Es ist ein kleines, fieses Theaterstück, das in den Wochen seit der Wahl von Donald Trump von schockierten Intellektuellen rund um den Globus aufgeführt wird. Dieses Theaterstück handelt von Schuld und Verfehlung in der Welt des Geistes. Es handelt davon, wie über den Umweg der postmodernen und konstruktivistischen Theorie-Mode das zersetzende Gift aus Lüge, Beliebigkeit und Spektakel allmählich zum politischen Programm geworden ist und den Horror des Populismus und der totalen Desinformation erst ermöglicht hat. "Indem Postmodernisten den wissenschaftlichen Objektivitätsanspruch unterminierten", so hieß es im Scientific American, "haben sie unwissentlich die philosophische Grundlage für die Wiederkehr des Autoritarismus gelegt." Donald Trump gilt den erbosten Kommentatoren als "ironische, selbstreferenzielle Verkörperung des postmodernen Wahrheitskonzeptes" (Washington Post). Sein Wahlsieg und seine Beschwörung sogenannter "alternativer Fakten", so heißt es in Blättern und Blogs rund um die Welt, seien nur möglich gewesen, weil man die Orientierung an Gewissheit ohnehin diskreditiert und auch Journalisten eingeredet habe, Objektivität sei eine Art Mythos für Fanatiker. Schriftsteller wie Peter Pomerantsev (Nothing Is True and Everything Is Possible) und Boris Schumatsky (Der neue Untertan. Populismus, Postmoderne, Putin) argumentieren ähnlich. Aber sie nennen eine andere Angstfigur der Weltpolitik: Sie beschreiben in ihren aktuellen Essaybüchern Wladimir Putin als gelehrigen Schüler einer von nackten Machtinteressen geleiteten Simulationsmaschinerie. Sie porträtieren einen Mann, der sich bei all den Lügen über die Annexion der Krim, den Abschuss von MH17 oder die Bombardierung von Aleppo an der freihändig übersetzten Nietzsche-Maxime eines entfesselten Konstruktivismus orientiert habe, ganz nach dem Motto: Es gibt keine Tatsachen, nur effektive Interpretationen! Der italienische Philosoph Maurizio Ferraris verdächtigt hingegen vor allem Silvio Berlusconi als postmodernen Illusionskünstler. In seinem Manifest des neuen Realismus – gleichsam der erste Akt des kleinen, fiesen Theaterstücks über die politischen Kollateralschäden des falschen Denkens – formuliert er schon 2012 den seither weltweit zitierten Satz: "Das, wovon die Postmodernen geträumt haben, haben die Populisten verwirklicht."

Natürlich, niemand, der solche Schock-Diagnosen kommentiert, ist neutral. Und ich selbst bin es gewiss nicht. Denn vor 20 Jahren schrieb ich auf dem Weg in die akademische Welt mit dem Kybernetiker Heinz von Foerster, einem der Begründer des Konstruktivismus, mein erstes kleines Buch. Es trägt den Titel Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Foerster war, wie viele Protagonisten des Konstruktivismus und der Postmoderne, durchdrungen von dem Wunsch, das Denken gegen den Dogmatismus zu impfen. Er hatte die NS-Zeit als sogenannter Vierteljude überlebt und schuf auf eine im Inneren erschütterte Weise eine Philosophie des fröhlichen Aufbruchs, eine heitere, elegante Anleitung zum Andersdenken, die ein ideologisches, gerade noch lebensgefährliches Wahrheitskonzept pulverisieren sollte. Sein Konstruktivismus war als Korrektiv gedacht, als eine Medizin gegen die Erstarrung, nicht als neues Glaubensbekenntnis für akademische Sektierer oder gar als Rezept für populistische Demagogen. Und doch darf man natürlich fragen: Kann es sein, dass sich auch ein antiautoritär gemeintes Denken in einer seltsamen Dialektik in einen neuen Autoritarismus verkehrt? Und wann wird selbst eine heitere Skepsis zur düster-destruktiven Demontage des common ground, den eine Gesellschaft braucht? Wie ließe sich dies zeigen?

