Gleich im ersten Telefonat, in dem es um einen Gesprächstermin für dieses Porträt über ihn geht, sagt Roland Tichy: "Worauf ich aber keine Lust habe, ist jetzt dieses Pegida-Etikett. Das wird ja auch verwendet, um Leute einfach zu desavouieren."

Wenige Wochen nach diesem Telefonat ruft im Dezember ein Werbemanager Anzeigenkunden zum Boykott rechtsgerichteter Internetseiten auf. Er trifft damit auch das Portal von Roland Tichy, der sich daraufhin an seine Leser wendet: "Wir lassen uns das Wort nicht verbieten. Wenn Sie in vielen Dingen anderer Meinung sind: Kämpfen Sie trotzdem mit. Denn es könnte morgen Ihre Meinung sein, die nicht mehr gefällt. Die Einheitsmeinung hat keine Zukunft."

Roland Tichy war stellvertretender Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins Capital und Chefredakteur der Wirtschaftswoche. Er saß im Planungsstab der Regierung Helmut Kohl und beriet einen Daimler-Chef. Er schrieb die Sozialreformen der Regierung Gerhard Schröder als Buchautor mit herbei. Als Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung überreichte er dem Altkanzler Schröder in Anwesenheit mehrerer Kameraleute kürzlich einen Preis für ebendiese Politik. Außerdem haben sich in der Evolutionsgeschichte des Talkshow-Bewohners wenige Menschen im Fernsehen so erfolgreich durchgesetzt wie Roland Tichy. Man kann wirklich nicht sagen, dass diesem Mann ein Maulkorb verpasst worden wäre.

Umso bemerkenswerter ist es, dass Tichy um die Vermutung allgemeiner Sprechverbote herum ein beachtlich erfolgreiches Medium aufgebaut hat. Durchschnittlich 590.000 Menschen rufen sein Internet-Meinungsportal Tichys Einblick im Monat auf. Seit Oktober erscheint außerdem eine Auswahl der Onlineartikel – ergänzt um weitere Texte – als gedrucktes Magazin. Die Startauflage lag bei 70.000 Exemplaren. Am Kiosk verkaufen sich von dem Titel inzwischen mehr als 10.000 Exemplare pro Ausgabe, und es gibt 6.000 Abonnenten.

Trifft man Tichy zu einem Gespräch in einem Hamburger Restaurant oder im Münchner Verlag des Magazins, dann sagt er Sätze wie diesen:

"Wenn die etablierten Medien beschließen, über bestimmte Sachverhalte, die den Menschen auf den Nägeln brennen, nicht mehr zu schreiben, aus volkserzieherischen Gründen, dann fühlen sich die Leute verlassen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Er zitiert dazu eine Studie der Hamburg Media School: 82 Prozent der Berichterstattung etablierter Medien zur Flüchtlingsfrage waren demnach positiv, nur sechs Prozent problematisierten das Thema. "In so eine Lücke muss man natürlich reingehen", sagt Tichy.

Inzwischen ist Tichys Einblick eine Art Zentralorgan all jener, die finden, dass Angela Merkel "wegmuss" – wegen ihrer Flüchtlingspolitik und wegen eines von ihr beförderten rot-grünen Mainstreams, der die Debatten im Land durch politische Korrektheit ersticke. Dem Zulauf auf Tichys Seite tut auch keinen Abbruch, dass viele einflussreiche Medien ihre Berichterstattung über die Flüchtlingspolitik verändert und Fehler eingestanden haben.

Damit hat der Erfolg von Tichys Einblick eine politische Dimension erreicht, die über sein eigenes Portal hinausreicht. Es ist nur ein Beispiel für neue Medien (siehe Kasten unten), die zu einem Resonanzraum geworden sind für gesellschaftliche Milieus, die dem sogenannten "System" und dessen Eliten misstrauen. In den USA haben diese Milieus nicht unerheblich die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten und in Großbritannien den Austritt aus der EU befördert. Dabei versicherten sie sich in einer Parallelöffentlichkeit ihrer Positionen, während die etablierten Zeitungen und Fernsehsender sie unterschätzten. "Der große Irrtum vieler Journalisten ist ja, zu glauben, es gehe da um Abgehängte und Deklassierte", sagt Tichy. "Wenn man diese Leute so abwertet und sie als Idioten bezeichnet, weil sie alles nicht begreifen, dann ist das aber eine verächtliche publizistische Haltung, mit der man diese Leser auch nicht erreicht."

