Neulich hatte ich Besuch von einem Freund. Er war das erste Mal bei mir zu Hause und lobte die schönen Fotografien an den Wänden, die hübschen Möbel meiner Großmutter. Nur das Bild über deinem Bett, sagte er am Ende des Rundgangs und machte eine Pause: Gefällt dir das?

Ich wusste in dem Moment nicht, was ich antworten sollte. Spontan hatte ich einfach keine Meinung dazu. Seit ich denken kann, hing dieses Bild bei meinen Eltern im Flur. Als ich zum Studieren nach Berlin zog, schenkten sie es mir. Auf dem Bild sei auch alles etwas unordentlich, sagten sie, das würde ja dann passen. 16 Jahre ist das her. Vielleicht, dachte ich, wäre es tatsächlich an der Zeit, mir ein neues zu suchen.

Ich verbrachte Abende auf Internetseiten von Grafikdesignern, dachte über einen abstrakten Kunstdruck nach, sprach mit einer Freundin, die als Kuratorin arbeitet. Einmal hängte ich das Bild probeweise ab. Aber die Leere war noch schlimmer als das romantische, verblichene Chaos im Rahmen. Während ich mich auf der Suche nach dem perfekten Ersatz verlor, vergingen mehrere Wochen.

Wie soll jemand, der nicht mal bereit ist, ein altes T-Shirt aufzubewahren, Menschen die Treue halten?

Irgendwann wurde mir klar, dass dieses Bild zu einem Teil von mir geworden ist. Ich finde es zwar hässlich, aber ich liebe es trotzdem. Mich von ihm zu trennen wäre, als würde ich ein Stück meiner selbst und meiner Geschichte verleugnen. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Dinge fielen mir ein, an denen mein Herz hängt: mein Fahrrad, das laut Prognose eines Schraubers bald unter mir zusammenbrechen wird, das viel zu mädchenhafte Kleid mit den kleinen Punkten, welches ich trug, als ich mich einmal sehr verliebte, mein Bettüberwurf aus Thailand, den ich heute etwas zu blau und zu gestreift finde. Und das Schlimme ist: Ich könnte diese Liste endlos fortsetzen.

Dabei geht der gesellschaftliche Trend genau in die entgegengesetzte Richtung. Besitz ist nicht mehr zeitgemäß. Es gilt als schick, so gut wie nichts zu haben. Für viele sind die kleinen und großen Dinge des Alltags nur noch Gebrauchsgegenstände. Oder schlimmer noch: Ballast.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017.

Als ich im Büro von meinen gescheiterten Versuchen erzählte, mich von dem Bild zu trennen, lachte eine Kollegin und erzählte stolz, dass sie eigentlich kaum etwas besitze. Das sei sehr praktisch, weil sie in den letzten Jahren elfmal umgezogen sei. Bei jedem Umzug würde sie immer alles verkaufen. In den Augen vieler ist meine Kollegin wohl Avantgarde. Denn der Minimalismus wird längst als Heilsbringer für ein aufgeräumtes und gesundes Leben gepriesen. Wer nichts besitzt, hat sich von allem Überflüssigen getrennt und sein Leben im Griff. Der Minimalist hat leere Räume zum klaren Denken, nichts lenkt ihn ab. Was sich digitalisieren lässt – Bücher, Musik, Bilder, Filme –, versteckt er in seiner unsichtbaren Rumpelkammer: der Cloud.

Den eigenen Kram loszuwerden oder wegzutauschen ist so einfach wie nie. Es gibt zahllose Websites, auf denen man mit Fremden seine Kleider tauschen, sich Autos oder sogar Hunde leihen kann. Sharing, teilen, ist das Gebot der Stunde.

Früher markierte Besitz den eigenen Status. Adlige trugen im Mittelalter Siegelringe und samtige Röcke, um die Zugehörigkeit zu ihrem Stand zu demonstrieren, später benutzten Frauen zum Rauchen lange Zigarettenspitzen als Ausweis ihrer Emanzipation, und Porsche-Besitzer bewiesen beim Überholen nebenbei, dass sie Berufen nachgingen, die das schnelle Gefährt finanzierten. Mittlerweile aber verbinden wir mit dem Wort "Status" bestenfalls noch die Textzeile bei Facebook oder WhatsApp, über die wir mitteilen, was wir gerade machen oder wo wir gerade sind.

