Kanzlerkandidat oder nicht – es war die schwerste politische Entscheidung, die Sigmar Gabriel je zu treffen hatte. Und eine langwierige. Und eine, die viel erzählt über ihn, über die moderne Ehe, über Freundschaft, über die SPD, über die Medien. Und über die Lage der politischen Klasse in Deutschland, die hin- und hergerissen ist zwischen Machtstreben und Machtflucht, Überforderung und Verantwortung angesichts eines Umbruchs, wie ihn die meisten Politiker noch nicht erlebt haben. Auch Gabriel nicht mit seinen 57 Jahren.

Es ist Samstag, der Tag nach den Heiligen Drei Königen, Sigmar Gabriel trägt ein ausgewaschenes Sweatshirt, er sitzt im Korbstuhl seines kleinen Wintergartens und hat sich entschieden. Zur Begründung liest er aus einer Mail vor, die ihm ein alter Weggefährte geschickt hat. Darin ist die Rede von Gabriels strategischen und intellektuellen Stärken, beispielsweise auch im Vergleich zu Martin Schulz. Der freundschaftliche Rat beschäftigt sich allerdings genauso ausführlich mit seinen Schwächen und mit dem in Beton gegossenen öffentlichen Bild von ihm, kein sonderlich positives Bild.

Über seine Schwächen muss man Gabriel eigentlich nichts sagen, auf diesem Gebiet ist er Experte. Dazu gehört, dass er mit seiner Direktheit und seiner Massivität Menschen, ohne es zu wollen, einschüchtert und vor den Kopf stößt. Dass er zuweilen zu spontan reagiert, zu emotional und darum unseriös wirkt.

Und als willensschwach gilt. Menschen mit seinem Übergewicht sind ohnehin als willensschwach verschrien. Ein dummes Klischee natürlich, schließlich endet bei jedem Menschen irgendwo das Imperium des eigenen Willens, bei ihm am Kühlschrank, was man dann sieht. Bei anderen sieht man nichts.

Mitte Dezember hat sich Sigmar Gabriel operieren lassen. Der Zeitpunkt schien klug gewählt, so kurz vor Weihnachten, da ist politisch nicht viel los, das eigene Fehlen auf der politischen Bühne dürfte kaum auffallen. Dann kam der Terroranschlag von Berlin, und man fragte: Wo ist Gabriel? Die Bild fand etwas heraus, etwas, das nicht ganz stimmte, das aber einzahlte auf das Klischee vom willensschwachen Gabriel: Magenverkleinerung zum Abnehmen, der Chirurg muss leisten, was der Minister selbst nicht schafft. Tatsächlich wurde nichts weggeschnitten, und das Motiv war nicht, schlank zu werden, vielmehr hatte sich sein Diabetes ungut entwickelt, etwas musste geschehen. Jetzt, in der ersten Januarwoche, geht es ihm besser, er hat schon wieder zwei Papiere geschrieben zum Thema Innere Sicherheit. Und ein langes Interview gegeben. Und ein Buch auf den Weg gebracht, das im Frühjahr veröffentlicht werden soll. Es heißt im Arbeitstitel "Neuvermessung der Welt". Gabriel versucht darin, seiner Bestürzung über den Wandel dieser Tage Herr zu werden, ohne sich etwas vorzumachen. Etwa über die amerikanische Europa-Politik: "Warum sollen die USA weiterhin die Sicherheits- und Verteidigungskosten Europas übernehmen? Letztlich ist die Sicherheitsgarantie der USA für Europa ein Nachkriegsmodell des Zweiten Weltkriegs, das jetzt mit etwas Verspätung ausläuft."

Viele haben aus seinen Aktivitäten der letzten Wochen geschlossen, Gabriel werde antreten. Einer von diesen vielen war Martin Schulz, sein Freund und Konkurrent um die rostige Krone eines Kanzlerkandidaten der SPD. (Kanzlerkandidat der SPD – wenn das mal kein Widerspruch in sich ist.) Gabriel hat manchmal eine gewisse Freude daran, dass die anderen sich täuschen, er hält sich für einen passablen Schauspieler, wenn es denn sein muss.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017.

In der Kandidatenfrage musste es unbedingt sein. Gabriel wollte sich nicht treiben lassen, weder als Beschädigter in eine Kandidatur gehen noch als ein Geschlagener darauf verzichten. Er wollte frei sein, und er war es schließlich auch. Die innerparteiliche Auseinandersetzung um Ceta, das Freihandelsabkommen mit Kanada, hatte er gewonnen und der SPD außerdem gegen alle Wahrscheinlichkeit einen eigenen Bundespräsidenten präsentiert. Doch um so weit zu kommen, musste er monatelang den Eindruck erwecken, er wolle Kandidat werden, andernfalls wäre sofort alle Macht aus ihm entwichen. Macht entspringt in der Politik aus Machterwartungen, wem man keine künftige Macht zutraut, dem folgt man ab sofort nicht mehr. Darum muss sich ein Parteivorsitzender, der Kanzlerkandidat werden will, genauso verhalten wie einer, der es nicht will, nämlich so, als ob er es wolle. Den selbst gesetzten terminlichen Ablauf einzuhalten wurde für ihn und seine Partei zu einer Frage der Souveränität. Macht hat, wer über den Zeitplan bestimmt.

Die widersprüchlichen machttechnischen Anforderungen trafen indes auf einen in dieser Frage innerlich zerrissenen Mann, der ohnehin vieles zugleich ist, wahrscheinlich mehr als jeder andere Politiker in Berlin. SPD-Vorsitzender, Vizekanzler, Wirtschafts- und Energiewendeminister. Linker Sozi, rechter Sozi, mittlerer Sozi. Chef der Abteilung Attacke, zugleich Versöhner und Vordenker. Alter Vater, junger Vater, werdender Vater. Typus neuer Mann mit emanzipierter Frau, Typus Schröderianer mit Machotum und allem.