Es ist mehr als vier Jahre her, dass Jesper Juul das letzte Mal das tat, was er besonders liebte. Im Mittelpunkt stehen. Im Zentrum einer Menschenmenge, die ihn bewunderte. Der dänische Familientherapeut war nach Slowenien gereist, um vor Führungskräften aus der Wirtschaft zu sprechen. Plötzlich hörten seine Beine auf, den schweren Körper zu tragen. Juul brach vor seinem Publikum zusammen.

Während er im Krankenhaus in Zagreb ins Koma fiel, saßen deutsche Eltern an ihren Küchentischen und lasen seine Bücher. Wie sie das immer taten, wenn sie nicht mehr weiterwussten mit ihren Kindern. Dein kompetentes Kind, Elterncoaching, Grenzen, Nähe, Respekt, Leitwölfe sein heißen die Bücher – 40 Titel hat Jesper Juul in Deutschland veröffentlicht.

Seit über 20 Jahren wird sein Name weitergegeben, von Müttern an neue Mütter, von Vätern an andere Väter. Wie ein Erbstück, ein alter Wandspiegel, in dem sich Eltern prüfend betrachten: Wer bin ich, wie sehe ich mein Kind, sehe ich es überhaupt?

Die vier Juulschen Grundwerte – Gleichwürdigkeit, Authentizität, Verantwortung und Integrität – gehören zum Standardrepertoire in Elternschulen und pädagogischen Fortbildungen; sie werden beim Babyschwimmen besprochen und beim Latte macchiato diskutiert. Jesper Juul, 68, ist die stets abrufbare innere Stimme, wenn das Kind nicht ins Bett will, kein Gemüse isst und im lila Rüschenkleid durch Pfützen hüpft. "Was würde Juul dazu sagen?", fragen sich Eltern dann.

Jesper Juul ist vom Fremden zum Freund geworden. Vielleicht der einzige, zu dem Mütter und Väter wirklich ehrlich wären, von dem sie glauben: Der weiß, wie es uns geht. Bloß: Wie geht es ihm eigentlich selbst?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017.

Wer Jesper Juul besuchen möchte, fährt nach Aarhus, steigt in den Bus nach Odder, streift für einen kurzen Moment das Meer, biegt dann in Richtung Süden ab in eine wellige Landschaft, in der kleine dänische Dörfer liegen mit Häusern, die nach Wohlstand und Glück aussehen. Die Wegbeschreibung zu seinem Apartment ist drei Seiten lang, man verläuft sich trotzdem, irrt durch die Dunkelheit, fragt eine Frau mit Hund, einen Mann auf dem Fahrrad. Dann sind es nur noch ein paar Meter bis zum Klingelschild. Mit dem Fahrstuhl drei Etagen bis zur Dachterrasse. Die graue Haustür des Penthouse öffnet sich mit einem Summen. Dahinter niemand, der zur Begrüßung bereitstünde. Stattdessen rollt ein Mann in braunem T-Shirt und Jogginghose in seinem Rollstuhl heran, gibt die linke Hand, lächelt über die Verspätung missbilligend hinweg, sagt nicht viel, drückt Knöpfe, um vorwärtszukommen, zur Seite, um schließlich vor dem Esstisch einzuparken.

Jesper Juul, 68. Seine Erziehungsratgeber werden von deutschen Eltern besonders gerne gelesen. © Beltz-Verlag

Jesper Juul ist vom Brustkorb abwärts gelähmt.

Viele seiner Leser, Eltern, die verbissen versuchen, ihre Kinder "beziehungskompetent, dialogbasiert und authentisch" zu erziehen, wissen davon nichts. Weil Juul trotz seiner schweren Erkrankung nie aufgehört hat zu arbeiten.

Die Juul-Maschine hat nie aufgehört zu laufen.

