Etwa eine Woche vor Donald Trumps Amtseinführung saß Marine Le Pen in einem Café im Trump Tower an der Fifth Avenue, und es sah so aus, als ob sie auf einen Termin beim künftigen Präsidenten wartete. Obwohl kein Treffen stattfand, wirkte das, was am Tag nach seinem Amtsantritt geschah, wie eine Nachwirkung dieser Nichtbegegnung: Am 21. Januar versammelten sich Vertreter der europäischen rechtspopulistischen Parteien in Koblenz. Beherrschende Figur auf diesem Kongress war Le Pen, die Europas Wähler dazu aufrief, dem Beispiel der US-amerikanischen und britischen Wähler zu folgen. Sie prophezeite, der Brexit und Trumps Erfolg würden einen "Dominoeffekt in ganz Europa" auslösen: "2016 war das Jahr, in dem die angelsächsische Welt erwacht ist. Ich bin mir sicher, dass 2017 das Jahr sein wird, in dem die Völker des kontinentalen Europa erwachen."

Nur, was heißt hier erwachen? In seiner Traumdeutung berichtet Freud von einem schrecklichen Traum: Ein Vater, der lange am Krankenbett seines Kindes gewacht hat, schläft nach dessen Tod erschöpft im Nebenzimmer ein und träumt, dass sein Kind auf einmal vor ihm steht und ihm vorwirft: "Vater, siehst du denn nicht, dass ich verbrenne?" Der Vater erwacht und sieht, dass das Leichentuch des Kindes durch eine umgefallene Kerze in Brand geraten ist – der helle Lichtschein aus dem Nebenraum wurde in seinem Traum von dem brennenden Sohn verarbeitet, um seinen Schlaf zu verlängern. Was ist geschehen? Erwachte der Vater, als der äußere Stimulus, der Lichtschein, zu stark wurde, um noch länger in seinem Traumszenario eingeschlossen zu bleiben? Oder war es nicht eher umgekehrt: Der Vater spann sich erst seinen Traum zurecht, um seinen Schlaf zu verlängern, das heißt das unangenehme Erwachen zu vermeiden; was ihm jedoch in seinem Traum begegnete – die buchstäblich brennende Frage, das unheimliche Gespenst des toten Kinds –, war viel unerträglicher als die äußere Realität, sodass der Vater erwachte, in die äußere Realität entfloh – warum? Um weiterzuträumen, um dem unerträglichen Trauma seiner eigenen Schuld am qualvollen Tod des Kindes zu entgehen.

Verhält es sich nicht genau so mit dem populistischen Erwachen? Bereits in den 1930er Jahren bemerkte Adorno, die Nazi-Losung "Deutschland, erwache!" bedeute in Wirklichkeit das genaue Gegenteil: Folgt unserem Nazi-Traum (von den Juden als dem äußeren Feind, der die Harmonie unserer Gesellschaften zerstört), damit ihr weiterschlafen könnt – weiterschlafen und das böse Erwachen vermeiden, nämlich wach zu werden für die sozialen Gegensätze, die unsere gesellschaftliche Realität zerreißen!

Heute betreibt die populistische Rechte genau dasselbe: Sie ruft uns auf, wegen der Bedrohung durch die Einwanderer zu "erwachen", damit wir weiterschlafen, das heißt die Gegensätze ignorieren können, die unseren globalen Kapitalismus durchziehen.

Trumps Antrittsrede war natürlich Ideologie in Reinform, und ihre einfache, klare Botschaft beruhte auf einer ganzen Reihe von ziemlich offensichtlichen Widersprüchen. Auf ihrer grundsätzlichsten Ebene klang die Rede so, als hätte sie auch Bernie Sanders halten können: Ich spreche für all die vergessenen, vernachlässigten und ausgebeuteten schwer arbeitenden Menschen, ich bin eure Stimme, jetzt seid ihr an der Macht … Trotz der offensichtlichen Diskrepanz zwischen solchen Verkündungen und Trumps ersten Personalentscheidungen (Trumps designierter Außenminister Rex Tillerson, Präsident und Geschäftsführer von ExxonMobil, als Stimme der ausgebeuteten, hart arbeitenden Menschen?), enthält die Rede doch etliche Hinweise, die ihrer Botschaft eine ganz bestimmte Richtung geben. Trump spricht von den "Washingtoner Eliten" und nicht von Kapitalisten und Großbankiers. Er redet vom Rückzug aus der Rolle des globalen Polizisten, verspricht aber die Auslöschung des radikalislamischen Terrorismus, die Verhinderung von nordkoreanischen Raketentests und die Eindämmung der chinesischen Besetzung von Inseln im südchinesischen Meer. Was wir also bekommen, ist ein globaler militärischer Interventionismus, der im unmittelbar eigenen Interesse ausgeübt wird und auf die Maske von Menschenrechten und Demokratie verzichtet. In den 1960er Jahren lautete das Motto der frühen Ökologiebewegung: "Global denken, lokal handeln!" Trump verspricht das genaue Gegenteil: "Lokal denken, global handeln."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017.

Es hat etwas Heuchlerisches, wenn Liberale den Slogan "America first" kritisieren, als praktizierte dies nicht mehr oder weniger jedes Land genauso und als spielte Amerika nicht eine globale Rolle, gerade weil es seinen Interessen dient. Trotzdem ist die unterschwellige Botschaft von "America first" eine traurige: Jetzt, wo das amerikanische Jahrhundert zu Ende ist, begnügt sich Amerika damit, ein Land unter Ländern zu sein. Die größte Ironie besteht darin, dass sich die Linken, die den US-amerikanischen Anspruch auf die Rolle des globalen Polizisten so lange kritisiert haben, womöglich bald nach den alten Zeiten sehnen werden, als die USA mit aller damit verbundenen Heuchelei der Welt demokratische Standards aufnötigten.