Die Idee, dass man an Besitztümern ablesen kann, wer jemand ist und wo er steht, ist verdrängt worden vom Konzept des Postmaterialismus: Es zählen jetzt die Werte, die nicht greifbar sind. Freiheit. Selbstverwirklichung. Unabhängigkeit. Und der Besitzer muss sich rechtfertigen für all die Sachen, die er herumstehen hat. "Du hast einen Fernseher? Also wir streamen ja nur noch mit dem MacBook."

Auf einer Internetseite, die den minimalistischen Lebensstil als Mittel gegen eigentlich alles feiert, heißt es: "Finde mehr zu dir selbst durch weniger Besitz." Ein Anhänger der leeren Lehre schreibt dort, seit er nur noch wenig besitze, habe er endlich die Kontrolle über sein Leben zurückgewonnen. Prioritäten zu setzen und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden falle ihm jetzt leichter.

Mich lassen all die Minimalisten und passionierten Teiler ratlos zurück. Was zum Teufel ist los mit diesen Menschen, deren Wohnungen aussehen, als könnten sie ihr Mobiliar innerhalb einer halben Stunde in einen Smart verfrachten? Ich finde das unheimlich.

Wer nichts besitzt, verleugnet seine Vergangenheit. Wenn ich mir ein Buch leihe und es mir gefällt, steht es bald auch in meinem Bücherregal. Wenn ich bei einem Konzert wie verrückt tanze, kaufe ich mir auf jeden Fall die CD, auch wenn mir die Musik für den Alltag viel zu rockig ist (und ich außerdem ein Spotify-Premium-Abo habe). Manchmal kommt es mir vor, als würde ich die ganze Zeit große und kleine Souvenirs sammeln. Einige kennen das vom Ende der Ferien: Man kauft sich in einem wehmütigen Moment am Strand ein viel zu buntes Batik-T-Shirt, einen aus Knochen geschnitzten Schlüsselanhänger oder holländischen Vla. Meistens trägt man das T-Shirt dann ziemlich schnell nur noch nachts. Der Schlüsselanhänger verstaubt in der Schublade, und selbst der Pudding schmeckt am Küchentisch nicht halb so gut wie auf dem Zeltplatz.

Bei mir ist das Ganze etwas aus dem Ruder gelaufen. In Sri Lanka schenkte mir ein Mönch ein dünnes, geflochtenes Armband. Die meisten Menschen würden es aus Melancholie zwei, drei Wochen tragen, vielleicht auch ein Jahr. Bei mir sind es mittlerweile fünf. Das Armband ist eine zu Stoff geronnene Erinnerung, für jeden sichtbar, ein Teil von mir.

Meine Vase, mein Kleid, mein Armband: Mein Besitz erzählt, wer ich bin

Am Ende der Journalistenschule machte ich ein Praktikum in London. Es war keine schöne Zeit. Meine Mitbewohner waren ständig vollgekokst, mein Zimmer war eiskalt, die Arbeit anstrengend, und am Ende hatte ich kaum mehr Geld auf meinem Konto. Dann verliebte ich mich in eine Lederjacke. Ich dachte: Wenn diese Zeit etwas Gutes gehabt haben soll, dann das. Wie könnte ich diese Jacke jemals weggeben?

Sicher ist: Wer nichts hat, läuft nie Gefahr, sich anderen über seine Dinge zu offenbaren – die eleganten, die kitschigen, die schrammeligen. Und so glatt wie ihre Wohnungen wollen auch die Minimalisten wirken. Sie geben nichts von sich preis. Keine Macken, keine Kanten, keine Narben. Als großen Vorteil ihres Lebensstils preisen sie oft den Zugewinn an Freiheit und Unabhängigkeit. Glückwunsch! Aber wie soll jemand, der nicht mal bereit ist, ein altes T-Shirt aufzuheben, Menschen die Treue halten? Ich jedenfalls will keiner Entrümpelungsaktion zum Opfer fallen, nur weil ich irgendwann nicht mehr zum Style passe oder sonst wie kompliziert bin.