In diesen Tagen erscheint sein neues Buch Liebende bleiben im Beltz-Verlag, der seit 2011 nach eigenen Angaben 300.000 Juul-Bücher verkauft hat. Der Ratgeber Leitwölfe sein, veröffentlicht im Januar 2016, war mit 50.000 Exemplaren ein Bestseller. Juuls Verlage sind erfinderisch. Kösel offeriert einen Kalender mit "365 Anregungen und Ermutigungen für etwas mehr Gelassenheit und Zufriedenheit im Familienalltag" und, nach ähnlichem Prinzip, das Buch Kinder sind Geschenke für die Welt mit Zitaten, Texten, Gedanken des Familiengurus. Weil Juul immer geht, mischt und setzt man zusammen, was man an Neuem und Altem von ihm findet. Juul ist dankbar für jede Idee. Weil die Bücher sein Lebensunterhalt sind. "I’m a poor man", sagt er und streicht sich durch die grauen Haare, die dünner geworden sind. Die Krankheit habe ihn arm gemacht.

Die Krankheit kam ohne Vorwarnung

Als Jesper Juul im Dezember 2012 in Zagreb aus dem Koma erwachte, konnte er sich kaum noch bewegen. Er wurde ins beste Krankenhaus Kopenhagens geflogen, wo die Ärzte eine Autoimmunkrankheit diagnostizierten, die zur Entzündung der Rückenmarksflüssigkeit und dadurch zur Lähmung geführt habe.

Die Krankheit kam ohne Vorwarnung. Klar, er hatte immer maßlos gegessen. Sein Körperumfang gehörte zur Juul-Show, genau wie das Bild des Kette rauchenden Unperfekten, dem es nie darum ging, beliebt oder besonders korrekt zu sein. "Am Anfang dachte ich wirklich, ich könnte wieder reisen. Bis mir klar wurde, das wird nie wieder gehen", sagt Juul. Was den Schicksalsschlag noch existenzieller machte: Nach einem Luftröhrenschnitt hatte Juul seine Stimme verloren. Er, der immer auf Bühnen stand, mit seinen Vorträgen mühelos Theater- und Kinosäle füllte, bekam vier Jahre lang keinen Ton heraus.

18 Monate verbrachte er in einer Rehaklinik. Als er zurück in seine Wohnung nach Odder kam, hatte er kaum Fortschritte gemacht und wusste, dass das so bleiben würde. Doch wenigstens seine Stimme, die wollte er zurück. Fünf Operationen. Die besten Ärzte des Landes. Fünf Niederlagen. Bis man Juul in eine Klinik nach Stuttgart schickte. "I have my old voice back", schrieb er in einer Mail an die ZEIT im November vergangenen Jahres. Nur diesen einen Satz, der klang wie ein Wunder.

Juul redet leise. Fast vorsichtig. Er macht Pausen, sucht häufig nach einem Wort. Es habe fast vier Jahre gedauert, bis er das Gefühl hatte, wieder denken zu können wie früher. "Ich war sehr langsam, konnte nicht mehr fokussieren, meine Gedanken wanderten. Wenn mir eine Zeitung sechs Fragen geschickt hat, habe ich drei bis vier Tage daran gesessen, sie zu beantworten. Heute brauche ich zwei Stunden."

Die Leute sind sehr ehrlich, sie glauben, mir alles erzählen zu können

Juuls Smartphone liegt in Reichweite seines linken Arms auf dem weißen Tisch neben einer langen Tablettendose und ein paar Mandarinen. Es summt, vibriert. Zeitungen fragen an, Zeitschriften, Verlage, Journalisten, Lektoren. Sie wollen Bücher, Kolumnen, ein schnelles Zitat, eine kurze Einschätzung aktueller Verhaltensauffälligkeiten junger Eltern. Sie alle wollen ihn zurück.

