Lass die Kleine fallen, lass sie doch einfach fallen." So schießt es Ina Weber* durch den Kopf, da ist ihr Kind seit drei Tagen auf der Welt. Ein Wunschkind ist es. Aber jetzt quälen die junge Mutter, die eigentlich anders heißt, furchtbare Gedanken. Bilder blitzen auf, wie sie ihrer kleinen Tochter etwas antut: wie sie ihr Kind aus dem Fenster fallen lässt, wie sie es mit einem Kissen erstickt, wie sie ihm die Kehle durchschneidet. Sie bekommt Angst, Angst vor sich selbst. "Ich will das doch gar nicht denken – warum tue ich es dann?"

Die Erfahrung der jungen Frau ist zutiefst verstörend – selten ist sie jedoch nicht. Eltern werden nach der Geburt eines Kindes häufig von unangenehmen Vorstellungen verfolgt. In einer Studie aus dem Jahr 2006 gaben fast 70 Prozent der befragten Frauen und knapp 60 Prozent der Männer an, dass sie unerwünschte Gedanken in Bezug auf ihr Neugeborenes plagten. Manchmal hatten die Eltern Angst, dass ihr Baby den plötzlichen Kindstod sterben könnte. Oder dass sie ihr Kind durch einen Unfall verlieren. Aber knapp 33 Prozent der Mütter und 31 Prozent der Väter mit diesen nachvollziehbaren Sorgen hegten auch aggressive Gedanken gegen ihr Kind: Sie wollten es anschreien, es fallen lassen, es schütteln. Bei vielen bleiben diese Vorstellungen blass, einige jedoch entwickeln regelrechte Zwangsgedanken, über die sie jede Kontrolle verlieren.

Warum entstehen solche aggressiven, zwanghaften Vorstellungen nach der Geburt eines Kindes? Ein Grund könnte die neue Verantwortung sein und die Angst, ihr nicht gewachsen zu sein. "Zwangspatienten sind meist sehr fürsorgliche Menschen, die hohe moralische Anforderungen an sich selbst stellen", sagt der Psychologe Thomas Hillebrand, der auf Zwangsstörungen spezialisiert ist. Genau das dürfte auf die meisten Eltern von Neugeborenen zutreffen. "Viele spüren zudem eine grundsätzliche Unsicherheit in dieser Welt. Ihre Umwelt erscheint ihnen tendenziell gefährlich und bedrohlich." Auch das ist ein Gefühl, das gerade Mütter und Väter angesichts ihres schutzlosen Kindes beschleichen kann.

Bei Frauen können außerdem die hormonellen Veränderungen während der Schwangerschaft zur Entwicklung von Zwangsgedanken beitragen. Häufig treten diese zusammen mit einer postpartalen Depression auf: Etwa die Hälfte der Betroffenen leidet auch unter einem Stimmungstief nach der Geburt.

So geht es auch Ina Weber. Zunächst versucht sie, ihre Niedergeschlagenheit als "Babyblues" abzutun, der von allein wieder verschwinden werde. Doch das tut er nicht, aus der vermeintlichen Verstimmung wird eine Depression. Zwei Wochen nach der Geburt muss ihr Mann wieder zur Arbeit, jetzt ist sie allein mit ihrer Tochter. Und die Zwangsgedanken kommen immer häufiger. "Ich dachte, ich werde verrückt." Sie versteht sich selbst nicht mehr. Natürlich liebt sie ihre Tochter, sie liebt Kinder überhaupt, arbeitet sogar als Erzieherin im Kindergarten. Und nun muss sie sich ständig vorstellen, wie sie ihrem Kind etwas antut. Ihre Angst, dass sie ihre Gedanken in die Tat umsetzt, wird immer größer. Die junge Mutter weiß keinen anderen Ausweg, als zur Psychiatrie zu fahren. "Ich war so in Panik, dass ich mich selbst eingewiesen habe." In der Klinik erklären die Ärzte ihr, dass die Betroffenen ihre aggressiven Vorstellungen niemals wirklich umsetzen. Weber beruhigt das jedoch wenig. Sie will auf keinen Fall zurück nach Hause. "Ich konnte nicht alleine sein, ich hatte zu viel Panik." Sie entscheidet sich für einen stationären Aufenthalt. Ihre kleine Tochter nimmt sie mit. Die Wochenenden verbringt sie aber zu Hause mit ihrem Mann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017.

Nach kurzer Zeit stellt die junge Mutter allerdings fest, dass ihr der Aufenthalt in der Klinik nicht wirklich hilft. Sie kann kaum am Therapieprogramm teilnehmen, weil sie sich ja auch noch um ihr Kind kümmern muss. Sie ist die einzige Patientin, die ein Baby hat. "Niemand konnte sich kurz um die Kleine kümmern, wenn ich zum Gespräch mit einem Psychologen musste", sagt sie. Und die Zwangsgedanken lassen sie nicht los. Sie empfindet die Psychiatrie als eine Art Aufbewahrung, hat das Gefühl, dass nichts vorangeht. Sie beginnt, nach einer anderen Lösung zu suchen.

Die meisten Menschen, die unter einer Zwangsstörung leiden, vertrauen sich erst spät einem Arzt an. "Das dauert durchschnittlich zehn Jahre", sagt Andreas Wahl-Kordon von der Oberbergklinik Schwarzwald, die auf psychische Erkrankungen spezialisiert ist. Und wenn sie sich zu einem Arztbesuch durchringen, wird die Störung meist nicht erkannt: Bei fast 70 Prozent der Betroffenen stellten Fachärzte eine falsche Diagnose, sagt Wahl-Kordon, der die Therapie von Zwangsgedanken auch wissenschaftlich erforscht.

Oft bleibt es nicht bei den zwanghaften Gedanken. Die meisten Patienten quält zusätzlich das Gefühl, bestimmte Handlungen ausführen zu müssen: Menschen mit einem Waschzwang waschen sich bis zu 80 Mal am Tag die Hände, Patienten mit einem Zählzwang zählen immer wieder Alltagsgegenstände nach, zum Beispiel Bücher in einem Regal. Handlungszwänge können allerdings auch ausschließlich im Kopf stattfinden. "Das sind dann gedankliche Rituale, die der Betroffene ausführt, sobald er einen Zwangsgedanken hat", erklärt Wahl-Kordon. Er neutralisiert damit seine Angst. "Das kann ein kleines Gebet sein. Oder dass man im Kopf bis 20 zählt."

*Name von Redaktion geändert