Mit Fäkal- und Rammelpoesie ist es so eine Sache. Sie kann ermüden, aber auch sehr lustig sein. Als das Hamburger Duo Schnipo Schranke vor drei Jahren seine erste Single Pisse veröffentlichte, ein flottes Loblied auf schmutzigen Sex mit dem Ex, gab es viele, die erst abwinkten und meinten: "Na ja, ›Pisse‹ – über das Stöckchen spring ich jetzt aber nicht rüber." Beim dritten oder vierten Hören des Refrains – "Warum schmeckt’s, wenn ich dich küsse, untenrum nach Pisse?" – lachten sie dann aber doch, ziemlich laut sogar.

Genauso gab es, als im Herbst 2015 das von Fachpresse und Feuilletons gefeierte Schnipo-Schranke-Debütalbum Satt erschien, diejenigen, die nach den Igitt-Momenten geradezu lechzten: "Rudelfick"! "Sackhaar"! "Nackig auf der Cocktailbar"! Das Album legten sie dann nach einigen Malen kräftigen Gruselns zur Seite.

Die wahren Schnipo-Schranke-Fans sind Menschen, für die es dieses Davor und Danach nicht gibt. Nicht die Super-Erregung mit anschließendem Abschlaffen, auch nicht die Abwehr mit verspäteter Entladung im großen Haha. Für Schnipo-Schranke-Fans gilt alles gleichzeitig. In einer Art verstetigtem Paradox, das aber nicht als Paradox wahrgenommen wird, empfinden sie alles auf einmal: Witz und Ennui, Trash, Ernst, Provokationslust, Peinlichkeit, Scham, Sich-Fremdschämen. Das ist die Fäkal- und Rammelpoesie als Normalzustand. Sie zeichnet auch Rare wieder aus, das sehr gelungene zweite Album der Band.

Auf ihm ferkeln Daniela Reis und Fritzi Ernst in zwölf Stücken und knackigen 42 Minuten genauso weiter, wie sie es auf Satt zu raffiniert eingängigen Klavier-Klimpermelodien und Stolpergrooves begonnen haben. Sie sind die Pimmelreiter, die "durch Pipi, Sperma und so weiter" galoppieren (Was reimt sich auf "und so weiter"? "Eiter"!). Sie sind die Haschproleten, die singen: "Mein Tag beginnt mit Augendreck, dann wasch ich mir mein Arschgesicht, denn billig war das nicht." Billig oder willig? Man versteht es nicht so genau.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Als Kritiker gratuliert man Schnipo Schranke gern ein weiteres Mal. Ihr Wechsel aus dem Fach der klassischen Musik in die populäre Unterhaltung ist geglückt. Kennengelernt haben sich Reis und Ernst an der Musikhochschule Frankfurt, wo Erstere einst Cello und Letztere Blockflöte studierte. Die Berufsaussichten für Frauen in klassischen Orchestern sind mies, das belegt einmal mehr die vor einigen Monaten vom Deutschen Kulturrat vorgelegte Studie Frauen in Kultur und Medien. Im Pop haben Schnipo Schranke auf Anhieb ihre eigene Nische gefunden. Warum sollten sie die jetzt verlassen?

Und doch gibt es da ein Dilemma: Man könnte Schnipo Schranke als singuläres Phänomen behandeln, nur wäre das womöglich langweilig. Deswegen macht man, was die journalistische Sorgfalt ohnehin rät, nämlich vergleichen. Damit landet man bei den famosen Lassie Singers, deren schnoddriger, von Almut Klotz und Christiane Rösinger perfektionierter Rumpel- und Hüpf-Sound schon auf dem Debütalbum durchklang. Mit Charlotte Roche und Lena Dunham fangen wir hier aber nicht an, nur weil sie auch offen mit Körpern und Funktionen umgehen – man muss nicht alle Frauen in eine Schublade stecken.

Absolut gerechtfertigt allerdings: der Vergleich mit Stefanie Sargnagel. Die österreichische Autorin, die zuletzt in Klagenfurt bei den Bachmann-Tagen den Publikumspreis gewann, hat oft betont, dass sie mehr Battle-Rapperin als Autorin sei. Das mag absurd erscheinen, weil Sargnagel nicht rappt, sondern mit ihrer roten Baskenmütze dasitzt und – ohne Beats – derbe Miniaturen aus dem Alltag einer blitzgescheiten linksbohemistischen Wiener Proletin vorliest. Aber das zugrundeliegende Prinzip der verbalen Eskalation ist vergleichbar.