Als Jesper Juul keine Stimme hatte, schrieb er auf, was er zu sagen hatte. Interviews, Verhandlungen mit Lektoren – alles lief über E-Mail. Er bot auch Eltern an, sie auf diesem Weg zu beraten. Wie geht das, Familien zu helfen, die man nicht sieht, nicht hört? Gut, sagt Juul. "Die Leute sind sehr ehrlich, sie glauben, mir alles erzählen zu können." Er lese viel zwischen den Zeilen, bekomme schnell ein Gespür für die Situation in den Familien und merke, an welchen Stellen des Textes es Tränen gab. "Menschen sind nicht so verschieden, sie werden durch die gleichen Dinge traurig." Jesper Juul tippte dann lange Antworten in seinen Computer, meist mit einer Hand, der linken. Egal, wie viel Kraft ihn das kostete. Juul war sofort nach seiner Erkrankung klar, dass er den Kontakt zu den Eltern nicht aufgeben darf. Er muss wissen, woran Mütter und Väter verzweifeln.

Als er sich vor einigen Wochen mit schwedischen Familientherapeuten zu einem Arbeitsgespräch traf, spürte er plötzlich, wie nervös er war, spürte seine Grenzen. Grenzen, die es früher für ihn nicht gab. Da ließ er jede Kritik, jeden Zweifel an sich abprallen. Wenn man ihm vorwarf, nicht akademisch oder wissenschaftlich genug zu sein, ohne Methode zu arbeiten, machte er daraus sein Markenzeichen: "Ich möchte gar keine Methode."

Mit 16 Jahren fuhr Jesper Juul als Koch zur See. Später jobbte er als Tellerwäscher und Barkeeper, bevor er sich zum Lehrer ausbilden ließ und mit verhaltensauffälligen und kriminellen Jugendlichen arbeitete. Pädagogen betrachteten die Eltern damals als durchweg schuldig und in der Arbeit mit den Jugendlichen vor allem als störend: "Das Kind war deshalb so unmöglich, weil es schlechte Eltern hatte." Dass Juul damals begann, sie zu ermutigen, ihr Kind so anzunehmen, wie es ist, und eine echte Beziehung zu ihm aufzubauen, das legte den Grundstein für seine familientherapeutische Arbeit.

Das Leben der Eltern rotiert absolut um die Kinder

Und plötzlich diese Unsicherheit. "Weil mir klar wurde, dass ich meine innere Autorität immer darin gefunden hatte, jeden Tag mit Eltern, Pädagogen und Experten zu tun zu haben. Ich wusste immer, wie die Leute denken." Das war jetzt anders.

Auch aus diesem Grund versammelt sein neues Buch Gespräche mit Paaren, die Juul getroffen hat, als er noch gesund war. Fünf, sechs Jahre ist das her.

Herr Juul, haben Familien denn heute die gleichen Probleme wie damals?

"Die Themen sind geblieben, nur die Inhalte der Konflikte haben sich geändert. Vor ein paar Jahren ging es ums Zubettgehen, heute gibt es Streit um Smartphones und Tablets."

Es ist nicht so neu, was Sie über die Paare schreiben. Warum ist Ihnen gerade dieses Thema wichtig?

"Das Leben der Eltern rotiert absolut um die Kinder. Das tut keinem gut. Als Paar verliert man da schnell den Kontakt zueinander. Ich habe dieses Buch auch geschrieben, um den Vätern die Erlaubnis zu geben, die Mütter mal von den Kindern zu trennen. Freiwillig lassen die Mütter selten los."

Ist es ein neues Phänomen, dass sich Eltern von ihren Kindern vereinnahmen lassen?

"Nein, schon mein Großvater sagte: Ich habe meine Frau verloren, als sie ihr erstes Kind bekam."

Was ist dann neu?

"Die Erwartungs- und Anspruchshaltung vieler Eltern, die glauben, beide je 50 Stunden in der Woche arbeiten zu können, zwei Kinder in der Tagesbetreuung zu haben, alle aktuellen TV-Serien kennen zu müssen und ganz selbstverständlich noch ein besonders erfülltes Sex-Leben hinzubekommen."

Was wollen Sie dagegen tun?

"Ihnen die Wahrheit sagen: Das ist unmöglich."

