Formel-1-Boliden sind eine Wissenschaft für sich. Endlos frickeln Ingenieure an der Perfektionierung des Fahrgestells. Es geht um Millimeter und Gramm. Die Fahrer bekommen den Optimierungswahn genauso zu spüren: Vor Saisonstart müssen sie strenge Diäten einhalten. Denn ein Formel-1-Wagen muss "inklusive Fahrer, Öl und Bremsflüssigkeit zu jedem Zeitpunkt auf der Strecke mindestens 722 Kilogramm wiegen", heißt es im Regelwerk. Nur wenn dieses Gewicht unterschritten wird, bekommen Ingenieure Gelegenheit, mit Zusatzgewichten das Fahrverhalten zu optimieren. Dann können sie das Auto punktuell so beschweren, dass die Gesamtkonstruktion perfekt für die jeweilige Rennstrecke ausbalanciert ist.

Derartige Sorgen plagten schon die Konstrukteure im alten Rom. Sie suchten nach Mitteln und Wegen, um ihre Renngefährte schneller und stabiler zu machen als die der Konkurrenz. Einen ihrer Tricks hat nun Bela Sandor, ein emeritierter Professor für Technische Physik an der University of Wisconsin in Madison (USA) entdeckt: Von den zwei Rädern eines Pferde-Boliden verstärke man nur eines – jenes auf der Außenbahn. Im Journal of Roman Archaeology hat er ausgerechnet, wie groß der Effekt in einem Pferderennen war. Hatte ein Gefährt mit zwei normalen Holzrädern eine Siegeschance von 50 Prozent, erhöhte sie sich mit einem Eisenring am rechten Rad auf 80 Prozent. Mit schwerer Stabilisierung an beiden Rädern hingegen sank diese Quote auf 30 Prozent.

Den ersten Hinweis auf das Tuning verdankt Sandor einem Spielzeug. Das 2000 Jahre alte Modell einer Biga, eines römischen Rennsulkys, wurde in den 1890er Jahren im Tiber gefunden und steht heute im British Museum in London. Als er die Gelegenheit hatte, den 27 Zentimeter langen Wagen zu inspizieren, fiel ihm am rechten Rad eine umlaufende Erhebung auf, die am linken Rad fehlt. Bei Extragewicht an dieser Position, folgerte er, könne es sich nur um eine Eisenverstärkung handeln: "Wenn man gegenüber einem Ingenieur die Möglichkeit erwähnt, ein Rad eines Sulkys mit Eisen zu beschweren, wird die typische Antwort sein: Na klar, wenn der Wagen nur linksherum im Kreis fährt, verstärkt man am besten nur ein Rad. Und zwar das rechte!"

Rennt ein Pferd durch eine Linkskurve, lehnt der Fahrer sich – beim Versuch, die Balance zu halten – nach links "Das Phänomen kennt jeder, der im Stehen Bus gefahren ist", erklärt Sandor, "in Kurven lehnt man sich instinktiv nach innen in die Kurve." Ein Pferderennwagen-Fahrer übt dabei über sein rechtes Bein permanent zusätzlichen Druck auf das rechte Rad aus. Das stabilisiert zwar die Kurvenfahrt des Wagens, kann aber dramatische Folgen haben, wie ein Bodenmosaik aus dem französischen Lyon zeigt: In einer Haarnadelkurve geht das rechte Rad einer Biga zu Bruch und fliegt in alle Himmelrichtungen auseinander.

In der Tat führten die Fahrer ihre Pferde nicht nur im Circus Maximus oder auf dem Parcours von Lyon stets gegen den Uhrzeigersinn um die Kurven, sondern auf allen Rennstrecken des Römischen Reichs. Aus gutem Grund: "Pferde haben immer eine Seite, zu der sie sich lieber wenden", erklärt Sandor, "bedingt durch eine genetische Veranlagung." Ähnlich wie rechts- und linkshändige Menschen gibt es auch bei Pferden Rechts- und Linkshufer. "Wie viele reitende Menschen heute, haben schon die Römer bemerkt, dass die meisten Pferde lieber nach links laufen." Entsprechend schickten sie die Tiere gegen den Uhrzeigersinn ins Rennen, damit sie ihrer natürlichen Neigung folgen konnten.

Die Konstruktionsmethode für die römischen Rennräder wird heute noch in vielen Teilen der Welt bei landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugen angewandt. Damit die Eisenverstärkung möglichst eng sitzt und das Rad optimal schützt, tragen die Wagenbauer sie im Wärmeschrumpfverfahren auf. "Sie fertigen einen Eisenreifen, der im Durchmesser ein winziges bisschen kleiner ist als das Wagenrad", erläutert Sandor die Methode. Wird so ein Reifen im Feuer erhitzt, dehnt sein Metall sich aus, und er passt über das hölzerne Rad. Wird es mit kaltem Wasser übergossen, zieht das Material sich wieder zusammen und sitzt nun bombenfest auf dem Holzgerüst. "Ich nenne es den Python-Effekt", sagt Sandor.

An archäologischen Funden lässt sich seine These leider nicht überprüfen – nicht ein einziger römischer Rennwagen ist erhalten. Die meisten Materialien (Holz, Leder, Binsen) waren vergänglich – die Metallteile aber wertvoll. Ausrangierte Rennwagen wurden recycelt. Ein voll gepanzerter Streitwagen, wie Charlton Heston ihn im 1959 gedrehten Film Ben Hur um den Circus Maximus lenkt, wäre zur Freude der Archäologen zwar wohl nicht verwittert – doch man hätte damit keinen Blumentopf gewonnen. "Viele halten diese neunminütige Sequenz für das aufregendste Rennen der Filmgeschichte", sagt Sandor. "Aber in den zwei Jahrzehnten, die ich mich bereits mit römischen Rennwagen beschäftige, habe ich gelernt, dass diese Szene alles andere als realistisch ist." Mit seinem viel zu fetten Monstertruck wäre Ben Hur nie und nimmer ins Finale gekommen.

Korrekturhinweis: In der Print-Version dieses Artikels war fälschlicherweise behauptet worden, man lehne sich in einer Linkskurve nach rechts. Dem ist nicht so, man lehnt sich nach links. So steht es jetzt auch im Text. Die Redaktion

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