Am Tag nach der Amtseinführung Donald Trumps marschierte ich gemeinsam mit Hunderttausenden Frauen und Männern in Washington. Während ich so über das Meer rosafarbener "Pussy-Mützen" in der Menschenmenge hinwegblickte, hoffte ich, dass die Märsche in den USA und die Schwestermärsche in Europa Auftakt für einen starken Widerstand gegen den populistischen, frauenfeindlichen, rassistischen, fremdenfeindlichen, autoritären weißen Zorn sein würden, der uns Trump, den Brexit und in ganz Europa immer mehr rechtsextreme Parteien beschert hat. Exakt eine Woche später setzte eine Bundesrichterin nach massiven Protesten am JFK-Flughafen Trumps "Muslim-Verbot" aus. Uns steht ein langwieriger und mühsamer Kampf bevor. Es wird Erfolge geben, und es wird Rückschläge geben, aber wir müssen hartnäckig, strategisch denkend, zäh und laut bleiben.

Wütende weiße Männer wählten Trump, die Stimme des Volkes sind sie nicht

Das Bild vom Scharlatan, der einer begeisterten Menge sein Quacksalberprodukt aufschwatzt, ist ein in Amerika wohlvertrautes Bild, und während des Wahlkampfs konnten die Medien gar nicht genug bekommen vom Trump-Zirkus. Sie räumten ihm deutlich mehr Zeit ein als Hillary Clinton, aber in der Reporterschaft glaubten nur wenige, dass der mürrische, herumstolzierende Fernsehstar tatsächlich die Wahl gewinnen würde. Doch jetzt, wo unser commander-in-chief auch weiterhin für die Kameras posiert und narzisstische Floskeln über die Größten, die Besten und die Tollsten absondert, ist es wichtig, dass die Medien seine verschlüsselte Prahlerei über Penisgröße genauso zu analysieren lernen wie seine Handlungen, die unsere Gesetze und Gepflogenheiten sowie die Stabilität der Republik selbst untergraben. Aber womit genau haben wir es zu tun?

Ist Trumpismus tatsächlich, wie so viele auf beiden Seiten des politischen Spektrums argumentieren, eine Gegenbewegung gegen die Globalisierung? Hat die gewöhnliche Arbeiterschaft rebelliert, Menschen, die vertrieben wurden vom Freihandel, einer neuen Weltordnung der internationalen Großunternehmen und der neoliberalen, angeblich durch Hillary Clinton verkörperten Agenda? Haben die inzwischen zu einer Partei der urbanen Eliten und der Minderheiten verkommenen Demokraten den Kontakt verloren zum "Volk", zur armen Arbeiterschaft dort draußen im Herzland der USA (wo ich aufgewachsen bin), zu Menschen, die nichts wollen, als mit ehrlicher Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Wieder und wieder wird diese Geschichte vorgetragen, und sie mag Teile der Wahrheit enthalten, aber wir sollten vorsichtig damit sein, sie als Erklärung hinzunehmen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017.

Europas rechtsgerichtete Bewegungen haben drei Dinge gemeinsam, sagt der niederländische Gelehrte Cas Mudde: Nativismus, Autoritarismus und Populismus. Damit ist auch perfekt der Trumpismus beschrieben. Trump führte einen rassistischen, gegen Einwanderung gerichteten Law-and-Order-Wahlkampf, in dem heftige Vorurteile gegen alles Kosmopolitische laut wurden. Populismus ist ein vager Begriff, der auf Bewegungen aus dem rechten wie dem linken Spektrum zutrifft, aber eines ist immer dabei: der Kampf zwischen anständigen, gewöhnlichen, hart arbeitenden Menschen und den bösen, unanständigen Eliten, die das Sagen haben. Bei der radikalen Rechten dagegen fühlten sich von dieser Ideologie nicht so sehr diejenigen angesprochen, die in wirtschaftlicher Not sind – Trump erhielt die Stimmen genauso vieler wohlhabender Wähler und Wählerinnen wie Hillary Clinton, und Clinton gewann die Mehrheit der Arbeiterschicht. Trumps Wählerschaft fühlte sich vielmehr kulturell bedroht. Ronald Ingelhart und Pippa Norris von der Harvard Kennedy School kommen zu dem Schluss, dass die These von der wirtschaftlichen Unsicherheit das Phänomen nicht erklärt. Ihre Erklärung: "kulturelle Werte in Kombination mit mehreren gesellschaftlichen und demografischen Faktoren".