Tichy ist unter deutschen Liberal-Konservativen eine feste Größe

Tichy bietet diesen Menschen einen Ort, an dem es genau andersherum läuft. In Tichys Medien wird jeder abgewertet und als minderbemittelt betrachtet, der nicht begreift, dass die Politik der Bundesregierung falsch ist, einer Regierung, von der grundsätzlich immer nur eines anzunehmen ist: das Schlimmste. In Tichys Jahresrückblick heißt es etwa: "Anschläge werden betrauert, aber mehr Tinte fließt in die alberne Beschwörung, der jeweils jüngste Fall dürfe keinesfalls Populisten stärken. So wird von den Tätern abgelenkt und der Zorn umgelenkt."

Solche Rhetorik besitzt eine große Anziehungskraft für Pegida- und AfD-Anhänger, aber auch für Anhänger von CDU und CSU und selbst für manche Linke, die ihre Überzeugungen in ihren Parteien nicht mehr wiederfinden. Die liberale Flüchtlingspolitik der Kanzlerin, sagt Tichy, sei ein Kipppunkt für dieses soziale Milieu gewesen. Merkel sei von vielen Konservativen nicht mehr verstanden worden. Er sagt: "Da gibt es nun eine Lücke des Unbehagens. Die füllt die AfD. Die füllt der Seehofer. Die fülle ich."

Tichy ist unter deutschen Liberal-Konservativen eine feste Größe, seit er gegen die Euro-Rettungspolitik und die Energiewende massiv protestierte. Es war aber die Flüchtlingskrise, die ihm die Chance zum publizistischen Comeback bot, nachdem er das in der Verlagsgruppe Handelsblatt erscheinende Magazin Wirtschaftswoche im Jahr 2014 nach sieben Jahren als Chefredakteur hatte verlassen müssen. (Die Verlagsgruppe gehört der Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH, die auch an der ZEIT beteiligt ist.) Der Chef des Handelsblatt-Verlages, Gabor Steingart, begründet Tichys Demission mit dessen Kurs: "Dieter von Holtzbrinck und ich wollten den publizistischen Neuanfang. Die Wirtschaftswoche ist in unserem Verständnis nicht Teil der nationalen Apokalypse-Industrie, sondern steht für die Fortentwicklung der sozialen Marktwirtschaft und die Erneuerung Europas. Sie pflegt einen Grundton der unternehmerischen Zuversicht." Tichy sagt, an der Debatte um seine Abberufung wolle er sich nicht beteiligen.

Er schreibt nun lieber auf Tichys Einblick von "Merkel-Flüchtlingen" und verbreitet dort Sätze wie diese: "Was ist das nun für ein Land, das durch Merkels schnellen Bevölkerungsimport entsteht? Streichen wir mal weg, was nicht sein wird: Die Hoffnung, dass hier viele Renten-Zahlsklaven importiert werden, die einer alternden Bevölkerung bescheiden und anspruchslos den Löffel zum Munde führen – das wird nicht funktionieren; seit Hegel wissen wir, wie schnell der Knecht zum Herrn wird."

Im Jahr 1990 veröffentlichte Tichy noch ein Buch mit dem Titel Ausländer rein!. Darin plädierte er für eine vernünftige Einwanderungspolitik, die Deutschland durchaus nützen könne. In einem eigenen Kapitel über den Gebrauch von Sprache warnte er vor Begriffen, die den Blick darauf verstellten, dass "es sich hier um Menschen handelt". Nun verdichtet er mit dem Wort vom "Merkel-Flüchtling" Asylbewerber, die Kanzlerin und den im Text beklagten Kontrollverlust zu einem verbalen Amalgam, das den Flüchtling entpersonalisiert und zum politischen Kampfbegriff macht. Das ist, wie die Parabel vom Knecht, der zum Herrn wird, schwierig in Einklang zu bringen mit der Idee, dass es sich bei "Merkel-Flüchtlingen" um Menschen handelt.