Es geht jetzt um Sex. Juul sagt, dass Paare keine Nähe mehr spürten, sich vorwerfen: Du bist nicht da, wenn ich mit dir rede. Du hörst mir nicht zu. Viele glaubten dennoch, alles werde besser, wenn sie nur mehr Sex hätten. Juul sagt: "Wird es nicht!"

Er redet über polyamouröse Beziehungen, Swingerclubs, Paare, die sich sagen: Egal, wie wir uns fühlen, wir bleiben zusammen. Familien, die von der Großstadt aufs Land ziehen. All das deute darauf hin, dass Menschen nach einem Leben suchten, das zu ihnen passe. "Ich selbst habe keine Lösung. Niemand hat eine Lösung", sagt Juul.

Sind die Familien heute dabei, unglücklicher zu werden?

"Ja!"

Es ist spät geworden. In ein paar Minuten kommen die Pfleger, um Jesper Juul ins Bett zu bringen. Er lebt allein in seiner Wohnung.

Der Mann, der den Menschen den Wert und die Bedeutung des Wortes Beziehung beigebracht hat, hat selbst zwei Scheidungen hinter sich. "Als Familientherapeut kann man in der eigenen Familie nicht viel ausrichten."

Isoliert ist er nicht. Viele sorgen sich um Juul, brauchen ihn, leben von ihm. Mathias Voelchert, der Leiter des Familylabs Deutschland, eines Beratungs- und Fortbildungsortes für Familien und Fachkräfte, hat die letzten beiden Bücher von Juul herausgegeben. Für Leitwölfe sein hat er Aufsätze von Juul zusammengetragen, das neue Buch Liebende bleiben entstand auf Grundlage von Paargesprächen, die Voelchert bereits auf einer DVD veröffentlicht hatte. Dem Leser werden diese Quellen zwar genannt, allerdings ohne zeitliche Einordnung. "Die Inhalte veralten ja nicht", sagt Voelchert. "Juul hätte die Gespräche heute noch genauso geführt." Mit jeder neuen Buchidee kämpft Voelchert für "Juuls Lebenswerk", wie er sagt. "Weil das einfach zu wertvoll ist."

Es habe manche der Familylabs, die es inzwischen in 19 Ländern gibt und die Juul einst gegründet hat, hart getroffen, als klar wurde, dass er als Rampensau nicht mehr zur Verfügung steht. Voelchert hat sich früh gegen jede Art von "Personenkult" gewehrt. An seinem Familylab vertrete man auch nicht die "reine Juulsche Lehre".

Juul selbst geht die Euphorie seiner Fans sowieso zu weit. Er hört von Erzieherinnen, die einen "Juul-Kindergarten" gründen wollen, und von Eltern, die ihre Kinder stets im "Juulschen Sinne" erzogen haben. "Da kann ich nur sagen: Arme Kinder!"

Kaum jemand hat seine Botschaften so verinnerlicht wie die deutschen Eltern, die nach dem Ende von Hausfrauen- und Rabenmütterdebatten noch immer mit ihren neuen Rollen kämpfen. Die Verunsicherung des liberalen Bildungsbürgertums ist Juuls Geschäft. Er will ihnen jetzt unbedingt noch etwas sagen: "Passt gut auf eure Kinder und eure Familien auf, weil es kein anderer für euch tun wird!" Man könne nicht mehr erwarten, dass sich der Staat darum kümmert. Man könne Kindergärten und Schulen längst nicht mehr bedingungslos vertrauen.

Da ist er wieder – der Mahner und Alarmierer Juul, der auch mal nervt und übertreibt. Die Krankheit hat ihn nicht milder gemacht, eher wütender und unerbittlicher. Er würde jetzt gern aufstehen, auf eine Bühne steigen und ordentlich Klartext reden. Sein Rollstuhl aber bewegt sich nur bis zur Tür. Juul drückt ein paar Knöpfe, wartet auf das Summen, blickt vom Flur aus kurz über die Dächer von Odder und bleibt allein zurück.

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