Gleich im ersten Telefonat, in dem es um einen Gesprächstermin für dieses Porträt über ihn geht, sagt Roland Tichy: "Worauf ich aber keine Lust habe, ist jetzt dieses Pegida-Etikett. Das wird ja auch verwendet, um Leute einfach zu desavouieren."

Wenige Wochen nach diesem Telefonat ruft im Dezember ein Werbemanager Anzeigenkunden zum Boykott rechtsgerichteter Internetseiten auf. Er trifft damit auch das Portal von Roland Tichy, der sich daraufhin an seine Leser wendet: "Wir lassen uns das Wort nicht verbieten. Wenn Sie in vielen Dingen anderer Meinung sind: Kämpfen Sie trotzdem mit. Denn es könnte morgen Ihre Meinung sein, die nicht mehr gefällt. Die Einheitsmeinung hat keine Zukunft."

Roland Tichy war stellvertretender Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins Capital und Chefredakteur der Wirtschaftswoche. Er saß im Planungsstab der Regierung Helmut Kohl und beriet einen Daimler-Chef. Er schrieb die Sozialreformen der Regierung Gerhard Schröder als Buchautor mit herbei. Als Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung überreichte er dem Altkanzler Schröder in Anwesenheit mehrerer Kameraleute kürzlich einen Preis für ebendiese Politik. Außerdem haben sich in der Evolutionsgeschichte des Talkshow-Bewohners wenige Menschen im Fernsehen so erfolgreich durchgesetzt wie Roland Tichy. Man kann wirklich nicht sagen, dass diesem Mann ein Maulkorb verpasst worden wäre.

Umso bemerkenswerter ist es, dass Tichy um die Vermutung allgemeiner Sprechverbote herum ein beachtlich erfolgreiches Medium aufgebaut hat. Durchschnittlich 590.000 Menschen rufen sein Internet-Meinungsportal Tichys Einblick im Monat auf. Seit Oktober erscheint außerdem eine Auswahl der Onlineartikel – ergänzt um weitere Texte – als gedrucktes Magazin. Die Startauflage lag bei 70.000 Exemplaren. Am Kiosk verkaufen sich von dem Titel inzwischen mehr als 10.000 Exemplare pro Ausgabe, und es gibt 6.000 Abonnenten.

Trifft man Tichy zu einem Gespräch in einem Hamburger Restaurant oder im Münchner Verlag des Magazins, dann sagt er Sätze wie diesen:

"Wenn die etablierten Medien beschließen, über bestimmte Sachverhalte, die den Menschen auf den Nägeln brennen, nicht mehr zu schreiben, aus volkserzieherischen Gründen, dann fühlen sich die Leute verlassen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017.

Er zitiert dazu eine Studie der Hamburg Media School: 82 Prozent der Berichterstattung etablierter Medien zur Flüchtlingsfrage waren demnach positiv, nur sechs Prozent problematisierten das Thema. "In so eine Lücke muss man natürlich reingehen", sagt Tichy.

Inzwischen ist Tichys Einblick eine Art Zentralorgan all jener, die finden, dass Angela Merkel "wegmuss" – wegen ihrer Flüchtlingspolitik und wegen eines von ihr beförderten rot-grünen Mainstreams, der die Debatten im Land durch politische Korrektheit ersticke. Dem Zulauf auf Tichys Seite tut auch keinen Abbruch, dass viele einflussreiche Medien ihre Berichterstattung über die Flüchtlingspolitik verändert und Fehler eingestanden haben.

Damit hat der Erfolg von Tichys Einblick eine politische Dimension erreicht, die über sein eigenes Portal hinausreicht. Es ist nur ein Beispiel für neue Medien (siehe Kasten unten), die zu einem Resonanzraum geworden sind für gesellschaftliche Milieus, die dem sogenannten "System" und dessen Eliten misstrauen. In den USA haben diese Milieus nicht unerheblich die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten und in Großbritannien den Austritt aus der EU befördert. Dabei versicherten sie sich in einer Parallelöffentlichkeit ihrer Positionen, während die etablierten Zeitungen und Fernsehsender sie unterschätzten. "Der große Irrtum vieler Journalisten ist ja, zu glauben, es gehe da um Abgehängte und Deklassierte", sagt Tichy. "Wenn man diese Leute so abwertet und sie als Idioten bezeichnet, weil sie alles nicht begreifen, dann ist das aber eine verächtliche publizistische Haltung, mit der man diese Leser auch nicht erreicht."