Wie hält der Roland Tichy von heute den Widerspruch zum Roland Tichy aus dem Jahr 1990 aus?

Tichy hält diesen Widerspruch zunächst aus, indem er ihn leugnet, als man ihn bei einem Besuch im Münchner Finanzen Verlag, der Tichys Magazin herausgibt, danach fragt. Es sind die Tage nach Weihnachten, und Tichy nimmt in seinem Büro gerade die Titelseiten der neuen Ausgabe ab. Nach mehrmaligem Nachhaken und Textbeispielen ergibt sich dann aber ein sehr typischer Moment, ein Tichy-Moment.

"Wahrscheinlich ...", sagt er, "also vielleicht muss man da was ändern. Man schreibt online ja auch wie unter Druck. Das liegt am Medium. Unsere Zeitschrift ist schon kühler." Tichy lacht ein wenig, kichert fast in sich hinein, als er hinterherschiebt:

"Manchmal lässt man sich schreiberisch treiben, und manchmal reflektiert man sich."

Das ist an sich schon ein Satz, den ein anderer, der vorher denkt, nicht gesagt hätte. Tichy lässt das aber mal so stehen und schaut, was passiert. Es ist wie oft bei diesem Mann: besser Streit als nicht im Gespräch.

Tichys Humor macht es einem schwer, ihn nicht zu mögen

Der Widerspruch zwischen Roland Tichys Buch früher und der Sprache heute ist nicht der einzige, dem man bei dieser Annäherung an ihn begegnet: Er sucht den Streit, will aber zugleich gemocht werden. Er ist als Kommentator scharf im Ton, aber im persönlichen Umgang auch charmant und lustig. Er ist kein Ausländerfeind, seine Texte klingen aber manchmal so. Er ist ein wirtschaftsliberaler Demokrat, doch man begegnet auf seinem Internetforum Menschen, bei denen eine menschenfreundliche Haltung nicht mehr zweifelsfrei zu erkennen ist.

Sobald man denkt, Tichy auf eine konkrete Aussage festgelegt zu haben, sobald er eine besonders harte Formulierung relativiert hat, findet man in einem Text eine neue, und die gerade gewonnene Überzeugung, er meine das alles nicht so hart, wie es klingt, zerrinnt schon wieder. Hat er es doch anders gemeint? Und wie? War er ironisch? Was will er denn nun genau? Manchmal ist das schwer zu sagen.

Hinzu kommt, dass Tichys Humor es einem schwer macht, diesen Mann nicht zu mögen. Als man ihn zum Beispiel darum bittet, bei der Produktion der neuen Ausgabe seines Magazins dabei sein zu dürfen, schickt er eine SMS, ob man denn wirklich an diesen schlimmen rechten Texten mitarbeiten möchte. (Das lustige Originalzitat seiner SMS möchte Tichy nicht in der Zeitung lesen, weil es, aus dem Zusammenhang gerissen, schnell ein Eigenleben entwickeln könne. Er hat selbst für seinen Geschmack gerade schon genug Ärger.)

Tichy weiß, dass der Reporter von der ZEIT nicht alles toll findet, was er macht, und er hat Spaß daran, mit solchen Erwartungen zu spielen. Er spricht ja auch auf Podien über die Verantwortung der Medien, wozu er einem vorher schreibt: "Ich bin der Watschenmann."

In Roland Tichys Leben als Medienphänomen verbindet sich die Freude am Spiel mit der aktuellen Tragödie von Flucht und Politik, in der er sich für die Rolle des Provokateurs entschieden hat. Aber geht es Tichy wirklich, wie er gerne sagt, um die Bewältigung sozialer Probleme oder um seinen Platz auf der Bühne?