Es zählen jetzt die Werte, die nicht greifbar sind

Die Idee, dass man an Besitztümern ablesen kann, wer jemand ist und wo er steht, ist verdrängt worden vom Konzept des Postmaterialismus: Es zählen jetzt die Werte, die nicht greifbar sind. Freiheit. Selbstverwirklichung. Unabhängigkeit. Und der Besitzer muss sich rechtfertigen für all die Sachen, die er herumstehen hat. "Du hast einen Fernseher? Also wir streamen ja nur noch mit dem MacBook."

Auf einer Internetseite, die den minimalistischen Lebensstil als Mittel gegen eigentlich alles feiert, heißt es: "Finde mehr zu dir selbst durch weniger Besitz." Ein Anhänger der leeren Lehre schreibt dort, seit er nur noch wenig besitze, habe er endlich die Kontrolle über sein Leben zurückgewonnen. Prioritäten zu setzen und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden falle ihm jetzt leichter.

Mich lassen all die Minimalisten und passionierten Teiler ratlos zurück. Was zum Teufel ist los mit diesen Menschen, deren Wohnungen aussehen, als könnten sie ihr Mobiliar innerhalb einer halben Stunde in einen Smart verfrachten? Ich finde das unheimlich.

Wer nichts besitzt, verleugnet seine Vergangenheit. Wenn ich mir ein Buch leihe und es mir gefällt, steht es bald auch in meinem Bücherregal. Wenn ich bei einem Konzert wie verrückt tanze, kaufe ich mir auf jeden Fall die CD, auch wenn mir die Musik für den Alltag viel zu rockig ist (und ich außerdem ein Spotify-Premium-Abo habe). Manchmal kommt es mir vor, als würde ich die ganze Zeit große und kleine Souvenirs sammeln. Einige kennen das vom Ende der Ferien: Man kauft sich in einem wehmütigen Moment am Strand ein viel zu buntes Batik-T-Shirt, einen aus Knochen geschnitzten Schlüsselanhänger oder holländischen Vla. Meistens trägt man das T-Shirt dann ziemlich schnell nur noch nachts. Der Schlüsselanhänger verstaubt in der Schublade, und selbst der Pudding schmeckt am Küchentisch nicht halb so gut wie auf dem Zeltplatz.

Bei mir ist das Ganze etwas aus dem Ruder gelaufen. In Sri Lanka schenkte mir ein Mönch ein dünnes, geflochtenes Armband. Die meisten Menschen würden es aus Melancholie zwei, drei Wochen tragen, vielleicht auch ein Jahr. Bei mir sind es mittlerweile fünf. Das Armband ist eine zu Stoff geronnene Erinnerung, für jeden sichtbar, ein Teil von mir.

Meine Vase, mein Kleid, mein Armband: Mein Besitz erzählt, wer ich bin

Am Ende der Journalistenschule machte ich ein Praktikum in London. Es war keine schöne Zeit. Meine Mitbewohner waren ständig vollgekokst, mein Zimmer war eiskalt, die Arbeit anstrengend, und am Ende hatte ich kaum mehr Geld auf meinem Konto. Dann verliebte ich mich in eine Lederjacke. Ich dachte: Wenn diese Zeit etwas Gutes gehabt haben soll, dann das. Wie könnte ich diese Jacke jemals weggeben?

Sicher ist: Wer nichts hat, läuft nie Gefahr, sich anderen über seine Dinge zu offenbaren – die eleganten, die kitschigen, die schrammeligen. Und so glatt wie ihre Wohnungen wollen auch die Minimalisten wirken. Sie geben nichts von sich preis. Keine Macken, keine Kanten, keine Narben. Als großen Vorteil ihres Lebensstils preisen sie oft den Zugewinn an Freiheit und Unabhängigkeit. Glückwunsch! Aber wie soll jemand, der nicht mal bereit ist, ein altes T-Shirt aufzuheben, Menschen die Treue halten? Ich jedenfalls will keiner Entrümpelungsaktion zum Opfer fallen, nur weil ich irgendwann nicht mehr zum Style passe oder sonst wie kompliziert bin.

