Emmanuel Macron breitet die Arme aus, hält sie einfach zur Seite ausgestreckt und tut ein paar Schritte auf der Bühne, als taumele er: Als wäre er ein Boxer, der einen Kampf gewonnen hat. Er sagt nichts, er lächelt nicht, er atmet nur schwer. 12.000 Menschen rufen seinen Namen.

Es ist ein Abend im Dezember, ein besonderer Abend, denn von diesem Moment an steht fest: Aus der Idee, eine neue politische Bewegung für Frankreich zu gründen, ist wirklich eine Bewegung geworden. Es gibt diese Menschen tatsächlich, die Macron ansprechen will. Sie haben sich seinetwegen in der Halle am Parc des Expositions versammelt und greifen nach ihm, während er sich einen Weg durch die Menge bahnt. Viele, aber nicht alle sind jung. Sie fassen nach seinen Händen, halten ihn fest, wollen ein Foto von ihm machen, manche wollen ihn küssen.

Emmanuel Macron gilt als neuer Favorit bei den Präsidentschaftswahlen im Mai. Er ist gerade 39 geworden. Es gibt ein Video von einem seiner Theaterauftritte zu Schulzeiten, das den Eindruck erweckt, er habe damals schon für so einen Abend wie im Parc des Expositions geprobt: Arme weit ausgestreckt, schweigend, das Publikum wie gebannt. Er denke zweimal so schnell wie andere, so sagen Leute, die ihn kennen.

Seinen gegenwärtigen Erfolg verdankt er den Schwächen seiner Gegner. Gegen den Kandidaten der Konservativen François Fillon ermittelt seit vergangener Woche die Staatsanwaltschaft. Der soeben gekürte Anwärter der Sozialisten Benoît Hamon fordert ein bedingungsloses Grundeinkommen von 750 Euro für jeden, offenbar in dem sicheren Wissen, dass er den ersten von zwei Wahlgängen nicht überstehen wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Doch dann gibt es da noch Marine Le Pen, die Vorsitzende des Front National. Sie führt in den Umfragen, und zwar stabil seit Monaten. Es besteht die reale Möglichkeit, dass sie Präsidentin wird und ihr Ziel verwirklicht, EU samt Euro zu zerstören. Das ist die Lage, in die man sich als französischer Präsidentschaftskandidat begibt: Wenn man seine Sache nicht sehr gut macht, muss man am Ende vielleicht damit leben, Mitschuld am Untergang der liberalen Demokratie zu tragen. Man könnte es das Hillary-Clinton-Syndrom nennen.

Entsprechend nervös verhalten sich viele in Paris. Marine Le Pen behauptet, die starke Hand zu sein, die wieder für Ordnung sorgen werde, weshalb andere Politiker meinen, nur eine Chance gegen den Front National zu haben, wenn sie immer ein bisschen härter auftreten, als sie in Wirklichkeit sind. Der linke Präsident François Hollande nimmt keine Kriegsflüchtlinge aus Syrien auf, schickt aber Kampfjets zum Bombardieren hin. Der inzwischen ausgeschiedene Bewerber ums Präsidentenamt Nicolas Sarkozy eignete sich so viele Positionen vom rechten Rand an, dass Le Pen sich schließlich beschwerte. Fillon wirkt im Wahlkampf mit seinem Reformprogramm wie ein strenger Lehrer, der die Franzosen nachsitzen lässt.

Ganz anders Macron. Seine Anhänger, die sich ihm in die Arme werfen, sobald sie ihn sehen, sind nicht nur wegen seines smarten Auftretens so begeistert. "Ich habe ihn noch nie schlecht gelaunt gesehen", sagt ein Pariser Journalist, der ihn seit Monaten begleitet. Selbst den alten Joschka Fischer soll er verzaubert haben, bei seinem Besuch in Berlin.