Kurz vor Silvester hängen an einer Wand des Münchner Finanzen Verlags Ausdrucke der kommenden Ausgabe von Tichys Magazin. Im neuen Heft stehen ein Interview mit dem ehemaligen CDU-Politiker Roland Koch, eines mit dem früheren Chef eines Industrieverbandes, eine Geschichte über linksradikale Gruppen, die angeblich die Debatten an Universitäten zensieren. Das alles könnte auch im Bayernkurier der CSU stehen.

An der Bürowand hängt außerdem eine Kolumne des Autors Hugo Müller-Vogg. Der heute 69-Jährige war mehrere Jahre lang Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Unter den hauptberuflichen Politikdeutern gehörte er früher zum konservativen Inventar. Nun schreibt er auch für die Onlineausgabe von Tichys Einblick sowie für das Magazin. Das Portal erreiche viele Menschen, sagt Müller-Vogg, weil es etwas aufgegriffen habe, was andere Medien im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise nicht gespiegelt hätten: "Der Lebensstandard steigt nicht mehr von Jahr zu Jahr automatisch. Das führt dazu, dass Menschen eine gewisse Unsicherheit verspüren. Da muss ich nicht so extrem sein und sagen: Der Syrer nimmt mir die Arbeit weg. Es reicht schon das Gefühl: Wir müssen das alles bezahlen, während unsere Tochter ein gutes Examen hat und trotzdem wegen einer Umstrukturierung die Stelle wechseln muss." Tichys liberal-konservative Plattform gebe diesem Unsicherheitsgefühl Ausdruck. "Ich bin nicht mit allem einverstanden, was da steht", sagt Müller-Vogg, "aber das war zu meiner Zeit bei der FAZ auch nicht immer so. Daran erkennen Sie eben die Liberalität." Man fragt sich, warum es – abgesehen von den sprachlichen Übertreibungen – überhaupt Aufregung gibt um dieses Projekt. Warum der Aufruf zum Werbeboykott? (Den der Initiator später mit dem Hinweis zurückgezogen hat, Tichys Einblick sei ein seriöses Portal.) Warum sagen alte Weggefährten nur hinter vorgehaltener Hand, dass sich der Roland an einen extremen Rand verirrt habe? Warum hört Müller-Vogg von Politikern, dass sie seine Artikel bei Facebook teilen würden – aber nur, wenn sie denn nicht auf Tichys Portal erschienen wären?

Roland Tichy führt das Leben eines Diskursunternehmers

Es liegt wohl an Tichys Antwort auf eine Frage, die er vor seiner Zeitungswand in den Raum stellt: "Gibt es im Journalismus noch Platz für das Grenzwertige?" Selbst für den Geschmack mancher seiner Autoren lotet Tichy diesen Raum bisweilen zu tief aus.

Unter der Überschrift Erlebnisse von meinen Bekannten darf eine Frau auf seiner Internetseite Anekdoten beschreiben, etwa diese: "Zwei Familien mit ›Flüchtlingshintergrund‹ steigen in die S-Bahn. Zwei Männer, zwei Frauen, mehrere Kinder. Kopftuchträgerinnen die Frauen. Ein Mann schlägt einem Jungen ins Gesicht, der Junge ist ca. 5 Jahre alt. Postum läuft der Junge zu seiner Mutter und schlägt ihr ebenfalls ins Gesicht. Die geschlagene Frau mit dem Kopftuch bewegt ihr Gesicht kurz hin und her und schaut zum Fenster hinaus. Mehr nicht." Dann: "Eine Bekannte sieht um Mitternacht, wie zwei Frauen von zwei Männern belästigt und angegrapscht werden." Dann: "Alle Männer sahen arabisch oder nordafrikanisch aus. Kein einziger Deutscher. Berichte von normalen Menschen in meiner Umgebung."

Angesichts solch unklarer Quellen hätte der Chefredakteur Roland Tichy früher jeden Volontär zurück in die Recherche geschickt.

Eine andere Frau (Beschreibung im Magazin: "Nebenbei arbeitet die Publizistin als Model und studiert Politikwissenschaft und Geschichte") berichtet im Heft, illustriert mit eigenen Modelfotos, über ihre Selbstbewaffnung wegen der "Tatenlosigkeit der Regierenden" und eines Rechtssystems, "das keine Antwort auf Vergehen von Zuwanderern weiß".