Tatsächlich sind die Belege für die Behauptungen eines Maurizio Ferraris und seiner Anhänger, strikt empirisch gesprochen, äußerst schwach. Es sind immer dieselben fünf Beweis-Zitate, die man zu lesen bekommt. Und niemand hat einen Donald Trump, einen Wladimir Putin oder einen Silvio Berlusconi je mit einem dieser kleinen, schlecht verleimten Merve-Bändchen herumstolzieren sehen, in denen Jean Baudrillard in dunkel schillernden Formulierungen die "Agonie des Realen" beschwört oder Heinz von Foerster seine Erkenntnistheorie erklärt. Kurzum: Man mag die aktuell aufflammenden Versuche einer Diffamierung postmoderner Philosophie durch bloße Assoziation für eine bizarre Blüte des Diskurses halten, gleichsam für eine sehr weltferne, allenfalls dürftig belegte Form des Streits. Aber die laufende Debatte ist eben doch mindestens in dreifacher Hinsicht brisant. Zum einen dreht sie sich letztlich um die äußerst relevante Frage, ob es eine Erkenntnistheorie des Widerstands geben könnte. Wie bricht man die Macht der Brutalo- und Nonsens-Narrative und reagiert auf Demagogie, Propaganda, Medienpopulismus? Was lässt sich – aus der Perspektive einer gesellschaftlich engagierten Wissenschaft – tun gegen die Schwächung des Arguments und die Umwertung der Werte? Das ist das eigentlich bedeutsame Anliegen, das einen Maurizio Ferraris und seine Anhänger umtreibt, wenn sie für seinen Neuen Realismus und ein "starkes", an Tatsachen orientiertes Denken als "Gegenmacht" zu einem alles zersetzenden Zweifel werben. Und tatsächlich, darüber lohnt es sich zu streiten. Zum anderen zeigt sich in den aktuellen Theorieentwürfen der Geistes- und Sozialwissenschaften insgesamt eine neue Sehnsucht nach Verbindlichkeit, Orientierung, Gewissheit. Die Renaissance des Realismus ist, so gesehen, ein Symptom. Und schließlich: Das postmoderne Denken ist tatsächlich zu mächtig geworden – nur eben nicht im Weißen Haus, im Kreml oder in den Bling-Bling-Fernsehshows eines Berlusconi, sondern in den politisch eher einflusslosen Sinnprovinzen geistes- und sozialwissenschaftlicher Seminare. Hier ist die postmoderne Philosophie des antiautoritären Aufbruchs längst zur neuen Autorität mutiert. Hier liest man, dass eigentlich so ziemlich alles eine Konstruktion ist, wie Michael Hampe im Feuilleton dieser Zeitung (Nr. 52/16) darlegte. Hier droht die Erstarrung des Denkens in Gestalt sektiererisch anmutender, kraftlos dahingemurmelter, endlos wiederholter Glaubensbekenntnisse, die da heißen: "Es gibt keine Wahrheit"; "Objektivität ist ein Mythos"; "Wir erfinden die Wirklichkeit".

