hybriden Feiertages sind der 1. Mai und der 3. Oktober, der Tag der Arbeit und der Tag der Deutschen Einheit. Der Reformationstag ist nämlich ein politisches Datum. Es gibt ihn auf Weisung der weltlichen Obrigkeit, damals wie heute. Die politische Entscheidung, die zum einmaligen Reformationstag 2017 führte, steht in einer bemerkenswert langen, erstaunlich ungebrochenen Tradition, die den konfessionellen Territorial- und den frühabsolutistischen Fürstenstaat, das Kaiserreich, den SED-Staat und die deutschen Demokratien überwölbt und verbindet. Keinem anderen Helden als Luther ist das gelungen. Chapeau!

Die Begründungen für das politisch verordnete Reformationsgedenken, die der Deutsche Bundestag in seiner parteiübergreifenden Entschließung vom 6. Juli 2011 formulierte, setzen sachgerecht bei der historischen Bedeutung der Reformation an. Die Reformation, so heißt es da, habe "als gesellschaftliches, kulturelles und religiöses Ereignis" Deutschland und Europa grundlegend verändert. Deshalb sei es wünschenswert, "die Beiträge des christlichen Glaubens und der Kirche zur sozialen Verantwortung, zur Ausbildung moderner Grundrechte und der Grundlagen der Demokratie zu diskutieren". Entschiedener noch stellte die Bundesregierung fest, dass die "Reformation zu den geistigen Wurzeln unseres Gemeinwesens" gehöre und ihr Jubiläum eine "große Chance zur lebendigen und aktiven Fortentwicklung der Demokratie" darstelle. Starke Worte, wichtige Anliegen! Doch was ist davon in den vergangenen fünf Jahren eingelöst, vernehmbar diskutiert, plausibel entfaltet worden? Kann die avisierte Chance noch genutzt werden, ohne in eine Affirmation der Reformation zu geraten, die jeder nüchternen historischen Vernunft Hohn spräche? Wie kann der Diskurs über das historische Phänomen Reformation zur "Chance" für die Gegenwart werden?

Im gesellschaftlichen Horizont liegt die entscheidende Aufgabe des Reformationsgedenkens in der Vergegenwärtigung ihrer vielfältigen und lang gestreckten Folgen, die den Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts, insbesondere Luther, zutiefst fremd waren. Infolge der Reformation entstand eine konfessionelle Spaltung, die die deutsche Geschichte auf vielfältige Weise und dauerhaft prägte. Sie hat territorialstaatliche Identitäten befördert und infolge blutiger Konflikte auf der Ebene des Reichs Prozesse und Regularien des rechtlich verbürgten Konfliktaustrags, mittelbar schließlich staatlich verbürgte Toleranz begünstigt. Die konkurrierenden Auslegungsgestalten der christlichen Religion – Luthertum, Reformiertentum, Täufertum, römischer Katholizismus – erwiesen sich als irreversibel; dies hat mittelbar Rationalisierungs- und Säkularisierungsprozesse im Umgang mit der Religion gefördert. Die Religionskritik ist ein legitimes Element unserer Zivilisation.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Die durch die Reformation verstärkt einsetzenden Prozesse einer volkssprachlichen Aneignung des Christentums durch Bibeln, Katechismen, Kirchenlieder und so weiter haben, mittelbar auch innerhalb der katholischen Kirche, Formen und Möglichkeiten der religiösen Partizipation eröffnet oder intensiviert, deren bildungs- und kulturgeschichtliche Wirkungen, etwa im Bereich der Entstehung europäischer Nationalliteraturen und Bildungskulturen, unübersehbar sind. In einem Prozess mehrerer Jahrhunderte hat die in der Reformation vollzogene Pluralisierung des lateinischen Christentums religiöse Absolutheitsansprüche und monistische Wahrheitssysteme gebannt, pazifiziert und nivelliert, die Religionen zivilisiert und die destruktiven, intoleranten Potenziale, die auch der christlichen wie jeder anderen Erlösungsreligion inhärent sind, wirkungsvoll eingehegt.