Roland Tichy schreibt solche Sachen nicht. Er gibt den Verfassern aber ein Forum, das er mit seinem Namen versieht. Er bewegt die Lippen nicht, und doch sprechen die anderen durch ihn. So macht sich Tichy zum Bauchredner von Menschen, die nur die totale Kapitulation abweichender Meinungen akzeptieren und in der Selbstbewaffnung gegen Migranten eine Problemlösung sehen. Tichy liefert ihnen die verbale Munition. Warum tut er das nur?

Roland Tichy führt das Leben eines Diskursunternehmers. So wie er eine Marktlücke für seine Debattenseite fand, in die er hineinstieß, so baut er auf dem Marktplatz des Streits gern dort seinen Stand auf, wo sonst kaum einer steht.

Tichys Vater war Steuerberater und hätte es gern gesehen, wenn der Sohn es auch geworden wäre. Roland wollte aber Journalist werden, schon als Schüler gab er in Bad Reichenhall unter dem Titel Bayerischer Landbote ein Stadtmagazin heraus. Nach dem Abitur ging er im Jahr 1977 auf die Journalistenschule in München. Mehrere Teilnehmer aus Tichys Jahrgang sagen heute über ihn einen ähnlichen Satz: "Roland war ein endlos fleißiger Mensch, der unglaublich viel gearbeitet hat." Tichy vertiefte sich zusätzlich zum vorgesehenen Journalistikstudium nämlich auch in das der Volkswirtschaftslehre. "Er hat immer mit ökonomischen Argumenten diskutiert", sagt eine Frau, die ihm damals näherstand. "Da waren wir anderen in unserem romantischen Umweltrettungsdenken nicht so fundiert. Deshalb stand er auch immer etwas am Rande." Die Nichtbayern unter den früheren Kommilitonen sprechen öfter von etwas Anarchistischem, das der Roland gehabt habe. Ein "schüchterner Provokateur" sei er gewesen, ein "alpiner bayerischer Naturbursche". Eine Bayerin aus dem Jahrgang sieht das etwas anders. Der Roland sei schon immer etwas schratig gewesen und habe Dialekt gesprochen, was in der Journalistenschule eine Ausnahme war. Sie sagt: "Die anderen fanden ihn immer seltsamer, als ich ihn fand. Das lag daran, dass er sich nicht vereinnahmen ließ und eher so ein Grantler war."

Das ist er geblieben. Der Grantler in Roland Tichy konnte Konsens auch später nicht gut aushalten. Deshalb musste er 1995 sogar die Chefredaktion des Wirtschaftsmagazins Impulse verlassen, weil er eine Entscheidung der Verlagsführung öffentlich kritisiert hatte. Der Grantler hat ihn aber auch zu einem erfolgreichen Journalisten gemacht. Ein früherer Ressortleiter unter Tichy beim Magazin Wirtschaftswoche berichtet davon mit Hochachtung. Der Ressortleiter kämpfte nämlich für Themen, die Tichy zuwider waren: Energiewende, Klimawandel, grünes Zeug. Tichy bat ihn aber regelmäßig, im Heft andere Positionen zu vertreten, als er selbst es tat. "Tichy flippte in der Redaktion immer aus, wenn alle einer Meinung waren", sagt der ehemalige Mitarbeiter heute. "Er kann es einfach nicht ertragen, wenn Leute unpolitisch sind und keine Haltung haben. Oft hat er die Kollegen nur deshalb provoziert, um eine Diskussion anzustoßen." Manchmal verwarf der Chefredakteur Tichy sogar Ideen für Titelbilder, die in der Redaktion und bei ihm selbst gut ankamen, nur deshalb, weil alle die Idee gut fanden. Ihm kam das verdächtig vor.

