Der Chef bin ich. Und das ist das Problem.

Das Jüngste Gericht ist immer der Geldautomat. Es hilft kein Betteln, kein Bitten, auch die eingeübten Unterwürfigkeitsgesten: sinnlos. Das Jüngste Gericht rechnet auf. In den bangen Sekunden zwischen der Eingabe der gewünschten Summe und dem erlösenden Rattern rattert auch der Kopf: War ich ein guter Mensch? Habe ich genug gelitten, genug geliebt? Was bereue ich, worauf darf ich hoffen? Heute offenbar: auf noch einmal 50 Euro.

Nervös rufe ich die Bank-App auf dem Telefon auf. Tatsächlich: Endlich ist die seit Tagen erhoffte Überweisung da, endlich können sämtliche Rechnungen beglichen werden, kann gelebt werden. Ich stelle mir vor, an jedem zwanzigsten Tag des Monats eine verlässliche Summe überwiesen zu bekommen, und bin verwirrt.

Als Freiberufler ist die Finanzlage oft wie das Wetter in Zeiten des Klimawandels: launisch, unberechenbar, entweder Sonne oder Hagel.

Werde Freiberufler!, hatte mir der Zeitgeist zugerufen. Sei dein eigener Chef! Such dir aus, für wen du arbeitest, wann du arbeitest! Ich stellte mir Sommertage vor, an denen ich im leeren See schwimme, während die anderen am Schreibtisch Zeit totschlagen. Kurze Lunchtreffen statt stundenlanger Meetings, in denen schon alles, aber noch nicht von allen gesagt worden ist.

Und saß dann da. Nachts, kurz nach halb zwei, Deadline am frühen Morgen, beim vierten Espresso, der dritten Flasche Mineralwasser, und beobachtete mich, wie ich meinen Kopf anschrie, er möge doch bitte noch einen guten Satz, noch eine halbwegs brauchbare Idee rausrücken. Las tags drauf E-Mails, die mir vorschlugen, ich könnte doch für den Preis einer studentischen Hilfskraft arbeiten. Sagte zu oft Ja, sagte zu oft Nein, bereute beides. Stand am Ende wieder zitternd vor dem Geldautomaten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Später warte ich im Supermarkt, die 50 Euro fest in meiner Hand. Die Schlange wird immer länger, Gemurre unter den Anzügen und toupierten Haaren. Ich habe keine Eile, keine Termine, werde bald wieder am Computer sitzen, das hier ist meine Freizeit. Da kommt, schimpfend wie ein betrunkener Seemann, ein Mitarbeiter aus der Pause, die Kasse unter der Hand, und setzt sich mürrisch ans Warenband. Welch Gnade, denke ich.

Als Freiberufler ist man Teil eines eigenartigen Kults: Einerseits immer in den Händen einer höheren Macht. Andererseits an allem selbst schuld. Ich wollte es so.