Zwei Frauen, beide Rentnerinnen, stehen vor einem Haus. Die jüngere ist 62, früher hat sie bei der Telekom gearbeitet, im Kundenservice. Die ältere könnte ihre Mutter sein, fast 86 ist sie, studierte Geschichte, bekam vier Kinder, zog sie groß, war Hausfrau, all die Jahre. Zwei Frauen, beide Rentnerinnen, stehen vor einem Haus, in dem sie nicht wohnen, das sie trotzdem kennen. Nicht von innen, nicht die Räume. Aber seine Geschichte. Zwei Frauen stehen vor einem Haus und erzählen, wovon dieses Haus erzählt.

"Hier lebte ein Mann", sagt die Ältere, "sein Leben hat mich so berührt. Er war Künstler, er wollte gar nichts anderes sein. Mit Politik hatte er nichts am Hut. Er hat nicht gemerkt, was auf ihn zukam, konnte sich das nicht vorstellen, überhaupt nicht."

"Dieser Mann", sagt die Jüngere, "wollte die Welt verändern. Er schrieb 1918 einen Aufsatz, entwarf eine expressionistische Vision, schrieb, dass der neue Mensch die Sprache entfesseln solle, keine Zwänge der Grammatik sollte es mehr geben."

"Dieser Mann", sagt die Ältere, "kündigte seinen Job, wurde Schriftsteller, heiratete eine jüdische Frau, sie bekamen Kinder. Er wollte nur eins: frei sein."

"Dieser Mann", sagt die Jüngere, "wurde gedemütigt, wurde deportiert, der Naziarzt behauptete, er sei schizophren und habe ein gespaltenes Bewusstsein. Am Ende wurde er ermordet."

Oswald Pander
JG. 1881
Deportiert 1942
Theresienstadt
Ermordet 19.8.1943

Steht auf einem kleinen Stein, der in den Boden eingelassen ist. Neben dem Stein liegen sieben weitere Steine vor dem Haus in der Brahmsallee 6. Vor dem Haus, dessen Geschichte Christina Igla, die Jüngere, und Inge Grolle, die Ältere, erforschen.

Stolpersteine in Hamburg Grindel I, Hallerstraße und Brahmsallee. So heißt das Buch, das sie im vergangenen Jahr mit der Landeszentrale für politische Bildung veröffentlichten. Ein Buch, das die Erinnerung festhält an Menschen, die im Nationalsozialismus umkamen. Eine Sammlung von Biografien aus einem Viertel, das das jüdische Kerngebiet der Stadt war.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Rund 15 Prozent der Einwohner in Harvestehude und Rotherbaum waren Mitte der zwanziger Jahre Juden. In den übrigen Vierteln der Stadt waren es nicht mal zwei Prozent. Über viele andere Viertel Hamburgs gibt es bereits Bücher, 19 insgesamt. Beim Grindelviertel hat es länger gedauert. Fast die Hälfte der 5.000 Stolpersteine in der Stadt liegen in dieser Gegend. Knapp 2.500 Biografien sind in diesen Steinen aufbewahrt.

"Dieser Band ist erst der Anfang", sagt Christina Igla, "wir haben die Biografien von 90 Menschen recherchiert. Allein in den Vierteln Harvestehude und Rotherbaum gibt es 800 Steine, die noch keine Geschichte haben."

"Wir hätten gedacht, es würde ein wenig schneller gehen", sagt Inge Grolle, "aber jede Geschichte braucht ihre Zeit."

Die Brahmsallee ist eine prächtige Straße, direkt hinter dem Bezirksamt Eimsbüttel. Die Lage ist ruhig, aber zentral, die Häuser sind nobel, die Wohnungen haben hohe Decken und Stuck. Es war die jüdische Mittelschicht, die hier wohnte, die um die Ecke ihre Geschäfte hatte, die sich in diesem Viertel zu Hause fühlte.

Christina Igla hakt Inge Grolle unter, sie machen einen kleinen Rundgang um den Häuserblock.

Vorbei an Hausnummer 8, sieben Biografien haben sie hier für ihr Buch recherchiert. Vorbei an Hausnummer 10, vier Biografien. Vorbei an Hausnummer 12, elf Biografien. Vorbei an Hausnummer 14, zwei Biografien. Rüber auf die andere Straßenseite, zu den Neubauten.