Vielleicht sind so gut wie alle großen Romane Werke über die Macht des Zufalls, über die Flattersekunden im Leben, an denen sich entscheidet, ob man die Liebe des Lebens einer Zugverspätung wegen verpasst oder nicht, ob die Operation durch einen Landarzt glückt oder der Fuß amputiert werden muss, ob die Pest wütet und man aus Florenz zu ziehen hat oder eben nicht. Ein einzelnes Ereignis verändert den gesamten Lebensweg, und man wäre ein anderer geworden, wäre dieses oder jenes passiert oder nicht. Dieser schlichte und zugleich beunruhigende Umstand, den man sich als göttliches Schicksal oder nackte Kontingenz deutet, bildet den Kern des fast 1.300 Seiten umfassenden Buches 4 3 2 1 von Paul Auster. Der Roman trägt sein ästhetisches Programm im Namen. Es handelt sich gewissermaßen um vier Romane in einem. In jedem der sieben Kapitel des Buches werden hintereinander vier verschiedene Versionen von Lebensabschnitten des jugendlichen Helden Archie Ferguson erzählt. Sie verlaufen unterschiedlich aufgrund eines Ereignisses in der frühen Kindheit des Helden, das er nicht beeinflussen kann: Der Ausgang einer riskanten Wette und die kriminelle Energie eines Onkels lassen Archies Familie mal verarmen, mal auseinanderbrechen, mal bringen sie Archies Vater früh ins Grab. Ein kleiner Faktor ändert sich, hat Einfluss auf die soziale Umgebung, und Archie ist jeweils neuen, jeweils anderen Zufällen ausgesetzt. Eine der vier Geschichten, um ein prägnantes Beispiel zu bringen, bricht sehr früh ab, nämlich im 13. Lebensjahr von Archie, da er sich im Übermut während eines Gewitters unter einen Baum wagte. Da sind es nur noch drei Archies, und es liegen noch etwa 1.000 Seiten vor einem.

In jeder der einzelnen Geschichten ist der Protagonist, Spross einer osteuropäischen, jüdischen Familie, derselbe und nicht derselbe. Denn natürlich macht es einen Unterschied, ob Archie vaterlos aufwächst, ob die Familie in der Provinz oder in New York lebt, ob sie mit ihrem Unternehmen (Elektrowaren) zur Upperclass zählt oder schleichend verarmt. Das hört sich kompliziert an und ist es zunächst auch. Der Roman, der in den fünfziger und sechziger Jahren spielt, stößt einen anfangs gnadenlos in die Verwirrung. Man darf ihn nicht für längere Zeit weglegen, sonst weiß man nicht mehr, mit welchen der vier Archies man es zu tun hat, mit dem angehenden Journalisten, mit dem Schriftsteller oder Lyriker, mit dem Archie, der sich als Kind den Arm gebrochen hat, oder dem, der bei einem Autounfall zwei Finger verloren hat, mit dem Archie, der auch mit anderen Jungs schläft und sich ansonsten mit Prostituierten vergnügt, oder dem, der eine eher langweilige und glückliche Langzeitbeziehung hat. Die Konfusion ist natürlich Absicht, denn Auster führt ein Experiment vor: Wie sehr verändert sich der Charakter eines Menschen mit den Umständen, in denen er lebt? Die Antwort lautet: völlig und so gut wie gar nicht.

Völlig, denn schon kleine Veränderungen wie eine etwas stärkere Eigensinnigkeit, Unausgeglichenheit und Risikobereitschaft, die den vaterlosen Archie auszeichnen, ziehen andere Marotten, andere Freunde und Geliebte nach sich, andere Sexpraktiken und andere Abgründe. Alle Archies haben zwar etwas mit Amy Schneiderman, der Tochter von Freunden seiner Eltern – die aber jedes Mal anders auf ihn reagiert, denn mit dem einen passt sie besser zusammen als mit dem anderen. Der Charakter Archies ändert sich durch kleine Nuancierungen für andere völlig. Und gleichzeitig überhaupt nicht. Denn eigentümlicherweise hat man es bei Archie trotz der unterschiedlichen Ausfaltungen seiner Anlagen immer – jetzt wird’s metaphysisch – mit ein und derselben Seele zu tun. Die Seele, heißt es in einer mehrmals wiederholten Wendung, sei wie "das schönste Lebewesen der Welt (...). Sie windet sich in Dunkelheit und Unwissenheit, macht schwere Prüfungen und Schicksalsschläge durch, und ganz allmählich wird sie durch all dieses Leid geläutert, gestärkt, durch alles, was ihr widerfährt (...) und steigt wie ein prachtvoller Schmetterling auf in die Luft." Die Form dieses Romans mag man experimentell nennen. Er lebt aber von einer durch und durch klassischen Annahme: der durch nichts zerstörbaren Einheit und Identität einer Person.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017.

Einmal ahnt einer der Archies, "dass es mehrere von ihm zu geben schien, dass er nicht nur der Eine war, sondern eine Ansammlung widersprüchlicher Personen, in Gesellschaft mit anderen jedes Mal jeweils ein anderer". An anderer Stelle heißt es, sein Held möchte die Welt "so genau beobachten wie der hingebungsvollste Realist und sie trotzdem durch eine andere, leicht verzerrende Linse" sehen. Diese Widersprüchlichkeit ist auch Austers literarisches Programm, und nach und nach genießt man eine Spannung, die sich nicht im Plot erschöpft, sondern die strukturell und analytisch ist. Man liest dieses Buch, als habe man sich im Labyrinth verirrt und festgestellt, dass man gar nicht aus ihm herausmöchte. Es wird hin und hergeblättert, um die immergleichen und doch völlig anderen Archies miteinander zu vergleichen.

Alle Archies eint ein ungeheurer Bildungshunger, das Wundern, warum die Welt so eingerichtet ist, wie sie ist, die Frage, ob es einen Gott gibt, und wenn ja, warum er eine so starke Neigung zu Grausamkeiten hat. Sie haben einen Hang zur Introvertiertheit, lesen sich durch den Kanon der Weltliteratur (Voltaire, Kleist, Thoreau, Whitman und viele mehr), sie schauen sich durch den Kanon der Filmgeschichte (Laurel und Hardy, Eisenstein sowie die zeitgenössischen französischen Filme). Und sie leiden darunter, zu oft, vor allem aber an den falschen Momenten, über sich selbst zu reflektieren. Das Voltairesche Diktum im Candide, dass sich das Leben nur dann halbwegs ertragen lasse, wenn man beständig arbeitet ohne nachzudenken, ist ihnen fremd. Sie haben gar keine Wahl, sie sind verdammt dazu, sich als zerrissene Intellektuelle zu entpuppen, in welche sozialen Umstände sie auch geraten. Wenn es im Kosmos von Paul Auster eine Religion gibt, dann die der Kunst.