So viel stand schon vor Reisebeginn fest: Beim Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Tayyip Erdoğan würde es auch um die 40 türkischen Nato-Soldaten gehen, die Asyl in Deutschland beantragt haben. Sie wollen nicht in die Türkei zurück, weil sie dort kein faires juristisches Verfahren erwarten und weil ihnen sogar Folter droht. Die türkische Regierung beschuldigt sie, am Putschversuch vom Juli 2016 beteiligt gewesen zu sein. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es bei diesen 40 Asylbewerbern bleiben. Ausliefern oder nicht?

Der Fall zeigt das Dilemma, in dem die deutsche Türkeipolitik jetzt steckt: Ein Nato-Partner, zu dessen Verteidigung Deutschland im Zweifel in den Krieg ziehen müsste, und immer noch EU-Beitrittskandidat, baut seine ohnehin zerbrechliche Demokratie in atemberaubender Geschwindigkeit in ein autoritäres System um: Alle Macht soll beim Präsidenten liegen. Und nun fordert dessen Regierung von Berlin die Auslieferung ihrer vermeintlichen Feinde. Zugespitzter lässt sich ein Interessenkonflikt kaum denken.

Die Prüfung der Asylanträge der türkischen Soldaten dürfte sehr, sehr lange dauern

Natürlich hat jede demokratisch gewählte Regierung das Recht, Putschisten zu bekämpfen. Aber die türkische Regierung bekämpft heute jeden, der nicht auf ihrer Linie ist, und zwar mit allen Mitteln, auch solchen, die einem Rechtsstaat Hohn sprechen.

Das alles weiß auch die Bundesregierung. Angela Merkel kann und wird die Soldaten nicht in diese Türkei ausliefern. Auf die Frage Erdoğans nach den Soldaten gibt es für die Bundeskanzlerin nur die Antwort: Über solche Dinge entscheidet in Deutschland die Justiz. Die Prüfung der Anträge dürfte sehr, sehr lange dauern. Sich auf das korrekte Verfahren zurückziehen zu können ist für Merkel auch angenehm. Aber es wäre falsch, darin ein Ausweichen zu sehen. Es ist eine Lektion in Rechtsstaatlichkeit.

Damit wäre die rechtliche Frage beantwortet, aber die politischen Probleme bleiben. Deutsche und türkische Kritiker rügen die Kanzlerin: Wie könne sie nur zu diesem Despoten fahren – gerade jetzt! Erdoğan werde ihren Besuch als Unterstützung auslegen! Die mächtigste Frau Europas leiste Wahlkampfhilfe vor dem Referendum im April, bei dem die Bevölkerung über das Präsidialsystem abstimmen soll.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017.

So richtig es ist, deutliche und öffentliche Worte der deutschen Kanzlerin zu fordern: Die Polemik gegen Merkels Reise ist Unsinn. Das Referendum ist ja nicht in zwei Tagen, sondern erst in zwei Monaten. Zudem ist die Stimmung in der Türkei derzeit so antiwestlich und antideutsch, dass der hartgesottene Wahlkämpfer Erdoğan sicher nicht die Hilfe der deutschen Kanzlerin braucht. Mit Autokraten zu sprechen ist heute übrigens keine Frage des Wollens, sondern eine des Müssens. Sie werden immer mehr, auch im Westen, und es gibt kein Handbuch für den Umgang mit diesen Männern. Richtig ist jedenfalls, nicht lockerzulassen.

Zwei handfeste Interessen Deutschlands im Gespräch mit Erdoğan liegen auf der Hand: erstens, das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei zu bewahren; zweitens, das Übergreifen innertürkischer Konflikte auf die Türkeistämmigen in Deutschland zu verhindern.

Im direkten Gespräch lässt sich aber auch wirksamer Kritik üben und auf die Lage von unterdrückten Oppositionellen, Inhaftierten und Minderheiten hinweisen. Von Angesicht zu Angesicht lässt sich deutlicher erklären, dass ein Rechtsstaat Gewaltenteilung braucht. Und es ist nun einmal so: Nur wenn man den Big Boss besucht, kann man auch die Opposition und Vertreter der Zivilgesellschaft treffen.

Es ist verführerisch, angesichts der autoritären Welle in der internationalen Politik extreme Forderungen zu stellen: Sofort Beziehungen abbrechen! Klare Kante zeigen! Nicht mehr kommunizieren! Damit findet man links wie rechts leicht Applaus. Aber nichts wäre falscher: Demokraten müssen das Gespräch suchen.

Je stärker Autokraten werden, desto weniger Menschen befinden sich um sie herum, die ihnen widersprechen. Das Korrektiv muss also von außen kommen – dieser Gedanke steht hinter Merkels Türkeireise. Das ist auch eine Art des Ernstnehmens. Denn: Wenn jemand wie Merkel Erdoğan nicht ein paar Wahrheiten sagt, wird er sie nie hören.

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