DIE ZEIT: Isabelle Huppert, Sie sind eine Galionsfigur des französischen Kinos. Oder sollte man besser sagen, eine Galionsfigur Ihrer selbst?

Isabelle Huppert: Weibliche Galionsfiguren hängen meistens mit halb entblößten Brüsten am Bug eines Schiffes. Ich glaube, ich komme besser klar, wenn ich einfach nur mich selbst repräsentiere.

ZEIT: Sie stehen seit mehr als vierzig Jahren vor der Kamera. Welcher Festlegungen sind Sie müde, welche Fragen können Sie nicht mehr hören?

Huppert: Warum spielen Sie immer wieder extreme, perverse, manipulative, monströse Frauen?

ZEIT: Was stört Sie denn an der Frage?

Huppert: Viele Menschen sehen meine Figuren als Monster an, weil sie nicht wissen, wie sie sie sonst nennen sollen. Sie flüchten sich in übertriebene, völlig deplatzierte Adjektive. Vor allem Männer haben Schwierigkeiten, meine Figuren so zu nehmen, wie sie sind. Sie versuchen, sie auf Distanz zu halten, indem sie sie dämonisieren. Aber eigentlich will ich keinen Unterschied machen zwischen männlichen und weiblichen Fragestellern.

ZEIT: Haben Sie eine Erklärung für die Dämonisierung?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Huppert: Wenn man zum Beispiel einen Roman von Fjodor M. Dostojewski liest, nimmt man es als völlig selbstverständlich hin, dass der Autor die Erscheinungsformen des Guten wie des Bösen auslotet. In der Literatur erscheint es uns ganz normal, dass ein Mensch extreme Wege geht. Aber bei einem Film tut man sich damit schwer. Irgendwie hofft man immer, dass es doch noch eine moralisierende Wende gibt.

ZEIT: Woran liegt das?

Huppert: Im Kino setzt man sich die Figur nicht in der eigenen Fantasie zusammen, man wird direkter mit ihr konfrontiert. Es kann auch konfrontativ sein, ein Gemälde zu betrachten oder ein Konzert von Stockhausen zu hören. Aber bei den anderen Künsten wird das sogenannte Monströse eher akzeptiert. Auf der Leinwand will man nicht so einfach hinnehmen, dass die Heldin von Michael Hanekes Film Die Klavierspielerin mit ihrer Mutter im Ehebett schläft, dass sie Menschen im Autokino beim Sex beobachtet und neben den Wagen uriniert. Oder dass ein junges Mädchen aus Habgier seine Eltern umbringt, wie in Violette Nozière von Claude Chabrol. Oder dass ein Mann seine demente Frau erstickt wie in Michael Hanekes Film Liebe. Es sind die großen Regisseure, die in den Abgrund blicken – oder der Wahrheit ins Auge schauen.

Kino - "Elle" (Trailer) © Foto: 2016 SBS Productions, Twenty Twenty Vision Filmproduktion, France 2 Cinéma & Entre Chien et Loup

ZEIT: Welcher Wahrheit schaut Paul Verhoeven in seinem neuen Film Elle ins Auge?

Huppert: Der Wahrheit einer Frau, die sich nach einer Vergewaltigung nicht wie ein "klassisches" Opfer verhalten will. Diese Frau, Michèle, nimmt sogar eine Beziehung zu dem Vergewaltiger auf. Sie schwankt zwischen Schock und Anziehung. Die Vergewaltigung führt sie zurück zu dem, was ihr Vater ihr in ihrer Kindheit angetan hat. Man könnte auch sagen: Sie verweigert sich dem Trauma, weil sie sowieso schon im Trauma lebt. Deshalb hatte ich von Anfang an beschlossen, sie als nicht emotionale Persönlichkeit zu spielen. Natürlich hat diese Frau Gefühle, aber sie befinden sich auf einer anderen Ebene, jenseits des Zeigbaren. In Elle geht es um mentale Zustände, um eine verstörende, brutale Erfahrung, nach der diese Frau ihre eigene Sexualität, ihr Begehren anders erleben wird. Sie bekommt ein Bewusstsein ihres Beschädigtseins durch Gewalt.

ZEIT: Paul Verhoeven hat gesagt, er sei froh, dass er den Film nicht, wie zunächst geplant, in den USA gedreht habe, denn dort wäre es ein Film über die Rache einer Frau geworden.

Huppert: Ach, Rache! Das hätte allenfalls für einen Kurzfilm gereicht. Und nun ist es ein Film über eine Kollision geworden. Zwischen dem Bedürfnis nach Rache und etwas viel Komplizierterem darunter. Zwischen dem Bedürfnis nach Kontrolle und der Sehnsucht, die Kontrolle aufzugeben. Zwischen der Sehnsucht nach Macht und der Sehnsucht nach Ohnmacht.