Das schlechte Gewissen beginnt für viele Schwangere bereits mit einer der ersten Fragen vom Frauenarzt: "Nehmen Sie schon Folsäure?" Denn oft lautet ihre Antwort "Nein". Warum sollten sie auch Folsäure nehmen, vor allem dann, wenn sie ihr erstes Kind erwarten und den Nachwuchs nicht akribisch geplant haben. Doch mit der Frage schleichen sich Gewissensbisse, Unsicherheit und die erste Sorge in das neue Glück: Gefährde ich mein Kind?

Diese Frage kann oft nicht eindeutig beantwortet werden, so wie bei der Folsäure: Schlimm ist es nicht unbedingt, wenn Frauen das Vitamin nicht eingenommen haben, aber je früher sie anfangen, es zu schlucken, desto besser ist es für die Entwicklung des Kindes.

Die Verunsicherung der werdenden Mütter hängt paradoxerweise mit dem Wissenszuwachs der Geburtsmedizin in den vergangenen Jahren zusammen: Je mehr man über die Risikofaktoren in der Schwangerschaft weiß, desto mehr Verhaltensregeln ergeben sich für die Frauen – und desto öfter geraten sie in Situationen, in denen sie fürchten, etwas falsch zu machen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017.

Vor allem beim Essen wird es kompliziert, will man alle Regeln akribisch beachten: "Nicht erhitzter Fisch, nicht erhitztes Fleisch und rohe Milchprodukte können Keime enthalten, die bei einer Infektion dem Baby schaden oder auch eine Frühgeburt auslösen können. Sie sind definitiv in der Schwangerschaft tabu", sagt der Sprecher des Berufsverbands der deutschen Frauenärzte, Christian Albring. Klingt simpel, ist es im Alltag aber nicht: Ist der Schafskäse im Hirtensalat beim Türken um die Ecke womöglich aus Rohmilch gemacht? Wurde der Räucherlachs in der Pasta beim Italiener kalt oder heiß geräuchert? Kann sie überhaupt noch guten Gewissens in Restaurants gehen, wenn sie überall damit rechnen muss, sich einen gefährlichen Keim einzufangen?

Ähnlich ist es bei Alkohol und Zigaretten. Die Grundregel ist klar: Schwangere sollten darauf ganz verzichten. "Alkohol ist in jeder Dosierung ein Nervengift. Jede einzelne Zigarette reduziert die Durchblutung in der Plazenta und kann dem Kind schaden", sagt Albring. "Das Gleiche gilt für Passivrauchen."

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Und da wird es kompliziert. Denn die Absolutheit, mit der diese Regeln formuliert sind, und die Drastik der möglichen Konsequenzen lassen nur wenig Spielraum für Grauzonen – die sich im Alltag aber nun mal ergeben. Etwa bei der Abendplanung: Zwar kann die Schwangere ihre eigenen Gewohnheiten umstellen und auf Bier, Wein und Zigarette verzichten. Von ihren Freunden kann sie das aber nicht verlangen. Wenn die sich nun in einer Bar treffen, in der geraucht wird, stellt sich die Frage, ob sie überhaupt noch mitgehen kann – würde sie da nicht riskieren, ihr Kind durch den Rauch zu schädigen?

Wolf Lütje trifft bei seiner Arbeit immer wieder auf Frauen, die ihre Schwangerschaft vor lauter Sorge gar nicht mehr genießen können. Er ist Chefarzt in einer Hamburger Geburtsklinik und Präsident der Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe. "Viele meiner Fachkollegen haben einen Hang zum Katastrophisieren. Um sich selbst abzusichern, zählen sie den Patientinnen alles auf, was schiefgehen könnte. Dadurch entsteht bei denen oft der Eindruck, dass es allein in ihrer Verantwortung liegt, ob ihr Kind gesund zur Welt kommt." Das sei aber nicht der Fall. "Selbst bei Schwangeren, die vermeintlich alles richtig machen, kann es zu Fehlentwicklungen kommen. Absolute Kontrolle gibt es nicht."

Lütje geht es keineswegs darum, Risiken zu verschweigen oder zu verharmlosen, er plädiert nur dafür, die Frauen zu entlasten: "Ich sehe keinen Grund, warum eine Schwangere sich von ihren rauchenden Freunden isolieren und auf einen gelegentlichen Kneipenbesuch verzichten sollte." Ein Problem gebe es doch erst dann, wenn die Frau selbst regelmäßig rauche oder mit einem starken Raucher zusammenlebe. Und selbst in diesem Fall spart Lütje mit zu strikten Forderungen. "Natürlich wäre es am besten, wenn beide Partner ganz aufhören würden, aber das ist nicht immer so einfach. Ich ermutige sie dann, zumindest stark zu reduzieren, und sage, dass jede Zigarette weniger ein Geschenk an ihr Kind ist."

Auch beim Thema Ernährung entwarnt Lütje: "Wenn eine Schwangere Appetit auf Räucherfisch hat, sollte sie ihn mit Genuss essen und sich keinen Kopf darum machen, ob der nun heiß oder kalt gegart wurde." Der Fisch enthalte wertvolle Fette und Jod, sodass der Nutzen im Zweifel höher einzustufen sei als die Gefahr, sich mit einem Keim zu infizieren. "Das Risiko halte ich für äußerst gering", sagt Lütje.