Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Was die Regierung denkt oder was sie uns glauben machen möchte, erfährt man in der Türkei am besten aus der regierungstreuen Presse. Hier eine Auswahl der dortigen Schlagzeilen nach dem Merkel-Besuch: "Kamikaze-Kanzlerin", "Lehre in Sachen Terror", "Dreistigkeit, die das Fass zum Überlaufen bringt", "Er wies sie zurecht", "Er lehrte sie Mores" ...

Wen das überrascht, der sollte wissen, dass Erdoğan auf der gemeinsamen Pressekonferenz intervenierte, als Merkel von "islamistischem Terror" sprach, und dozierte: "Der Islam ist die Religion des Friedens." Die Erdoğan-nahe Presse machte daraus: "Der Staatspräsident wies Merkel zurecht, als sie offen provozierte."

Zweck solcher vor allem nach innen gerichteter Schlagzeilen ist es einerseits, Erdoğan glänzen zu lassen, und andererseits, Merkels kritische Bemerkungen zu kaschieren. Bei ihren vorherigen Besuchen konnte dieselbe Presse Merkel gar nicht genug rühmen. Hinter dem jetzigen Stimmungsumschwung in Ankara steckt der Stimmungswandel in Berlin.

Letzte Woche hatte ich an dieser Stelle bereits vermutet, dass Merkel einen anderen Ton anschlagen würde. Und so geschah es. Denn zum einen hat Erdoğans Autokratie mittlerweile unübersehbar antidemokratische Dimensionen angenommen, zum anderen erkannte Merkel, dass sie im Wahljahr nicht länger dazu schweigen kann. Im Grunde ging es beiden um die eigene Öffentlichkeit.

Merkel gab sechs klare Botschaften aus: Sie betonte die Gewaltenteilung und verwies damit auf Erdoğans Präsidial-Ambitionen, die Kontrolle von Justiz und Parlament anzustreben. Mit dem Verweis auf die Pressefreiheit erinnerte sie an die inhaftierten Journalisten. Mit Blick auf die inhaftierten Vorsitzenden und Abgeordneten einer Oppositionspartei unterstrich sie die Bedeutung der Opposition. Sie regte die Beobachtung des Referendums durch die OSZE an, damit teilte sie die Sorge, die Regierung könnte die Resultate manipulieren. Ihre Reaktion auf die Forderung, Gülenisten auszuliefern, lässt sich übersetzen mit: Bei uns laufen solche Dinge nicht per Anweisung an die Richter. Gleich darauf sprach sie die Aktivitäten der türkischen Religionsbehörde in Deutschland an und machte ihren Unmut darüber deutlich. Schließlich traf sie Vertreter der Oppositionsparteien und lieh damit auch "der anderen Türkei" ihr Ohr. Doch über diese Einzelheiten berichteten regierungsnahe Medien selbstverständlich nicht. Merkels Besuch in Ankara machte die Spannungen sichtbar, die sich bei den vorangegangenen Besuchen lediglich hinter verschlossenen Türen abgespielt hatten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

Zum Schluss noch etwas Persönliches: Die türkische Presse schrieb, in einem der Gesprächskapitel sei es um mich gegangen. Die türkische Regierung habe in Zweiergesprächen kritisiert, dass der deutsche Bundespräsident mich empfing, dass ich mit meiner neuen Internetplattform von Deutschland aus auf Sendung bin, dass ich vom deutschen Justizminister zu einer Rede auf seinem Neujahrsempfang eingeladen worden war. "Es gehört sich nicht, jemanden zu empfangen, der in der Türkei rechtskräftig verurteilt ist", kritisierte der türkische Justizminister seinen deutschen Kollegen.

Dazu ist zu sagen: Es liegt gar kein rechtskräftiges Urteil gegen mich vor. Es gehört sich nicht, dass ein türkischer Justizminister so etwas verdreht. Unsere von Deutschland aus betriebene Website #Özgürüz ("Wir sind frei") wurde noch vor ihrem Start in der Türkei gesperrt. Es gehört sich ebenso wenig, dass die Regierung eine Publikation zensiert, bevor sie deren Inhalt kennt. Im deutschen Justizministerium sprach ich über ebendiese Unrechtmäßigkeiten, wie wir sie in der Türkei erleben. Was sollen wir angesichts der Praxis der Regierung noch sagen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe