Der Tag, an dessen Ende ihm der Hass ganz Deutschlands gilt, beginnt für Naveed Baloch auf einem Stockbett in der Flüchtlingsunterkunft Tempelhof in Berlin. Seit Monaten lebt der 24-Jährige im Empfangsgebäude des stillgelegten Flughafens. Mit sechs anderen teilt er sich eine Wohnwabe. An jenem Morgen geht er in den Waschtrakt und betrachtet sich im Spiegel: ein schmales Gesicht, fliehende Stirn, müde Augen.

Stunden später ist dasselbe Gesicht überall im Internet zu sehen – und Naveed Baloch gilt irrtümlich als Attentäter vom Breitscheidplatz. Jetzt, Wochen danach, treffen wir ihn. Das Gespräch wird von einem Vertrauten Balochs übersetzt.

Kurz nach seiner Haftentlassung hatte die britische Zeitung The Guardian Baloch interviewt. Er gab an, von den deutschen Ermittlern schwer misshandelt worden zu sein. Die Polizei wies die Vorwürfe zurück. Gegenüber der ZEIT, im ersten Gespräch mit einem deutschen Journalisten, bekräftigt er jetzt seine Aussagen.

Naveed Baloch stammt aus Belutschistan, das offiziell zu Pakistan gehört, aber seit Jahren um seine Unabhängigkeit kämpft. Es ist ein Krieg, über den in Europa niemand berichtet, ein Krieg, vor dem Baloch nach Deutschland floh.

Am 19. Dezember 2016, so erzählt es Baloch, steht er mit mehreren Freunden, ebenfalls Belutschen, auf einem kleinen Platz nahe der Siegessäule in Berlin. Es ist schon dunkel, als er sich verabschiedet, um in seine Unterkunft zurückzukehren. Plötzlich schneidet ihm ein Polizeiauto den Weg ab. Baloch muss sich in den Wagen setzen. Er glaubt, die Polizei habe ihn aufgehalten, weil er unerlaubt die Straße überquert hat. Von einem Attentat weiß Baloch zu dem Zeitpunkt nach eigener Aussage nichts.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017.

Auf der Wache wird Baloch in eine Zelle geführt. Die Beamten bedeuten ihm, Schuhe, Socken und Gürtel auszuziehen. Sie wickeln Schutzbandagen um seine Handgelenke und legen ihm Handschellen an, die Hände hinter dem Rücken. "What language do you speak?", fragt ihn ein Polizist. "Arabiye? Afghanistan? Pakistan?" Als Naveed Pakistan hört, nickt er.

Kurz darauf steht ein Übersetzer vor ihm, ein Pakistaner. Baloch versteht ihn kaum, weil dieser Mann Urdu spricht, er aber Belutschisch. Er, Baloch, habe mit einem Lastwagen viele Menschen getötet, sagt ihm der Übersetzer. So erfährt Baloch von dem Anschlag. Er sagt, er habe nichts damit zu tun. Er könne keinen Lkw fahren, er könne noch nicht einmal Fahrrad fahren.

Irgendwann am Abend, sagt Baloch, habe ein wütender Polizist mit dem Finger auf ihn gezeigt, die Halsabschneider-Geste gemacht und das Wort "kill" benutzt. Er habe das als Todesdrohung aufgefasst.

Baloch sagt, anschließend hätten ihn vier Beamte in eine andere Zelle gebracht. Er, Baloch, habe sich im Stehen erst mit dem Kopf an der Wand abstützen müssen, und zwei Polizisten seien auf seine nackten Füße getreten. Einer habe dann seinen Kopf bis hinunter zu den Knien gedrückt. Baloch schätzt, er habe etwa eine halbe Stunde in dieser Position verharren müssen. Seine Füße werden gefühllos, er kann kaum atmen. Er weint, aber er schreit nicht.

Später, erinnert sich Baloch, übergeben ihm die Polizisten einen Trainingsanzug und einen Pullover. Seine eigene Kleidung muss er abgeben. Ihm werden Blut- und Speichelproben abgenommen. Wieder drückt ein Beamter seinen Kopf herunter, dann kämmt er ihn: Baloch soll fotografiert werden und muss sich nackt an eine Wand stellen. Aus Schamgefühl legt er einen Arm vors Gesicht. Da sei ein Polizist an ihn herangetreten, sagt Baloch, habe seinen Arm heruntergebogen und ihm mit der flachen Hand in den Nacken geschlagen.

Am späten Abend wird Baloch erneut verhört. Er begreift, dass die Polizei nun einen Tunesier namens Anis Amri verdächtigt. Baloch hat sein Zeitgefühl verloren, als ihn Beamte nach draußen führen und in einen Wagen setzen. Wieder versteht er nicht, was vor sich geht, ob er frei ist oder noch unter Verdacht. Die Polizisten bringen ihn nicht nach Tempelhof. Dass Baloch dort lebte, stand im Internet, die Ermittler fürchten, er könnte angegriffen werden von Menschen, die ihn noch immer für den Attentäter von Berlin halten. Die Polizei quartiert ihn in einem früheren Hotel ein, in dem jetzt Flüchtlinge wohnen.

Das, was Naveed Baloch nach eigener Aussage widerfahren ist, läge laut Definition der Vereinten Nationen im Graubereich zwischen Misshandlung und Folter: Vertreter eines Staates fügen einem Gefangenen körperliche Schmerzen zu mit der Absicht, Informationen zu erlangen, ihn einzuschüchtern oder zu bestrafen. Wie bereits nach der Veröffentlichung des Guardian widerspricht die Polizei der Darstellung Naveed Balochs: Der Vorwurf, Baloch sei "geschlagen und misshandelt" worden, sei "falsch" und entbehre "jeder Grundlage".

Baloch sagt, die Polizei habe sich bis heute nicht bei ihm für die irrtümliche Verhaftung entschuldigt. Er sagt, etwas anderes sei ihm wichtiger: Die Ermittler sollten ihm doch bitte seine Schuhe zurückgeben.