"Große Verunsicherung"

Ob Brexit oder Trump – wir nehmen angesichts der aktuellen Entwicklungen eine große Verunsicherung in der wissenschaftlichen Community wahr. Insbesondere in England und den USA, immerhin die Länder mit den weltweit forschungsstärksten Universitäten. Ihre Wissenschaftler haben – je nachdem, welchem Fach sie angehören – Sorge, dass der politische Einfluss auf Förderung von Forschungsgebieten zunehmen und die Freiheit der Forschung eingeschränkt werden könnte.

Das stimmt mich nachdenklich, weil Wissenschaft bei der Gestaltung nahezu aller gesellschaftlichen Bereiche eine maßgebliche Rolle spielt. Sie braucht weltweit ein solides Fundament; also individuelle, institutionelle und finanzielle Autonomie. Unsere Max-Planck-Wissenschaftler sind mit Kolleginnen und Kollegen in den USA hochgradig vernetzt. Eine radikale Veränderung der Forschungsschwerpunkte würde die MPG treffen – und auch die gesamte deutsche Wissenschaft.

"Kein Exodus"

Ich rechne nicht mit einem Exodus akademischer Talente. Vielleicht wird durch den neuen Isolationismus das Geld für Konferenzen oder Stipendien gekürzt und der wissenschaftliche Austausch erschwert. Doch die Forschungsgelder aus Washington waren noch nie besonders üppig. Private Eliteuniversitäten sind auf staatliche Förderung nicht angewiesen und werden ihren Spitzenwissenschaftlern daher auch weiterhin sehr attraktive Bedingungen bieten.

Drängende Fragen stellen sich jetzt dem deutschen Wissenschaftssystem: Ist es flexibel und mutig genug, um die neue Situation für unsere Unis produktiv zu wenden? Bieten wir weltoffene Forschungskontexte, die für in den USA tätige Forscher (und ihre Familien) so attraktiv sind, dass diese sich auf ein fremdes Land mit fremder Sprache einlassen – auf ein wissenschaftliches Umfeld, das ihnen lange Zeit weniger zukunftsträchtig erschien als das in den USA oder England?

"Nicht ausweichen"

Wissenschaft darf dem politischen Meinungsstreit nicht ausweichen. Der Platz, den die liberalen Demokratien in der globalen Wissenschaftslandschaft einnehmen, schrumpft. Schon jetzt belegt China den zweiten Platz bei den wissenschaftlichen Publikationen. Um den Dialog mit anderen Hochschulsystemen kommen wir nicht herum. Eine Beschränkung auf Länder, die uns politisch gerade sympathisch sind, wäre kontraproduktiv.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017.

Gefragt ist jetzt eine selbstbewusste Teilnahme am internationalen Diskurs, aber auch ein gewisses Maß an intellektueller Bescheidenheit. Wo Wissen über Grenzen hinweg geschaffen wird, schwindet die Kontrolle nationaler Regierungen und ihre Macht, das eigene Wissenschaftssystem zulasten anderer stark zu machen. Der Begriff "Wissensdiplomatie" (Jane Knight) beschreibt die Chancen einer auswärtigen Wissenschaftspolitik gut. Er meint: Aushandlung, Vermittlung, Zusammenarbeit, Kompromiss, Ermöglichung.

"Unsere Türen sind offen"

Mit Sorge beobachte ich, dass Wissenschaftler in einigen Ländern nicht mehr so frei arbeiten können wie bisher. Es ist beunruhigend, wenn Forscher in den USA meinen, sie müssten ihre Daten auf unabhängigen Speichern sichern, weil die wissenschaftliche Erkenntnis eventuell nicht mehr der politischen Linie folgt.

Deutschland geht einen anderen Weg. Wir halten nicht nur unsere Grenzen offen, sondern bieten seit Jahren und mit Erfolg auch Forschern aus aller Welt die Möglichkeit, in unserem Land zu arbeiten. Mit den Humboldt-Professuren und anderen Programmen holen wir die klügsten und interessantesten Köpfe ins Land und hoffen, dass sie bleiben. Klar ist, dass diese Türen gerade auch künftig weit offen stehen für Wissenschaftler, die bei uns arbeiten wollen. Die Arbeitsbedingungen an den deutschen Universitäten und Instituten sind exzellent.