Wer nichts besitzt, offenbart seine Beziehungsunfähigkeit

Die Minimalisten und die Sharer tun so, als wären sie im Widerstand gegen die kalte Warenwelt des Kapitalismus. Als würden sie ihn überwinden. Dabei merken sie nicht, wie kalt es in Wahrheit ist, den Gegenständen ihre Seele zu nehmen und sie nur noch als etwas zu betrachten, das man benutzt, solange es nutzt.

Wer nichts besitzt, offenbart seine Beziehungsunfähigkeit. Besitzer dagegen legen sich fest. Sie kümmern sich, sie reparieren, sie pflegen. Sie signalisieren, dass sie Andenken bewahren und damit nicht nur Dingen die Treue halten, sondern auch dem Erlebten. Auch den dunklen Kapiteln.

Als ich mich vor Jahren von einer Krankheit erholte, entdeckte ich eine kleine weiße Vase in einem meiner Lieblingsläden. Seitdem glaube ich fest daran, dass alles gut bleibt, solange ich sie mit frischen Blumen versorge. Ich besitze ein rotes Kleid, das ich erst kaufen durfte, nachdem ich mich getraut hatte, eine Karte in den Briefkasten einer nächtlichen Bekanntschaft zu werfen.

Manchmal bin ich auch weniger streng mit mir. Als ich ganz kläglich bei einer Recherche scheiterte, für deren Gelingen ich mir eigentlich einen schwarzen Alpaka-Schal versprochen hatte, habe ich ihn trotzdem gekauft. All diese Dinge sind für mich heute wie ein Tagebuch, in dem ich ab und an blättere. Wenn ich das rote Kleid überstreife, weil ich etwas Besonderes vorhabe. Wenn ich mit dem klapprigen Fahrrad nachts nach Hause fahre. Wenn mein Blick auf das Band am linken Arm fällt. Mein Besitz erzählt von früher. Er erinnert mich – auch an die Zeiten, in denen ich gescheitert bin, in denen ich krank war, schrecklich unglücklich und knietief im Dispo.

Wer besitzt, ist bei sich – und bleibt es auch. Ich könnte mein Hab und Gut gar nicht mit wenigen Handgriffen zusammenraffen und das Weite suchen, selbst wenn ich es wollte. Jeder Mensch, der einmal meine Wohnung betreten hat, kann ganz sicher davon ausgehen, dass ich von jeder Reise wieder nach Hause zurückkehre, auch wenn ich monatelang unterwegs bin.

Ich glaube, dass Minimalisten mit aller Kraft versuchen, etwas zu kontrollieren, was man nicht kontrollieren kann: das Leben selbst. Und mit der Selbstbeschränkung ist es meistens auch nicht besonders weit her. Wer Monate damit zubringt, die eine einzige Designerlampe für sein kahles Wohnzimmer auszusuchen, und dafür dann am Ende mehr bezahlt als ich für alle meine Möbel zusammen, übt keinen Verzicht. Was als Askese daherkommt, erweist sich bei genauerer Betrachtung als Superlativ des Konsums.

Aus der Bindungsforschung ist bekannt, wie wichtig dauerhafte und enge Beziehungen für ein glückliches Leben sind. Ich glaube, dass sich diese Theorie auch auf Dinge übertragen lässt, auf all die Gegenstände, die der Alltag anspült und denen man so treu ist wie den Menschen, die man liebt.

Das Bild hängt übrigens noch immer über meinem Bett an der Wand. Manchmal nervt mich das Chaos darauf selbst, aber wer das Schlafzimmer betritt und sich wundert, darf ruhig wissen: Ich war noch nie sehr ordentlich.

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