Ja

Die Kirchenleitung formiert sich neu, nicht im Hintergrund, in Hirtenbriefen und Denkschriften, sondern in einer Freundschaft, vor aller Augen. Das ist toll! Im herzlichen Umgang der Gebrüder Marx und Bedford-Strohm vollzieht die Kirchenleitung nach, was in gemischtkonfessionellen Ehen und anderen ökumenischen Initiativen längst vereinigt ist.

Diese Freundschaft ist im besten Sinne reformatorisch – bei allem Geplänkel, ob man jetzt "Jubiläum" oder "Gedenken" sagt. Dass die Duzfreunde dabei im Blick behalten, was ihre Konfessionen unterscheidet (nicht trennt), dürfte dem Ratsvorsitzenden der EKD und dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz zuzutrauen sein. Die Häme, die ihnen zuweilen für gemeinsame Aktivitäten entgegenschlägt, ist mehr als ungerecht.

Kirche ist kein Verein, aus dem irgendwann zwei Vereine wurden, die sich jetzt in Müh und Not wieder zusammenraufen sollen. So wird Ökumene fälschlicherweise häufig verstanden. Dieser Blick ist auf die Wiederherstellung der Vergangenheit gerichtet. Dabei kann es bei der Ökumene immer nur um die Zukunft der Kirchen gehen – die Kirche der Zukunft, die Wiedervereinigung für und -besinnung auf die gemeinsame Sache.

Diese Ökumene ist nicht aufzuhalten. Nicht, weil die Kirchen aus wirtschaftlichen Gründen alleine nicht überlebensfähig wären oder weil die Fusion dem Machterhalt dienen könnte, sondern weil Kirche nicht alleine geht. "Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen", sagt Jesus. Man könnte auch sagen: Wo zwei sich vereinen, "sich einig werden", wie es im vorausgegangenen Vers heißt, ob erstmals, wieder oder immer wieder – in Jesu Namen –, da findet Kirche statt. Wo Menschen einig sind, sich der Mission Gottes anzuschließen, sich auf den Weg zu machen, wird Kirche wahr, erlebbar, wirklich.

Das heißt nicht, Altes über Bord zu werfen und die Tradition außer Acht zu lassen. Ökumene meint, Bewährtes zu bewahren, zu würdigen, was schon da ist, den Schatz nicht preiszugeben, den Ballast der Jahrhunderte aber auch loszulassen. Was hindert und was antreibt, darum muss gerungen werden. Ökumene ist die Verständigung darüber, was uns hält und wonach wir uns sehnen. Tradition, Innovation, Vision und Aufbruch statt Resignation und Rückbau; verwurzelt bleiben und gemeinsam wachsen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Die Wiedervereinigung ist unausweichlich, weil Christinnen und Christen sich gemeinsam gerufen und gemeinsam auf den Weg geschickt wissen. Die ökumenische Bewegung hat in dieser Hinsicht bereits Erhebliches geleistet. Ein Beispiel ist die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre aus dem Jahr 1999, die nicht unumstritten, aber dennoch ein Meilenstein ist. Andere Beispiele finden sich in den vielen kleinen ökumenischen Initiativen und Bewegungen, die alle für sich Wege finden, indem sie sich hin und wieder über Dogmen und Konventionen hinwegsetzen.

Menschen lernen einander kennen, finden heraus, woher der andere kommt, was ihn geprägt hat, und besinnen sich dadurch sicherlich auch wieder neu auf die eigene Tradition, auf das, was auf der anderen Seite fehlen würde, sie halten ihre Gewohnheiten für weniger gewöhnlich, entdecken, was ihnen fehlt, aber auch, was ihnen fremd ist.

Konfessionen zeichnen sich dadurch aus, dass viele Menschen sich auf ein Glaubensbekenntnis einigen. Nie aber machen sich alle dieses Credo gleichermaßen zu eigen, begründen damit ihren Glauben oder halten alle Details für wahr. Die meisten Menschen stützen sich weniger auf das Apostolikum, Nizänum oder andere Bekenntnisse als vielmehr auf ihre persönlichen Glaubenswahrheiten und -erfahrungen. Vielleicht wäre es deshalb eine Chance, zusammen von vorne anzufangen, mit einem ökumenischen Bekenntnis, etwa: "Ich bin nicht Gott", um sich dann gemeinsam zum nächsten Satz zu wagen und immer wieder zu fragen: Was sagt meine Tradition dazu, was mein Erleben?

Wiedervereinigung, das zeigen der Kardinal und der Landesbischof, bedeutet selbst bei Kirchenleitern in erster Linie: zusammen Zeit verbringen, Wein trinken, Fahrrad fahren, wandern, mal in München, mal im Heiligen Land. Und vielleicht feiern die Kirchenherren ja heimlich schon gemeinsam das Abendmahl.

Hannes Leitlein