Der Helle Berg in Tschenstochau ist der bekannteste katholische Wallfahrtsort in Polen. Jährlich beten Millionen Gläubige ehrfürchtig vor der sogenannten Schwarzen Madonna, einer über 600 Jahre alten Ikone. Das hielt die Verantwortlichen der Klosteranlage aber nicht davon ab, vor Kurzem 5.000 Fußballfans zu empfangen. Sie standen in ihrer Fan-Montur in der Kirche, an der Empore hatten sie ihre Vereinsbanner befestigt.

Die katholische Kirche in Polen hat keine Berührungsängste, wenn es um patriotische Gruppierungen geht, zu denen sich die meisten polnischen Fußballfans zählen. "Salut dem großen Polen!", rief der Subprior Jan Poteralski den Versammelten zu – eine Begrüßung, wie sie unter Ultranationalisten üblich ist. "Ihr seid diejenigen, die Polen so sehr lieben, ihr seid die Helden des 21. Jahrhunderts", fügte er hinzu.

Auch unverhohlene Parteipropaganda war bei dem Besuch offenbar kein Problem für das Kloster. Der Pfarrer Jaroslaw Wasowicz, der mit den Fans gekommen war, wetterte gegen die Opposition im Parlament: "Sie erheben ein Lamento über die angeblich verletzte Demokratie", erklärte er. Dabei habe doch gerade die rechtsliberale "Bürgerplattform", als sie an der Macht war, Fans für "patriotische Transparente" in den Stadien bestrafen lassen.

Im Wahlkampf vor anderthalb Jahren unterstützte die katholische Kirche die rechtskonservative Partei PiS noch eher dezent. Der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz, Stanislaw Gadecki, betonte, es sei "schwierig, eine politische Kraft zu finden, die vollständig im Einklang mit den Anforderungen des christlichen Glaubens" stehe. Dennoch empfahl die Bischofskonferenz den Gläubigen, für Politiker zu stimmen, die für ein Verbot der Abtreibung eintreten. Das war immerhin ein Hinweis auf die Partei "Recht und Gerechtigkeit", kurz PiS.

Heute verfügt die PiS über eine absolute Mehrheit im Parlament, ihr Vorsitzender Jaroslaw Kaczynski gilt als mächtigster polnischer Politiker. Und aus der katholischen Kirche sind fast nur noch Stimmen zu hören, die die PiS-Politik eindeutig unterstützen. Der Erzbischof von Przemysl, Jozef Michalik, nahm in einer Predigt Bezug auf die Opposition, die im EU-Parlament immer wieder vermeintliche Rechtsverstöße der PiS-Regierung anprangerte: "Sie mobilisieren fremde Nationen gegen Polen, auf internationalem Parkett schüren sie Hass gegen Polen", so Michaliks. Die PiS dagegen sei seiner Ansicht nach dabei, "eine Rechtsordnung zu schaffen, die mit dem moralischen und dem göttlichen Recht übereinstimmt".

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Solche Aussagen aus bischöflichem Mund ermuntern Geistliche auf Gemeindeebene, auch Partei zu ergreifen, wenn sie der PiS nahestehen. "Ich gehe nicht mehr in die Kirche, seit unser Pfarrer im PiS-Jargon spricht", sagt Joanna, eine 52-jährige Warschauerin. Ihre Mutter hatte Joanna im kommunistischen Polen taufen lassen – heimlich, weil ihr Vater Oberst beim Militär war. Dessen Karriere wäre schnell zu Ende gewesen, wenn die Taufe bekannt geworden wäre. In Joannas Wohnzimmer hängt eine Reproduktion der Schwarzen Madonna aus Tschenstochau, aber heute ist die katholische Kirche ihr fremd geworden. "Auch der Pomp, der in den vergangenen Jahren um sich greift, gefällt mir nicht", sagt sie.

Selbst in der jüngsten Parlamentskrise kamen aus der Kirche fast nur Stimmen, die für die Regierung Partei ergriffen. Die Opposition hielt im Rahmen dieser Krise über Wochen den Plenarsaal besetzt, unter anderem, weil der Parlamentsvorsitzende die Rechte der Journalisten im Sejm, dem Parlament, einschränken wollte. Auch über Weihnachten blieben die Abgeordneten dort – in den Augen konservativer Bischöfe eine Respektlosigkeit gegenüber dem heiligen Fest. "Selbst in stalinistischen Zeiten wurde Weihnachten geachtet, es wurde nicht durch politische Aktionen gestört", erklärte der Warschauer Erzbischof Henryk Hoser. "Diese totale Opposition wird zu einer bemitleidenswerten Karikatur der Demokratie", predigte der Erzbischof in Danzig, Slawoj Leszek Glodz, am ersten Weihnachtsfeiertag.

Die PiS zeigt sich der katholischen Kirche gegenüber erkenntlich. Sie erhob im vergangenen Jahr das 1050. Jubiläum der "Taufe Polens" in den Rang eines staatlichen Großereignisses. Zum ersten Mal überhaupt tagten beide Kammern des Parlaments gemeinsam außerhalb von Warschau – in Gnesen, der ersten polnischen Hauptstadt. 966 hatte der polnische Fürst Mieszko I. dort das Christentum angenommen. Der aktuelle Staatspräsident Andrzej Duda, der aus der PiS kommt, sagte zum Jubiläum: "Das ist eine große Feier unseres Polentums, die für uns Quelle von Stolz und Freude sein wird." Damit formulierte er nahe an der oftmals etwas spöttisch verwendeten Redensart "Ein Pole ist ein Katholik", was so viel heißt wie: Alle anderen sind keine echten Polen.