Im Pariser Viertel Saint-Germain-des-Prés finden sich Schmuckläden, Modegeschäfte, Museen und Galerien. Aus dem legendären Revier der Intellektuellen ist ein Anziehungspunkt für Touristen geworden. Hier wohnt der 77-jährige Soziologe Luc Boltanski, und zusammen mit seinem jungen Kollegen Arnaud Esquerre hat er ein Buch geschrieben, das wohl nur in diesem Milieu entstehen konnte: Die beiden Franzosen meinen, einen neuartigen Kapitalismus vor Augen zu haben. Ihr Buch, in dem Theorie und Fallstudien einander abwechseln, erscheint im Verlag Gallimard und trägt den Titel "Enrichissement". Das Wort hat eine doppelte Bedeutung: Anreicherung und Bereicherung. Gemeint ist eine Ökonomie, die bereits vorhandenes Vermögen wertvoller macht. Industriearbeit, schreiben die Autoren, werde in den Billiglohnländern nachgefragt; in den reichen Ländern hingegen entstehe Profit mehr und mehr dadurch, dass Objekte aus der Welt der Kunst und des Luxus, der Mode und des Reisens im Wert steigen. Diese Ökonomie gehe einher mit neuen sozialen Rollen, und da wird das Buch auch politisch. Gründe genug, die beiden Forscher in ihrem natürlichen Habitat aufzusuchen.

DIE ZEIT: Herr Esquerre, der Untertitel Ihres Buches lautet Eine Kritik der Ware. Das klingt nach Karl Marx. Schreiben Sie in seiner Tradition?

Arnaud Esquerre: Nein. Marx beginnt Das Kapital mit der Untersuchung jener Warenform, die wir die Standardform nennen. Das sind Objekte, die mit einem bestimmten Neupreis auf dem Markt erscheinen, der dann mit der Zeit sinkt. Das ist nicht unser Thema. Wir interessieren uns für Waren, deren Preise sich anders entwickeln.

ZEIT: Ein normales Auto hat Neuwert, dann nur noch Zeitwert und schließlich keinen Wert mehr – es gehört für Sie zur Standardform. Daneben erwähnen Sie die Sammlerobjekte, deren Wert steigt, wenn sie in eine Sammlung eingefügt werden, bestimmte Uhren etwa. Sodann Sachen, mit denen auf Wertzuwachs spekuliert wird, Immobilien etwa. Schließlich Objekte, die zeitweilig in sind und deren Wert steigt, weil sie gerade ein Filmstar herzeigt oder die aus anderen Gründen im Trend liegen – Mützen, Taschen, Schreibgeräte und vieles mehr. Das alles wird mit leiser Ironie beschrieben, aber ist das schon Kritik?

Luc Boltanski: Jedenfalls nicht wie die Marxsche Warenkritik. Die hatte eine moralische Färbung und stand in der Tradition der Kritik des Geldwechselns und überhaupt der Abhängigkeit von dinglichem Reichtum. In dieser Tradition findet man oft auch eine antisemitische Note, die Fantasie vom Händlerjuden. Oder nehmen Sie die Kritik an der Konsumgesellschaft, wie sie einst Herbert Marcuse formulierte: Der Konsument ist passiv, manipuliert, ein Opfer. Wir lassen das alles fallen. Wir blicken stattdessen auf Akteure, die handeln und eine neue Ökonomie hervorbringen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017.

ZEIT: Sie schreiben, der Kapitalismus stütze sich zunehmend auf die Verwertung vorgefundener, oft in der Geschichte verankerter Objekte – etwa, wenn das Prestige einer Luxusmarke darin besteht, dass sie schon seit Jahrhunderten existiert. Oder wenn heruntergekommene Fabrikhallen zu Museen aufgewertet werden.

Esquerre: Man sieht auch Objekte, deren Preis steigt, obwohl sie funktionell betrachtet eigentlich Abfall sind.

ZEIT: Wie die alten Ferraris, die hier in Paris für Millionen versteigert wurden, obwohl sie nur noch fahruntüchtige, verrostete Kisten waren.

Boltanski: Die sind dann Spekulationsobjekte.

ZEIT: In Ihrem Buch zählen Sie auf, wer alles Geschichten über solche Sachen verbreitet und ihnen damit eine Aura verleiht: Bordmagazine im Flugzeug, Hochglanzbeilagen von Zeitungen, Filme – und sogar der Staat.

Esquerre: Der spielt eine zentrale Rolle. Er hält die nationale Erzählung lebendig, etwa mit seinen Museen. Die garantieren, dass bestimmte Objekte nicht verkauft werden können. Dass sie immer da sind und etwas erzählen.

Boltanski: Der Staat bezahlt auch die Leute, die Erzählungen verfassen. Zum Beispiel die Historiker. Er restauriert historische Gebäude ...

Esquerre: ... oder schützt das lokale, traditionelle Handwerk sowie die Landwirtschaft durch Herkunftsbezeichnungen ...

ZEIT: ... für Wein, Käse, Würste ...

Boltanski: ... und er tut viel für den Tourismus.

ZEIT: Jährlich kommen mehr Touristen nach Frankreich, als das Land Einwohner hat.

Boltanski: Und wenn Sie wollen, dass die Touristen kommen, dann brauchen Sie eine Bevölkerung, die das Land liebt, die sein Vermögen an Schlössern, Landgütern und anderen Immobilien pflegt, die freundlich zu Besuchern ist ...

ZEIT: ... etwas Englisch spricht ...

Boltanski: ... und den Leuten den Weg zeigt. Ich war kürzlich in Taiwan. Da gibt es das alles nicht. Warum? Man braucht es nicht. Dort finden Sie Industrie und billige Arbeitskraft vor, da ist eine Anreicherungsökonomie, wie wir sie beschreiben, nicht notwendig.

ZEIT: In Frankreich dagegen schrumpft die Bedeutung der Industrie, das Land besinnt sich stattdessen auf seine kulturellen Ressourcen. Aber ist Frankreich nicht ein Ausnahmefall?

Esquerre: Wir haben unsere Thesen in mehreren Ländern zur Diskussion gestellt, und jedes Mal stellte man uns diese Frage. Etwa in New York, wo es hieß: Na ja, das ist das alte Europa, aber nicht Amerika. Am folgenden Tag gingen wir dort spazieren, entlang der Luxusboutiquen, Uhrengeschäfte, Ausstellungen, und wir sahen Plakatwände mit Anspielungen auf die Kultur des 19. Jahrhunderts. Gewiss, in Ländern wie in Frankreich, Italien oder Spanien ist diese Ökonomie besonders entwickelt, in anderen konzentriert sie sich dagegen auf ein paar Regionen oder Orte wie Kyoto oder Berlin-Mitte.