Tichy will Merkels Rücktritt

Dazu passt auch die Erzählung eines Mannes, dem Tichy bei der Besetzung eines Postens vorgezogen wurde. Tichy bat ihn öfter um Kritik an seinen Texten ("Bei Ihnen weiß ich, dass Sie das jetzt hart machen"). Für sein Magazin schreibt nun sogar der raubeinige Journalist Matthias Matussek, der sich mit Tichy nach einer Presseclub- Sendung im Jahr 2010 angeblich hatte prügeln wollen (ironischerweise hatte Tichy Matussek "engstirnigen Nationalismus" vorgeworfen). Tichy sagt: "Wir wollten uns verhauen. Ja. Aber irgendwann haben wir uns getroffen und darüber gelacht." Matussek sagt: "Tichy ist einfach auf meine Linie eingeschwenkt."

Was andere als schlimmen Streit erinnern, hat Tichy oft nach kurzer Zeit schon vergessen. Er sagt:

"Man kann in der Sache ja unterschiedlicher Meinung sein und sich dennoch wertschätzen."

Bisweilen ist ihm offenbar beim Streiten nicht einmal bewusst, was er da gerade tut. Die Argumente purzeln ihm dann etwas unkontrolliert heraus. Zwei Kollegen, die Tichy gut kennen, berichten zumindest, dass er manchmal etwas bedröppelt sei, wenn er es in einer TV-Talkshow übertrieben hat und sich am nächsten Tag viele Leute aufregen.

Nur bei Angela Merkel kennt der Mann keine Gnade und fordert ihren Rücktritt als Kanzlerin. Nur bei ihr lässt er nicht gelten, dass sie viele Positionen ihrer Flüchtlingspolitik bereits in Tichys Sinne verändert hat.

Tichy sagt: "Sie spitzt die Ausgrenzung derjenigen, die ihre Meinung nicht teilen, immer weiter zu." Schon vor der Flüchtlingskrise habe er das so empfunden: " Durch meine Kritik am Euro war ich gleich ein Europa-Feind, was Käse ist. Man könnte ja auch sagen, dass in Wirklichkeit der Euro Europa spaltet. Doch das wird nicht diskutiert." Das Problem mit der Ausgrenzung ist nur, dass es sie nicht gibt. Kaum eine politische TV-Talkshow kommt noch ohne AfD-Politiker aus, die ein Ende von Merkels Flüchtlingspolitik fordern. Außerdem hat die Kanzlerin sich bewegt. Sie hat inzwischen vieles getan von dem, was Tichy und seine Leser sich wünschen. Selbst Transitzonen, in denen über Asylberechtigungen an der Grenze entschieden wird, sind durch eine Vereinbarung mit der Türkei fast schon Wirklichkeit geworden.

Tichy reicht das nicht. Er will Merkels Rücktritt. Sie sei gescheitert, ein symbolischer Neuanfang sei nötig. Dazu wirft ihr der Mann, der selbst vom "Merkel-Flüchtling" schreibt, vor, hinter dem Begriff des Flüchtlings alle Formen der Migration zu verstecken und damit die Sprache zu manipulieren:

"Gegen Kriegsflüchtlinge hat kein Mensch was. Aber mit Burschen aus Nordafrika, die da ihre Geschäftchen betreiben, haben die Leute zu Recht Probleme."

Es gab für diesen Text zwei lange Gespräche mit Roland Tichy, eines in München, eines in Hamburg. Beim zweiten Gespräch sagte er: "Auch Ihre Fragen sollen mich ja radikalisieren. Die haben unterschwellig immer die Position: Sie sind so ein komischer Outsider. Ihre Frage ist eigentlich: Wie rechts ist er? Ist er schon bei der AfD? Oder klammert er sich noch an der CSU fest? Das schwingt ja bei Ihnen mit."

Sind Sie denn radikalisiert, Herr Tichy?

"Wir geben den Leuten eine Stimme und tragen dadurch zur Versachlichung bei"

"Überhaupt nicht, weil ich es ja reflektieren kann! Wo ich stehe, ist die Mitte, das zeigen uns die Leser. Wenn die Merkel sich radikalisiert, dann ist das ihr Problem."

