Der Berliner Erzbischof Heiner Koch hat sich den Ärger der Landwirte zugezogen. In einem Radiobeitrag zur Grünen Woche kritisierte er mit ungewöhnlich unversöhnlichen Worten die "katastrophalen Zustände in den großen Tierfabriken". Er rügte "Schweinemäster, deren Tiere nie Tageslicht sehen", die die "Kreatur wie ein technisches Fließbandprodukt" behandelten und unter unsäglichen Bedingungen schlachteten. Rinderzüchter würden ihren Tieren brutal Gewalt antun, indem sie sie auf Tausende Kilometer lange Transporte durch halb Europa schickten. Koch verwies auf den heiligen Franz von Assisi, der die Tiere Schwestern und Brüder nannte. Der Bauernzorn flammte nicht nur in den sozialen Netzwerken auf. Michael Lohse, Sprecher des Deutschen Bauernverbands, äußerte seine Enttäuschung und Wut über den Erzbischof. Viele Landwirte fühlten sich in ihrer Berufsehre getroffen. Die Katholische Landvolkbewegung, die eine traditionell enge Beziehung zur katholischen Kirche pflegt, war empört. Selbst der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt, bezog Position in diesem Konflikt. Gegenüber Christ&Welt erklärte er: "Bei allem Respekt vor der kirchlichen Stimme: Die Nahrungsmittelproduktion hat eine differenzierte Betrachtung und Diskussion verdient. Deshalb bin ich über manche Schlussfolgerung sehr verwundert. Ich erwarte Fürsorge für unsere Tiere, aber auch für unsere Landwirte. Für die Rolle der Landwirtschaft in der Mitte der Gesellschaft tragen auch die Kirchen Verantwortung."

Den Erzbischof verwundert so viel Gegenwehr. Er sei, so stellte er in einer weiteren Stellungnahme richtig, sich bewusst, dass die allermeisten Landwirte mit einem "hohen Verantwortungsbewusstsein vor Gottes Schöpfung und damit auch vor den Tieren ihre Arbeit tun".

Es war kein Gutmenschen-Fauxpas eines ökobewussten Kampfveganers, der da von Koch begangen wurde. Hochwürden zitierte nur etwas unverblümt aus Papst Franziskus’ Enzyklika Laudato si. Dort steht geschrieben: "Heute sagt die Kirche nicht einfach, dass die anderen Geschöpfe dem Wohl des Menschen völlig untergeordnet sind, als besäßen sie in sich selbst keinen Wert und wir könnten willkürlich über sie verfügen." Zwei Absätze später formulierte Franziskus: "Jegliche Grausamkeit gegenüber irgendeinem Geschöpf widerspricht der Würde des Menschen." Ist das nun die katholische Tierethik des 21. Jahrhunderts? Unter Benedikt XVI. klang das noch anders. Als Kardinal Joseph Ratzinger verteidigte er in seinem Katechismus das anthropozentrische Weltbild, nach dem sich der Mensch die Erde untertan macht: Es sei unwürdig, für die Tiere Geld auszugeben, das in erster Linie menschliche Not lindern sollte. Man dürfe Tiere gernhaben, solle ihnen aber nicht die Liebe zuwenden, die einzig Menschen gebühre.

Der Stellenwert der Tiere ist in der Moraltheologie noch nicht festgemacht. Erzbischof Koch hat eine neue Partie in einem alten Diskurs eröffnet.

Das sagte der Bischof

Tausende Besucher werden an diesem Wochenende zur Eröffnung der Grünen Woche in Berlin erwartet. Sie lassen sich beeindrucken von den neuesten Errungenschaften aus Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie. Zu den Publikumsattraktionen gehören auch der Erlebnisbauernhof und die Tierhalle.

Dort sind prächtige Rinder zu bestaunen, herausgeputzt und preisverdächtig, artgerecht gehalten auf großzügigen Weiden. Die Wirklichkeit sieht aber viel zu oft ganz anders aus: Wir können die Augen nicht verschließen vor katastrophalen Zuständen in den großen Tierfabriken, die es auch hierzulande gibt. Schweinemäster, deren Tiere nie Tageslicht sehen. Sie behandeln die Kreatur wie ein technisches Fließbandprodukt und schlachten die Tiere unter unsäglichen Bedingungen. Rinderzüchter, die ihren Tieren brutal Gewalt antun, indem sie sie auf Tausende Kilometer lange Transporte durch halb Europa schicken.

Die viel zu großen Mastbetriebe, die einzig und allein auf den Profit setzen, verursachen täglich aufs Neue unsägliches Leid an der Kreatur. Und wer Tiere als Ware missbraucht, schreckt auch vor weiterer Rücksichtslosigkeit nicht zurück: Grundwasser wird verseucht, und Billiglöhne sorgen für ein modernes Sklaventum.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Davon ist in der Hochglanzwelt der Grünen Woche kaum die Rede. Aber wir als Konsumenten sollten hellhörig sein. Freiwillige Verpflichtungsmaßnahmen und Qualitätssiegel der Erzeuger sind ein erster Schritt in eine bessere Zukunft. Aber auch jeder Einzelne von uns kann dazu beitragen, dass die Tierquälereien weniger werden. Durch eine Änderung unserer Mentalität: Wenn es um Tiere geht, sollten wir uns nicht als "Verbraucher" verstehen. Denn hier gibt es nichts zu verbrauchen, sondern hier gilt es, die Würde der Geschöpfe zu achten, auch wenn sie uns zur Nahrung dienen.

Als Noah seine Arche baute, wollte er auf die Tiere nicht verzichten. Er sah sich in einer Schicksalsgemeinschaft mit ihnen. Der heilige Franz von Assisi nannte die Tiere seine Schwestern und Brüder. Und Papst Franziskus bezeichnet sie als dem Menschen seelenverwandt. Jegliche Grausamkeit gegenüber irgendeinem Geschöpf "widerspricht der Würde des Menschen" (Enzyklika Laudato si).

Ich wünsche Ihnen ein erholsames und segensreiches Wochenende.