DIE ZEIT: Herr Steinmeier, gibt es Bücher, die Sie während Ihrer Amtszeit als Außeminister nicht nur beeindruckt, sondern auch beeinflusst haben?

Frank-Walter Steinmeier: "Beeinflusst" ist ein großes Wort. Zu den letzten Büchern, die ich gelesen habe, gehörten Unterleuten von Juli Zeh und Ein ganzes Leben von Robert Seethaler. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die behaupten, man könne aus Büchern politische Handreichungen erhalten, sondern ich lese nach wie vor viel, um den Blick von anderen auf die Welt kennenzulernen, oft auch nur aus Vergnügen. Branko Milanovićs Die ungleiche Welt hat mich im letzten Jahr mit Blick auf den wachsenden Populismus in Europa beschäftigt. Und einen Klassiker, der mich in meinen jungen Jahren geprägt hat, habe ich aus dem gleichen Grund wieder aus dem Regal geholt: Kurt Sontheimers Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Berlin ist nicht Weimar, aber wer etwas über die Erosion des demokratischen Fundaments einer Gesellschaft wissen will, wird da auf bedrückende Weise fündig.

ZEIT: Würden Sie sagen, dass die Literatur unter den Künsten Ihr Genre ist?

Steinmeier: Ja, eindeutig. Literatur und Sprechtheater, in der Musik darf’s jazzig zugehen.

ZEIT: Gibt es in Literatur und Theater Gelegenheit, sich von Ihrer Politiker-Rolle zu distanzieren?

Steinmeier: Es gelingt einem nicht jeden Tag, von außen auf sich selbst zu schauen oder schauen zu lassen. Und gerade wenn das Krisengeschehen so dicht ist wie im Augenblick, fällt es schwer, den Blick zu heben und sich selbst zu überprüfen. Das gelingt eher in den wenigen Auszeiten, die ich brauche, um beim Lesen oder im Theater eine andere Perspektive auf mein eigenes Tun zu gewinnen. Manchmal auch nur, um ein bisschen Abstand vom Alltag zu bekommen.

ZEIT: Auch Trost?

Steinmeier: Trost, nein, den suche ich selten in der Literatur. Eher geht’s um Erkennen, manchmal auch um Wiedererkennen. Juli Zeh beschreibt zum Beispiel in ihrem Roman die Konfrontation zwischen beruflich arrivierten Berlinern, die sich in der brandenburgischen Provinz ansiedeln, und den Alteingesessenen. Dort liegt mein Wahlkreis. Und dort habe ich solche Konflikte häufig erlebt.

ZEIT: Zum Krisengeschehen in der großen Welt: Kann man daran nicht einfach nur verzweifeln?

Steinmeier: Das wäre kein guter Rat. Wir leben im Augenblick zwischen den Welten. In einer Zeit zwischen einer Welt, die vergangen ist, und einer anderen, die wir in ihrer Kontur noch nicht erkennen können. Die Ordnung des Kalten Kriegs ist vorüber, die erhoffte multipolare Welt, die die Verantwortung fair auf viele Schultern verteilt, ist nicht geschaffen. Vielleicht ist die Welt, in der wir leben, am besten mit "nonpolar" beschrieben.

ZEIT: Lässt sich denn eine neue Ordnung am Reißbrett entwerfen?

Steinmeier: Die Suche nach einer neuen Ordnung ist kein friedvoller Seminardiskurs, sondern sie entlädt sich oft genug in Konflikten, immer häufiger auch gewaltförmig. Es sind Substrukturen erodiert, wie wir das im Mittleren Osten sehen, wo in einer ganzen Region seit der militärischen Intervention in den Irak 2003 ein Entstaatlichungsprozess stattfindet. Damit wird etwas freigelegt, das gar nicht den uns bekannten Konflikt zwischen Staaten zur Folge hat, sondern eine Konfrontation zwischen gesellschaftlichen Gruppierungen oder zwischen religiösen, ethnischen oder tribalen Kräften ist. Wir mussten lernen: Diese religiös-ethnisch aufgeladenen Konflikte sind ungleich schwerer zu entschärfen als die klassischen Konflikte zwischen Staaten.

ZEIT: Ihr Credo lautet: Kulturelles hat das Potenzial, Konflikte zu lösen. Aber ist die Kultur gleichzeitig nicht auch konfliktschürend und konfliktverschärfend?

Steinmeier: Kultur ist eben auch ein Raum, in dem sich Narrative ablagern, wo um Träume und Traumata gerungen und gestritten wird. Deswegen sind ohne Kultur und kulturelles Wissen diese neuen Konflikte nicht zu verstehen. Wenn wir auf Syrien schauen, geht es vordergründig um Assad und den Bestand des Regimes, aber im Hintergrund geht es auch um religiöse und soziale Konflikte. Auch um den zwischen schiitischem und sunnitischem Islam, der sich auf syrischem Boden entlädt. Religion als Teil von Kultur ist Teil dieser Konflikte, aber deswegen hilft Kultur auch, zu begreifen, was im Hintergrund vor sich geht.