Wer erfahren will, wodurch sich die marxistische Wirtschaft vom Kapitalismus unterscheidet, kann sich von Siegfried Bülow die Geschichte eines Familienurlaubs erzählen lassen. Mit Frau und Kindern fuhr Bülow, damals Hauptabteilungsleiter in den Barkas-Autowerken in Karl-Marx-Stadt, nach Ungarn. Es waren die achtziger Jahre, die DDR-Währung war wertlos. "Wir mussten jeden Pfennig zweimal umdrehen", sagt Bülow. Im Bungalow nebenan aber lebte ein Westdeutscher, offenbar wie die Made im Speck. Irgendwann hat er, Bülow, den Nachbarn angesprochen – und festgestellt: Dieser Mann war ein Arbeitsloser, der sich ab und zu beim Amt meldete, den Sommer in Ungarn verbrachte – "und dort prächtig lebte", sagt Bülow. "Er konnte es sich gut gehen lassen."

Bülow begann nachzudenken: Wenn es einem westdeutschen Arbeitslosen besser geht als einer Führungskraft in der DDR – macht der Westen dann nicht irgendetwas sehr richtig?

Bülow ist einer von wenigen Menschen, die schon zu DDR-Zeiten Spitzenmanager waren – und jetzt wieder ganz oben stehen. Er ist, mit 65 Jahren, einer der erfolgreichsten Fabrikchefs der neuen Länder. Auf einem Acker am Leipziger Stadtrand hat er in den vergangenen 15 Jahren das modernste Werk des Porsche-Konzerns aufgebaut. Als Werksleiter führt er dort heute 4.000 Mitarbeiter, die jeden Tag 600 Autos montieren. Vor dem Mauerfall war Bülow für die Produktion eines DDR-Transporters verantwortlich, des Barkas, eines Autos, das aussieht wie ein rund gelutschter Drops – eine Geburt des Mangels. Heute produzieren Bülows Leute Prestigemodelle, den Porsche Macan und Panamera.

Er habe festgestellt, sagt Bülow, dass Marx wieder in Mode komme. Was er lustig findet, weil er selbst den Marxismus ja ganz praktisch erlebt hat, mit allen Tücken und Besonderheiten: "In der DDR war der Arbeiter das Wichtigste, was es gab im Betrieb. Um den musstest du dich fürsorglich kümmern. Das, was heute moderne Führung ist, haben wir damals schon praktiziert."

Bülows Büro ist ein abgetrenntes Separee im Werksgebäude, begehbar durch eine Schiebetür, die selten bewegt wird. Er mache sie eigentlich nie zu, sagt Bülow. "Hier kann jeder immer rein, und zum Leidwesen meiner Sekretärin passiert das auch. Die rennen hier alle einfach durch. Weil ich das so will." Bülow: ein großer, kräftiger Mann mit grauem Bürstenschnitt. Listig lächelnd, fröhlich sächselnd. Bülow spricht Salonsächsisch, einen feinen, stolzen Dialekt. Krawatte trägt er nicht. Er ist ein Techniker, einer, der es geschafft hat.

Schon Bülows Vater hatte im DDR-Fahrzeugbau gearbeitet; der Sohn jobbte als Schüler in den Ferien bei ihm. Eigentlich hatte Vater Bülow gewollt, dass sein Sohn Lehrer wird, aber, so Siegfried Bülow: "Ich wollte auch was Technisches machen. Deshalb habe ich das letzte Schulhalbjahr mit Absicht verrissen." Eine Geschichte, die er gern erzählt. Auf jeden Fall reichte es dann zur Lehre als Werkzeugmacher. Mit 21 setzte Siegfried Bülow, berufsbegleitend, noch ein Ingenieursstudium drauf. Sein Schwager habe ihm damals gesagt, er halte das für eine blöde Idee. "Noch mal studieren zu gehen. Einfach so die Arbeiterklasse zu verlassen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017.

Ein studierter Ingenieur wie Bülow bekam in den ersten Berufsjahren 732 Ostmark, in der höchsten Gehaltsstufe 1.045. Ein Dreischichtarbeiter im Autowerk habe hingegen 1.300 Mark verdient. "Manche Abteilungsleiter trugen Verantwortung für mehrere Hundert Arbeiter und verdienten weniger als sie." Der Generaldirektor der Ifa-Kombinate, des DDR-Fahrzeugbaus mit Zehntausenden Untergebenen, bekam 3.600 Mark. Ob ihm heutige Managergehälter dagegen nicht absurd vorkommen? Bülow lacht.

Seine prägendste Erinnerung, sagt Bülow, sei die an den Mangel, bedingt durch den fehlenden Zugang zum Weltmarkt und Materialprobleme. "Was ständig fehlte, war Aluminiumguss, mit dem wir die Zweitaktmotoren umhüllten. Es konnte sein, dass der Plan vorsah, am Tag 600 Motoren zu bauen, aber der Guss wieder nur für 520 reichte. Dann musste die ganze Schicht abgesagt werden, da konnte man nichts mehr machen." War dann Guss da, mussten die Arbeiter von Sonderarbeit überzeugt werden. Jetzt macht Bülow ein Geräusch, das sich in etwa anhört wie "eideidei". So wie man ein kleines Kind tröstet also. Ja: Man habe den Arbeiter geradezu liebevoll behandeln müssen, die Belegschaft "wirklich überzeugen müssen, auch mal samstags eine Zusatzschicht zu arbeiten". Wer den Plan erfüllen wollte, musste motivieren. Mit Entlassung konnte man schon deshalb nicht drohen, weil die DDR an notorischem Arbeitskräftemangel litt.