Er ist Angela Merkel dankbar

Die Euphorie kommt auch daher, dass Emmanuel Macron mit fast schon vergessenem Stolz und völlig unbeirrbar das Liberale, Offene, Progressive vertritt. Er ist wie ein europäischer Justin Trudeau, nur dass er eben nicht ein dünn besiedeltes, nettes Land namens Kanada regiert, sondern sich im Nahkampf mit den Populisten befindet.

Macron spricht zu den Verdrossenen, die nicht an rassistischen Ideen interessiert sind

Er reagiert auf die Härte Le Pens nicht mit Härte und auf ihren offenen Nationalismus nicht mit verklausuliertem Nationalismus. Im Gegenteil. Während andere Politiker progressive Positionen so vorsichtig vorbringen, als bewegten sie sich auf dünnem Eis, tanzt Macron die schönsten Pirouetten.

Le Pen sagt: Ich bin die Anti-Merkel, Merkel zerstört uns.

Macron sagt, er sei der Bundeskanzlerin und der deutschen Gesellschaft dankbar, denn sie hätten die Würde Europas gerettet, indem sie Not leidende Flüchtlinge aufgenommen hätten. Und er reist nach Berlin.

Le Pen will, dass an öffentlichen Gebäuden nur noch die Trikolore und keine Europaflaggen mehr wehen. Macron schmückt seine Veranstaltungen mit der Europaflagge und verzichtet meistens auf die Trikolore.

Er vertritt die Leute, die sich in Frankreich nicht mehr repräsentiert fühlen, sagt Sylvie Goulard, 52, EU-Abgeordnete. Sie trifft Macron regelmäßig, oft sprechen sie über das Thema Europa. Er gehöre der Generation Erasmus an, für die Suprastaatlichkeit nichts von Demütigung hat, sondern eine gute Gesellschaftsform ist, um den Problemen der Zeit zu begegnen. Aber ein positives Europabild komme in der französischen Politik kaum noch vor. 2005 sprachen sich die Franzosen in einem Referendum gegen eine EU-Verfassung aus. Das Ergebnis wurde praktisch ignoriert, als vier Jahre später der Vertrag von Lissabon geschlossen wurde, der wesentliche Elemente des gescheiterten Entwurfs übernahm. Seither wage es kaum ein Politiker mehr, eine klar proeuropäische Position zu beziehen, sagt Goulard. Doch das Referendum liegt nun zwölf Jahre zurück. Viele junge Leute von heute waren damals nicht einmal im wahlberechtigten Alter.

Macron hat eine ganz neue Wählergruppe ausgemacht: Man konnte in den vergangenen Jahren den Eindruck bekommen, nur Menschen des rechten Spektrums fühlten sich von der Politik vernachlässigt. Macron aber spricht zu den Politikverdrossenen, die nicht an rassistischen Ideen interessiert sind, die sich nicht mehr Autorität wünschen, sondern mehr Freiheit – und die diese Interessen nicht mehr konsequent vertreten sehen.

Die Frage ist nur: Wie viele Menschen sind es, die so proeuropäisch, so liberal denken? Genügend, um den Präsidenten zu stellen? Eine klare Position birgt das Risiko, anderen nicht zu gefallen.

Etwas mehr als 20 Prozent der Wählerstimmen im ersten Wahlgang könnten Emmanuel Macron genügen, um in die Stichwahl zu kommen. Dort stehen laut Umfragen seine Chancen gut, zu gewinnen, sei es gegen Marine Le Pen oder François Fillon.

Seine Frau ist 24 Jahre älter als er

Solche umfragegestützten Prognosen aber sind auch deshalb wenig wert, weil Macron alles anders machen will als die anderen vor ihm. Konkret bedeutet das: Er setzt auf die in Frankreich große Gruppe der unberechenbaren Nichtwähler. Bei den letzten Parlamentswahlen waren 73 Prozent der Nichtwähler unter 35 Jahre alt.

