Vermutlich ist es der älteste Traum der Künstler: etwas in die Welt zu setzen, was kein Bild ist und keine Skulptur, sondern das Leben selbst, durchpulst und unberechenbar. Nun zu behaupten, dieser Traum habe sich erfüllt, wäre übertrieben. Doch wächst den Künstlern gerade eine Schöpfermacht zu, die sie selbst überrascht und einigermaßen überfordert. Bislang war ihre Kunst wie das Fenster in andere Welten. Jetzt aber springt das Fenster auf, und wer eben versunken davorstand, stürzt unversehens über die Brüstung und wird von der Kunst verschluckt.

Verschlungen zu werden, mit allen Sinnen hineingerissen in eine Sphäre, in der es keine Illusionen gibt, weil jeder Schein als Wirklichkeit auftritt, dieses Gefühl einer Virtual Reality, das berauschend sein kann und gefährlich, kennen bislang vor allem die Fans des Computerspiels. Sie setzen ihre Masken auf, dazu ihre Kopfhörer, und sind fortan nicht mehr sie selbst, sondern Abenteurer in digitaler Ferne. Doch nach und nach tauchen auch die Künstler hinab in die Weiten des Virtuellen – und nehmen uns mit. Erstmals lädt jetzt eine Ausstellung dazu ein, am eigenen Leib zu erproben, wie es ist, wenn Kunst und Technik sich digital verschwören.

Parallel wird in Basel, in der Fondation Beyeler, auch Claude Monet gezeigt, der einst auf seine Weise eine virtuelle Wirklichkeit auf die Leinwand brachte, als er Seerosengemälde so lange in die Breite zog, bis es für den Betrachter schier kein Entkommen mehr gab, keinen Rahmen links, keinen rechts. Wer vor einem der Superbreitwandformate steht, für den wird die Welt zum Teich, und wäre er ein Goldfisch, er spränge hinein.

Dieses Abtauchen, ein Aufgehen in der Kunst, ist eine viel leichtere Übung, seitdem Datenbrillen so billig geworden sind, dass man sie bald überall sehen wird: Menschen, angetan mit Tauchermasken, obwohl weit und breit kein Badesee in Sicht ist. Sie brauchen keinen, sie tauchen trocken.

Schon oft ist der Augenblick beschrieben worden, in dem das Ich sich abhandenkommt. Anders als im Theater, Kino oder Museum, wo die Suggestion nie perfekt ist, weil die Bühne, die Wände sichtbar bleiben, geht der Mensch hier, virtuell und brillenblind, in den Bildern auf. Es ist, als hätten sie allein auf ihn gewartet. Sie kennen ihn, sie wissen, dass er gerade den Kopf wendet, dass er sich vorbeugt oder einen Schritt rückwärts macht, und manchmal scheinen sie seine Bewegung vorwegzunehmen. Die Grenze verschwimmt: zwischen dem Objekt der Kunst und jenem Subjekt, das mir als mein Ich bekannt war.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017.

Dieses halb diffundierte Ego rechnet mit eigentlich allem und ist deshalb nicht sonderlich überrascht, dass sich jetzt mitten in Basel eine sandige Wüste auftut, die es zu durchstreifen gilt. Und wohl allein weil das, was die Künstler Melodie Mousset und Naem Baron für ihre Installation vorbereitet haben, noch ein wenig ruckelt und nicht ganz so detailgetreu ausgeformt ist, wie man es erwartet hätte, kommt es mir nicht gleich so vor, als handele es sich um meine eigene, innere Wüste. Ich kann in dieser Wüste herumstapfen, kann sie zum Leben erwecken, weil ich in der Hand eine Fernsteuerung halte und per Tastendruck ein Geräusch ertönt, als zerrisse ein großes Betttuch, und sich aus dem Sand eine Faust emporschiebt, die sich sodann wie eine Blüte zur offenen Hand entfaltet. Und nun?

Nun erst einmal gar nichts, denn dies ist ja keines dieser Computerspiele, in dem möglichst hurtig eine Aufgabe gelöst werden muss und es hüpfend, kämpfend, ballernd stets ums Ganze geht. Im Reich der Kunst gibt es keine Wegweiser, keine Punktetabellen, und das junge, spielfreudige Publikum wird sich wohl angeödet die Maske gleich wieder vom Kopf reißen. Eine Wüste und lauter Hände, dazu sphärisches Geklingel, was soll das schon sein?

Besonders viel ist es wirklich nicht, auch für den, der ein wenig länger in der sandigen Kunstwelt ausharrt und auf den Dünen weitere Unterarme emportreiben lässt, manche davon wachsen himmelhoch, wenn man nur lange genug auf den Knopf drückt. Wer will, kann außerdem eine Hand auf der Hand heranzüchten, und dieser Hand entsprießt wiederum die nächste, sodass sich der Horizont irgendwann mit kuriosen Gliederbäumen füllt, was wohl nicht zufällig an manche Szenerien Salvador Dalís erinnert. Mit seiner Vorliebe für Paranoia und Delirium hätte er die neue Digitalkunst gewiss im Sturm erobert. Für Künstler wie ihn, die am liebsten alles nach ihrem Ebenbild umformten, muss im Digitalraum, unter den Bedingungen einer ungerahmten Absolutheit, kein Wunsch unerfüllt bleiben. Hier kann der Mensch fliegen oder sich in einen Wurm verwandeln, kann Feuer speien oder selbst zum Feuer werden. Es ist eine Befreiung: von aller Schwerkraft, aller Logik. Selbst der eigene Körper kann eine andere Hautfarbe, ein anderes Geschlecht erlangen oder bei Bedarf als Giraffenleib in Erscheinung treten.