Was wissen wir schon vom Leben in Teheran? In Asghar Farhadis Film The Salesman kann man vieles davon sehen und hören, wenn auch nur mit einem aufmerksamen Blick auf Spiegelungen und Zeichen. Ganz so, als versuche jemand, die Wahrheit nicht gegen die Zensur zu sagen, sondern gerade mit ihr, durch sie und durch sie hindurch. Es kommt nichts Verbotenes vor in diesem Film, aber die Verbote kommen vor, und das ist nicht immer so komisch wie jene Schauspielerin, die auf der Bühne das, was die Regieanweisung (und der Dialog) als "halb nackt" bezeichnet, durch einen roten Regenmantel ausdrücken muss.

The Salesman, nominiert für den Oscar des besten fremdsprachigen Films, hat sozusagen zwei Anfänge. Der erste zeigt – für das iranische Publikum erst einmal ein Schock – ein Ehebett, das sich aber rasch als Requisite auf einer Bühne erweist, auf der Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden geprobt wird. Das Stück eines amerikanischen Juden! Oder auch: ein Stück über Selbstbetrug und Katastrophe des Mittelstands. Der zweite Anfang von The Salesman zeigt die Stadt, in der man zwischen Zerfall und Aufbau kaum noch unterscheiden kann. Die Menschen müssen sich in halb fertigen oder in halb ruinierten Häusern einrichten. Fluchtartig müssen Emad und Rana das Mietshaus verlassen, das einzustürzen droht. Drunten arbeiten die Bagger. Risse allüberall.

Emad, der sein Geld als Lehrer für Literatur verdient, und Rana spielen die Hauptrollen in Millers Stück. Einerseits ist das, was sie auf die Bühne bringen, ein Stück ihrer kulturellen Freiheit, andererseits ist es aber auch eine Spiegelung ihres eigenen Alltags. Auch sie müssen ihr Leben um etliche Schweigegebote herum aufbauen.

Eine Hinterlassenschaft, die Ärger macht

Durch einen Kollegen erhalten Emad und Rana eine andere Wohnung. Das ist schon ein Glück, auch wenn es da etwas Störendes gibt: Die Vormieterin hat noch einige ihrer Habseligkeiten in einem Zimmer zurückgelassen. Eine Hinterlassenschaft, die schon Ärger macht, bevor das eigentliche Drama beginnt: Rana hat in Erwartung von Emad die Haustür offen gelassen, ein Fremder ist in die Wohnung gelangt und hat sie unter der Dusche angegriffen. Man erfährt von den Nachbarn, dass die Vormieterin eine Frau von zweifelhaftem Ruf gewesen ist. Dass das Wort Prostituierte nicht fällt, ist nicht nur eine der trickreichen Anspielungen auf die Zensur. Vielmehr verweisen die zurückgelassenen Habseligkeiten auf verlorene familiäre Träume, und erzählt man sich nicht, wie schwer sie es hat, eine neue Wohnung zu finden? Rana und Emad sind, allerdings auf sehr verschiedene Weise, tief verstört von dem Geschehnis. So beginnt, was man einen Thriller-Plot nennen könnte: Emad ist besessen davon, den Angreifer zu finden und zu bestrafen. Und schließlich gelingt es ihm auch, ein Lieferwagen führt ihn zu einer Bäckerei. Da man The Salesman eben unter vielem anderen auch als Thriller sehen kann, soll hier auf die Auflösung dieses Plots verzichtet werden. Nur so viel: Das letzte, kammerspielhafte Drittel handelt von moralischen Entscheidungen über Schuld und Strafe und vom Tod eines anderen Handlungsreisenden.

Kino - "The Salesman" (Trailer)

Vor fünf Jahren gewann Asghar Farhadi für seinen Film Nader und Simin – Eine Trennung den Oscar als bester fremdsprachiger Film. Auch sein neuer Film ist die Nahaufnahme eines iranischen Paares. Sehr genau beschreiben die Einstellungen nach dem Überfall die Entfremdung zwischen Emad und Rana. Und ja, es gibt einen Zusammenhang dieser Entfremdung mit dem Nicht-sprechen-Dürfen oder -Können, und es gibt die Frage, wo die Liberalität des iranischen Mittelstandes, der sich mit den Bedingungen einrichtet, ihre Grenze findet.

Es ist nicht nur dem Spiel mit der Zensur zu verdanken, dass Farhadis Film so übervoll mit Zitaten, Mehrfach-Codierungen und Metaphern ist, es entsteht diese Meisterschaft der filigranen Konstruktionen auch aus den Traditionen, aus denen er schöpft. Auch Emads mühselige und doch leidenschaftliche Arbeit als Lehrer ist zugleich politisches und ästhetisches Metaphernspiel. Mit seinen Schülern, der kommenden Generation des Mittelstands, nimmt er die Erzählung Die Kuh von Gholom-Hossein Sa’edi durch, der von der iranischen Revolution ins Exil getrieben wurde: Die Association of American Publishers lud ihn nach New York ein, wo er sich insbesondere mit Arthur Miller austauschte. "Wie wird man eine Kuh?", fragt einer der Schüler nach der Lektüre. Emad verweist auf die Verfilmung von Sa’edis Erzählung durch Dariush Mehrjui aus dem Jahr 1969. Erzählt wird von einem bitterarmen Bauern, der über den Verlust seiner Kuh seinen sozialen Status und seinen Verstand verliert. Am Ende hält er sich selbst für eine Kuh. Als Emad den Film der Klasse zeigt, schläft er vor Erschöpfung ein und wird dabei von einem Schüler mit dem Smartphone gefilmt – das Kino setzt sich auf andere Weise fort.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Man kann The Salesman einmal als direkte Abbildung von Menschen sehen, die unter bestimmten sozialen Bedingungen einen dramatischen Bruch in ihrer Beziehung erleben. Und einmal als hochartifizielles Verweissystem. Keine Kinderzeichnung, kein Filmplakat, keine Bühnengeste in diesem Film, die nicht neue Bedeutungen und Spiegelungen mit sich bringen würde.

Natürlich kann so ein Film nur gelingen, wenn die Schauspieler bereit sind, beide Repräsentationsebenen miteinander zu verbinden. Shahab Hosseini und Taraneh Alidoosti bewähren sich selbst in einer der schwierigsten Disziplinen: Schauspieler, die Schauspieler spielen. Und dann kommt das Einreiseverbot von Donald Trump, und sehr zu Recht verweigern sich Schauspielerin und Regisseur der Oscar-Zeremonie. So geht die Geschichte von Kunst, Leben und Politik weiter.