Auf die Idee mit dem Kopfgeld kommt Michael Kuhr, als er an einem Sonntagmorgen im vergangenen Dezember die Zeitung aufschlägt. Sein Blick bleibt an einem Artikel hängen, in dem es um einen Unbekannten geht, der einer 26-jährigen Frau in einem U-Bahnhof in Berlin-Neukölln brutal in den Rücken trat. Die Frau stürzte eine Treppe hinunter und blieb verletzt liegen, der Fremde verschwand. Wer ist dieser Kerl? Michael Kuhr sitzt beim Frühstück in seinem Haus in der Nähe des Schlachtensees am Rande Berlins, und je mehr er über diesen Fall liest, desto wütender wird er. Es muss unbedingt gelingen, den Täter zu schnappen, nur wie?

Michael Kuhr fing vor 35 Jahren als Türsteher vor Berliner Diskotheken an, heute ist er 54 und Chef einer Wachfirma. Prominente wie Angelina Jolie und Leonardo DiCaprio werden bei ihren Besuchen in Berlin von Kuhrs Leibwächtern begleitet. Auch Einkaufszentren lässt er beschützen. Kuhr war früher mal Weltmeister im Kickboxen.

Wenn Kuhr von "Therapie" spricht, meint er Schläge. Er hat sich mit arabischen Clans angelegt, die den Handel mit Drogen kontrollieren, nach einer Morddrohung stand er monatelang unter Polizeischutz. Noch heute trägt er, dank einer Ausnahmegenehmigung, eine Pistole der Marke Glock in seinem Halfter. Kuhr ist mit einigen Polizisten befreundet, er schätzt sie sehr, aber an jenem Dezembertag glaubt er nicht, dass sie den sogenannten U-Bahn-Treter schnell finden werden. Er weiß, wie überlastet die Polizei und wie schwerfällig ihre Bürokratie ist. So kommt er auf die Idee mit dem Kopfgeld.

Auf Facebook postet er, er werde 2.000 Euro zahlen, wenn jemand den Hinweis für die Ergreifung des Täters gebe, der von einer Videokamera im U-Bahnhof aufgenommen wurde. Kuhr überlegt erst, das Wort "Belohnung" zu verwenden. Aber "Belohnung", das klingt, als schreibe der Staat in Ruhe eine Prämie aus. Dem zögerlichen Staat traut Kuhr nicht, also lieber: "Kopfgeld". Hört sich offensiver an, nach einer privat organisierten Jagd, wie es sie in der Bundesrepublik noch nicht gegeben hat.

Auf Facebook melden sich binnen weniger Tage Hunderte Menschen bei Kuhr, um ihm zu gratulieren. "Endlich mal einer, der Eier hat", schreibt jemand. Andere posten: "Ich verdoppele das Kopfgeld." – "Ich packe 500 Euro drauf." – "Darauf hat Deutschland gewartet."

Auch die Polizei fahndet nun öffentlich nach dem U-Bahn-Treter. Als der mutmaßliche Täter, ein junger Bulgare, gefasst wird, lässt sich Kuhr den Namen des Tippgebers nennen, der von dem Kopfgeld gar nichts wusste, und überreicht ihm die versprochenen 2.000 Euro.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017.

Damit könnte diese Episode schon zu Ende sein, aber das ist sie nicht. Denn plötzlich bieten viele Menschen an, Kuhr Geld zu spenden für künftige Kopfgeldjagden – manchmal vierstellige Beträge, ein Rentner wäre mit einem Hunderter dabei. Zählt man die Summen zusammen, kommt man auf fast 100.000 Euro. Kuhr will damit eine Stiftung gründen, seine Aktion spricht sich herum. Als Anfang Januar einem Juwelier in der Nähe des Kurfürstendamms vor den Augen seiner zehnjährigen Tochter der Laden ausgeraubt wird, setzt dieser ebenfalls ein Kopfgeld aus. 10.000 Euro. Den Ermittlungsbehörden – so das landläufige Fazit – ist ja nicht mehr zu trauen.

Sieben Wochen nach dem Attentat des Tunesiers Anis Amri am Berliner Breitscheidplatz, bei dem zwölf Menschen starben, ist in Deutschland eine Stimmung entstanden, in der sich Sorgen um die innere Sicherheit vermischen mit Zweifeln an der Stärke des Staates. Nirgendwo ist sie so ausgeprägt wie in Berlin, wo in den Zeitungen fast täglich Meldungen zu lesen sind von Überfällen auf offener Straße und finsteren Gestalten, die Rauschgift in Parks verkaufen.

Die Frage ist, was sich hinter solchen Berichten verbirgt. Ist es nur die unvermeidliche Kriminalität in einer Stadt mit dreieinhalb Millionen Einwohnern, einer Metropole, in der es noch nie so beschaulich zuging wie in Münster oder Göttingen?

Oder gibt es für das, was da in Berlin jeden Tag zu beobachten ist, nur ein einziges hartes Wort: Staatsversagen?