Viele von ihnen, so meinen Wahlforscher, stimmten auch deshalb nicht ab, weil sie die Parteien bestrafen wollten. Macron hat sich von ebenjenen Parteien deutlich abgegrenzt, indem er im Sommer seine eigene Bewegung gegründet hat, En Marche, was so viel heißt wie "In Bewegung" oder "Vorwärts". Er war in der Regierung François Hollande knapp zwei Jahre lang Wirtschaftsminister, es war sein erstes politisches Amt, nachdem er als Banker gearbeitet hatte. Doch die Vorwahlen der Sozialisten, die im Januar stattfanden, machte er nicht mit. Er finanziert seinen Wahlkampf selbst, das heißt ohne öffentliche Gelder. Die meisten Spenden, die seine Bewegung erhält, liegen bei 30 bis 60 Euro, wie ein Sprecher Macrons öffentlich machte.

In dieser Hinsicht sind sich Macron und Le Pen nicht so unähnlich: Auch Le Pen macht einen Wahlkampf, um die Nichtwähler zu mobilisieren. Sie bemüht sich mit protektionistischen Versprechen um die schlecht bezahlten Arbeiter und um die Arbeitslosen. Bei dieser Art von Wahlkampf sind der Auftritt des Kandidaten und das Bild, das er abgibt, manchmal wichtiger als das Programm. Beide, Marine Le Pen wie Macron, präsentieren sich als Außenseiter, als Anti-System-Kandidaten. Da allerdings beide natürlich Teil des "Systems" sind, das heißt Berufspolitiker, ist es eine Frage der Inszenierung.

Macron macht Populismus für Linksliberale, für diejenigen also, die sich dringend nach Erneuerung sehnen – aber nicht nach Abschottung und Handelskriegen, sondern nach Offenheit, Europa und Optimismus. Macron arbeitete als Minister daran, den Unternehmen mehr Freiräume zu gewähren, erlaubte die Sonntagsarbeit, schaffte das Monopol der Eisenbahn ab, indem er Fernbusse zuließ. Er will den Schulen mehr Autonomie einräumen, sodass sie flexibler werden und zum Beispiel in schwierigen Klassen zwei Lehrer unterrichten können.

Seine Frau ist 24 Jahre älter als er, nun ist er Großvater ihrer sieben Enkel

Allein das entschlossen Undepressive macht Macron im Moment zu einem Original unter den Kandidaten, die ausschließlich im Tonfall der Sorge über die Republik sprechen. Frankreich sei doch ein schönes, offenes, großzügiges Land, versicherte er im vergangenen Frühjahr bei einer seiner ersten Reden, die seine Ambitionen erkennen ließen.

Auf zahlreichen Magazintiteln war er zu sehen. Auch die Geschichte seiner Ehe ist interessant: Seine Frau Brigitte ist 24 Jahre älter und war seine Französischlehrerin an einer Jesuitenschule im Norden Frankreichs. Es ist wahrscheinlich das Unkonventionellste, was man in Genderfragen heute noch tun kann. Brigitte hatte schon drei Kinder, er warb um sie, bis sie sich scheiden ließ. Vor zehn Jahren haben sie geheiratet. Das Video vom Standesamt ist auf ungeklärte Weise ins Internet gelangt. Manche glauben, Macron selbst habe es veröffentlicht.

Oui, sagt er darin fröhlich, seine Frau im weißen Minikleid neben ihm. Heute ist er keine 40 und Großvater ihrer sieben Enkel. Brigitte ebenso wie seine Stieftochter, sechs Jahre jünger als er, begleiten ihn oft, und so gibt es jetzt neben den ewigen Le-Pen-Schwestern noch andere Polit-Blondinen.

Die Populisten sind stark geworden, weil viele Leute sich in der politischen Debatte mit ihren Interessen nicht mehr vertreten fühlen. Daraus schöpfen die Protestparteien in Großbritannien, in den USA, in Deutschland, in Frankreich die moralische Kraft, die ihnen zu ihren Erfolgen verholfen hat. So erfolgreich waren sie in der letzten Zeit, dass man ihnen diesen Nimbus nun streitig machen kann.