Es stimmt also, dass es in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine erlebbare Diskursmacht der Postmoderne und des Konstruktivismus gibt, deren Schwinden man im Bemühen um intellektuelle Vitalität nicht betrauern muss. Aber das heißt eben auch: Die gegenwärtig mit neuer Schärfe auftretenden Kritiker von Postmoderne und Konstruktivismus verwechseln die Seminarsituation und den beherrschenden Denkstil sehr spezieller, vergleichsweise machtloser geisteswissenschaftlicher Milieus mit der allgemeinen politischen Großwetterlage. Ihre Pauschalkritik ist ein Lehrstück, das zeigt, wie man – nur scheinbar gegenwartsinteressiert – echte Probleme in akademische Hahnenkämpfe verwandelt. Überhaupt ist es genau diese Überschätzung der philosophischen Positionsstreitereien, die dem dringend notwendigen Engagement für die Verständigungsfähigkeit und die Wertebindung der Gesellschaft Energie raubt. Es würde also, wie der postmoderne Literaturtheoretiker Stanley Fish in einer hysterisch entgleisten Gegenrede ("Don’t Blame Nietzsche for Donald Trump") bemerkte, gar nichts besser in der Welt, wenn man postmoderne Texte oder gar Autoren auf den Scheiterhaufen wirft. Und die Probleme der Gegenwart bestehen gewiss nicht darin, dass gerade irgendwo da draußen ein paar verrückte Baudrillard-Jünger die Welt in Aufruhr versetzen. Das kann man nur glauben, wenn man taub geworden ist für die hasserfüllten Stimmen der Gegenwart, für die "Lügenpresse"-Schreie, die Attacken der Verschwörungstheoretiker, die Verwünschungen, die die Trolle in den sozialen Netzwerken ausstoßen. Das Problem ist ein in dieser Dimension neuartiger Propagandastil, eine Art postmoderner Fundamentalismus, der die traditionellen akademischen Schemata durcheinanderwirbelt. Es handelt sich um eine bizarre Mischung aus Relativismus und brutaler Machtpolitik, aus totaler Skepsis und glashartem Dogmatismus. Und wenn man schon das gängige Ordnungsvokabular bemühen möchte: Donald Trump und Wladimir Putin verkörpern dieses erkenntnistheoretische Hybridwesen, die Zwitterform des postmodernen Fundamentalismus. Sie haben den Fundamentalzweifel in eine Waffe verwandelt, um Misstrauen zu schüren. Sie leugnen vom Klimawandel bis zum Bruch des Völkerrechts jede Realität, die ihnen nicht passt, und unterhalten ihre eigenen Fake-News-Kanäle von der persönlichen Twitter-Präsenz bis zu Russia Today. Aber: Sie kennen, bei all ihrer Pseudoskepsis, eben eine einzige, ideologisch und nationalistisch eingefärbte Wahrheit, die sie durchsetzen wollen. Das ist gewiss nicht die reine Lehre konstruktivistischer oder postmoderner Philosophie, denn dieser Fundamentalzweifel gilt immer nur für die Ansichten der Gegner, nie für die eigene Position.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017.

Was folgt aus alldem? Was es jetzt braucht, ist eine wache, interventionsbereite Ideologieanalyse, um jenseits der spektakulär inszenierten Paradigmenkämpfe für den Wert einer offenen Gesellschaft zu streiten. Es gilt, gegen einen autoritären, bizarren Irrationalismus anzugehen, der Wahrheitsfuror und Beliebigkeitsdenken eigentümlich vermischt. Dafür ist echte Skepsis notwendig, das freie, elastische, antiautoritäre Denken der Postmoderne, aber eben auch ein Bestehen auf Gewissheiten und als gültig erkannten Realitäten. Realistische und postmoderne Erkenntnistheorien wären – so betrachtet – Kommunikationsstrategien, die man im öffentlichen Raum situationsabhängig einsetzt, eben nach praktischen Erfordernissen. Im Anschein des Allgemeingültigen stehen sie jeweils kläglich da.

Das mag einen Philosophen und die Anhänger des Prinzipiellen bekümmern, wird aber einen Kommunikations- und Diskurspragmatiker freuen. Denn es gilt: Es ist nicht sinnvoll, stets nur nach Durchsetzung von eigenen Gewissheiten zu streben, weil dies jede Kommunikation in ein Bekehrungs- und Begradigungsgespräch verwandelt. Aber auch derjenige, der nur den Wahrheitszweifel als Allheilmittel propagiert, wird scheitern, denn der Zweifel ist ein Gegengift, um der Gefahr der falschen Sicherheit zu begegnen. Und das heißt: Es gibt keine erkenntnistheoretischen Fertigrezepte für alle Fälle, sondern beide Denkschulen werden gemeinsam gebraucht, um dem Propagandastil von Populisten und Demagogen zu begegnen. Eine solche Form der fraktionsübergreifenden Kooperation im Angesicht des postmodernen Fundamentalismus wäre eine gemeinsame Vision, eine echte Aufgabe, die die Geistes- und Sozialwissenschaften wieder näher an die Dramen der wirklichen Welt heranführen könnte. Die Wahrheitskriege der neuen Zeit finden nicht im Seminarraum statt.

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