Tatsächlich vertritt Tichy viele Positionen, die in der CDU vor wenigen Jahren noch Konsens waren. Und er spricht damit Unionsanhängern aus dem Herzen, die in den Grünen Extremisten sehen, mit ihren Forderungen nach Frauenquoten und Toiletten für Transsexuelle. Es nimmt deshalb auch nicht wunder, dass manche von Tichys klagenden Autoren Männer sind, die zu Zeiten mächtig waren, als es noch einfacher war, ein Mann zu sein. Diese Männer mögen den hegemonialen grünen Zeitgeist nicht, der als Gegenstand der Kritik für Tichy allerdings zur Geschäftsgrundlage geworden ist. Seine libertären Wirtschaftspositionen finden zurzeit ja nicht einmal als Provokation Gehör, obwohl er sich um die Freiheit von Wirtschaft und Gesellschaft aufrichtig sorgt wegen der Regelungswut des Staates.

Der Kampf gegen den Zeitgeist ermöglicht ihm nun jene Öffentlichkeit, ohne die er es wohl nicht aushält. Im vergangenen November saß Tichy zum Beispiel als Gast im ARD-Presseclub zum Thema Vormarsch der Populisten, wenige Tage nachdem er einen Interviewtermin für dieses Porträt wegen eines Krankenhausaufenthaltes spontan hatte absagen lassen. Es folgte eine typische Tichy-SMS: "Ich bin seit gestern aus der Klinik buchstäblich abgehauen. Jetzt bin ich ein Flüchtling ohne Papiere von der AOK." Er habe der Redaktion der Sendung schon zweimal abgesagt. Noch mal habe er das nicht machen können.

Sicher ist: Roland Tichy hat beim Euro mit seiner Skepsis nicht nur Unrecht gehabt und dabei viel Gegenwind ertragen für seine Überzeugungen. Sicher ist auch, dass seine Positionen in der Flüchtlingspolitik (Obergrenzen für Flüchtlingszahlen, weniger Familiennachzug, Kritik am Behördenversagen) im demokratischen Spektrum weit über die CSU hinaus eine politische Heimat haben. Anders als viele seiner zum Boykottaufruf neigenden Gegner weicht er inhaltlichen Auseinandersetzungen darüber nicht aus.

Nach vielen Gesprächen mit Menschen, die Roland Tichy kennen, nach Stunden mit ihm selbst und seinen Texten ist aber nicht zu sagen, warum er, der sich über Worte so viele Gedanken macht, die Schärfe seiner Worte so kleinredet. Auf die Frage, ob er nicht dazu beitrage, die Gereiztheit im Land anzustacheln, antwortet er: "Natürlich nicht! Wir geben den Leuten eine Stimme und tragen dadurch zur Versachlichung bei." Der Roland Tichy des Jahres 1990 würde das wohl anders sehen. In seinem Buch Ausländer rein! schrieb er: "Durch die Sprache der Politik und Medien wird künstlich ein Problemdruck erzeugt, den eine auch nur halbwegs vernünftige Politik nicht beseitigen kann. Die so entstehende Ausländerfeindlichkeit ist wiederum Hauptmotor für den Erfolg rechtsradikaler Parteien."

Zu Beginn dieses Jahres forderte ein Autor auf Tichys Einblick, man müsse grün-linke "Gutmenschen" aufgrund ihrer psychischen Erkrankung "behandeln". Tichy geriet daraufhin öffentlich unter Druck, er trat von seinem Nebenjob als Herausgeber von Klartext zurück, einem Forum des Karriere-Netzwerks Xing. Für den umstrittenen Text entschuldigte er sich und entfernte ihn von seiner Seite. Er schrieb dort aber auch: "Am Wochenende hat eine Kampagne gegen mich und meine publizistischen Aktivitäten einen weiteren Höhepunkt erreicht." Das kann man auch anders sehen. Roland Tichy bricht nicht nur selbst jene Regeln, die er für eine menschliche Sprache aufgestellt hat. Er hat damit auch Autoren angelockt, über die er die Kontrolle verliert. So ist auf seiner Internetseite der Knecht zum Herrn geworden.